„Wir waren viele Male dort“: Ex-Mossad-Chef über Besuche in Irans Atombunker
Es ist einer jener Sätze, bei denen man zweimal hinhört. Der frühere Mossad-Direktor Yossi Cohen erklärte am Dienstag beim Galiläa-Forum in Safed: „Wir haben die Nuklearanlage Fordo viele Male besucht, um den Standort zu verstehen.“ Wann diese Besuche stattfanden und wer genau dort war, ließ er offen. Über die Äußerungen berichteten hebräischsprachige Medien, aufgegriffen von der Times of Israel.
Zur Bombardierung der Anlage durch die Amerikaner im Zwölf-Tage-Krieg vom Juni 2025 sagte Cohen: „Dass die Amerikaner sie bombardiert haben, war die Erfüllung all meiner Träume.“
Warum Fordo so besonders ist
Fordo liegt tief unter einem Berg bei Qom, geschützt durch Dutzende Meter Fels. Gemeinsam mit Natanz und Isfahan wurde die Anlage im Juni 2025 von amerikanischen Bunkerbrecher-Bomben schwer beschädigt. Berichten zufolge liegen die dort gelagerten 440 Kilogramm hochangereicherten Urans unter den Trümmern begraben. Israel geht allerdings davon aus, dass der Iran nach jenem Krieg einen Teil davon in den nahe gelegenen Komplex „Pickaxe Mountain“ verlagern konnte, jenen Berg, dessen Bombardierung Präsident Trump wiederholt angedroht hat und der bis heute unangetastet blieb.
Ein Satz, dem Fachleute widersprechen
Bemerkenswert ist eine zweite Äußerung Cohens. Uran, das auf 60 Prozent angereichert sei, so der frühere Geheimdienstchef, sei „noch weit von einer Bombe entfernt“.
Diese Einschätzung teilen führende Experten nicht. David Albright vom Washingtoner Institute for Science and International Security, dessen Satellitenauswertungen wir mehrfach zitiert haben, hält fest: Von 60 Prozent lässt sich waffenfähiges Material binnen Wochen, unter Umständen sogar binnen Tagen erreichen. Zum Vergleich: Für zivile Reaktoren genügen wenige Prozent, für eine Waffe braucht es rund 90 Prozent. In der Fachwelt gilt zudem als anerkannt, dass der weitaus größte Teil der technischen Arbeit bereits geleistet ist, wenn 60 Prozent erreicht sind.
Weitere Zitate aus Cohens Auftritt wurden nicht veröffentlicht.
Die Operation, die es nie gab
Wer verstehen will, was hinter dem Satz über die Besuche steckt, muss ins Jahr 2010 zurückgehen. Damals wurde Israel nach Cohens eigenen Angaben erstmals bewusst, was in Fordo geschieht. Der Mossad begann daraufhin, eine Operation zu planen, die er in einem Fernsehinterview im Januar so beschrieb: Wäre sie ausgeführt worden, „wäre es die größte Operation in der Geschichte des Landes gewesen“.
Sie wurde nie ausgeführt. Die Zweifel waren erdrückend: der immense Ressourcenbedarf, die schwindelerregende Komplexität, die Notwendigkeit fein abgestimmter Abläufe, die Zahl der benötigten Agenten und die Frage, wie man sie nach dem Angriff wieder aus dem Iran herausbekommt. Der Mossad wollte eigene Leute einsetzen statt im Ausland angeworbene Kräfte, was die Sache zusätzlich erschwerte. Nach Cohens Andeutungen wären mindestens mehrere Dutzend Menschen nötig gewesen.
Ministerpräsident Netanyahu, damals wie heute im Amt, soll sehr angetan gewesen sein und auf die Vorbereitungen gedrängt haben. Als Cohen 2016 Mossad-Chef wurde, hatte die Obama-Regierung jedoch das Atomabkommen mit Teheran unterzeichnet. Cohen verlor nach eigenen Worten seinen zuvor festen Glauben an die Durchführbarkeit. Der Plan wanderte in die Schublade, stattdessen sollte die IDF einen Angriff vorbereiten. Das Büro des Ministerpräsidenten bestätigte damals, es seien Angriffspläne entwickelt worden, „von denen einige wegen des 7. Oktober nicht möglich waren“, ohne das näher auszuführen.
Ein Mann, der gern erzählt
Cohen ist für solche Einblicke bekannt. Wenige Tage nach seinem Ausscheiden als Mossad-Chef gab er 2021 ein aufsehenerregendes Fernsehinterview. Darin deutete er an, sein Dienst habe die unterirdische Zentrifugenanlage in Natanz gesprengt, schilderte präzise den Diebstahl des iranischen Nukleararchivs aus einem Lagerhaus in Teheran im Jahr 2018 und bestätigte, dass der später ermordete Chef-Atomwissenschaftler Mohsen Fakhrizadeh jahrelang im Visier des Mossad gestanden habe.
Der Journalistin Ilana Dayan sagte er damals auch, er würde sie bei Gelegenheit gern in den unterirdischen „Keller“ von Natanz führen. Dorthin, wo „die Zentrifugen sich zu drehen pflegten“.
Genau dieselbe Vertrautheit klingt in dem Satz vom Dienstag an. Und genau deshalb wird man ihn in Teheran sehr genau gelesen haben.
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