Zwei Geheimdienste, zwei Antworten: Der offene Streit um den Angriff in Syrien
Es ist ungewöhnlich, dass ein israelischer Verteidigungsminister am Schabbat eine Erklärung veröffentlicht. Israel Katz tat es am Samstag, und der Anlass war ein amerikanischer Botschafter.
Zunächst zur israelischen Darstellung. Die IDF habe „mehrfach empfohlen“, den Flugplatz Abu al-Duhur anzugreifen, „angesichts klarer nachrichtendienstlicher Erkenntnisse über die Absichten der Türkei, dort Aktivitäten durchzuführen, die die Sicherheit des Staates Israel gefährden würden“. Ministerpräsident Netanyahu und er selbst hätten mehrere Beratungen mit der Armee und weiteren Sicherheitsbehörden geführt.
Entscheidend ist, was sie zuerst beschlossen: eine direkte Warnung an die höchste Ebene der syrischen Regierung, um den vermuteten türkischen Schritt zu verhindern. Die Erkenntnisse seien zudem mit den zuständigen amerikanischen Stellen geteilt worden. Erst als Damaskus nicht reagierte, gaben beide den Angriff frei.
Katz‘ Bilanz fiel bildhaft aus: „Erdogan wurde mit der Hand in der Keksdose erwischt und musste sich zurückziehen.“ Und grundsätzlich: „Wir werden keinem Akteur erlauben, die Sicherheit des Staates Israel zu gefährden, und wir werden gegen jede Bedrohung vorgehen. Das ist die zentrale Lehre aus den Ereignissen des 7. Oktober.“
Der Widerspruch aus Washington
Dem steht die Darstellung von Tom Barrack gegenüber, amerikanischer Botschafter in der Türkei und Sondergesandter des Präsidenten für Syrien und Irak.
Nach seinen Angaben unterrichtete Israel Washington rund sechs Tage vor dem Angriff darüber, dass die eigenen Erkenntnisse auf mögliche türkische Bewegungen zu dem Flugplatz hindeuteten. „Wir sind damit zu unseren jeweiligen Geheimdiensten zurückgegangen. Die Antwort, die wir bekamen, lautet: Nein, das findet nicht statt.“
Beide Zeitangaben fügen sich zusammen. Sechs Tage vor dem Angriff vom 18. August wäre der 12. August, zwei Tage später telefonierte der Mossad-Chef mit dem syrischen Außenminister. Erst danach fiel die Entscheidung. Insofern stützt Barracks eigene Chronologie die israelische Darstellung, wonach zuerst der diplomatische Weg versucht wurde.
Was bleibt, ist der inhaltliche Widerspruch: Aussage gegen Aussage, zwischen zwei verbündeten Diensten.
Die Theorie, die in Jerusalem für Empörung sorgt
Weiter ging Barrack in einem Interview mit dem Unternehmer Mario Nawfal. Auf die Frage nach dem Motiv nannte er zwei Erklärungsversuche, die er ausdrücklich als Theorien bezeichnete, nicht als nachrichtendienstlichen Befund.
Die erste: „Eine Theorie besagt, sie haben schlicht versucht, die Türkei zu ködern. Das ist ein sehr aggressiver Schritt, aber einer, der vor Wahlen gut ankommen könnte.“ Er verwies auf den Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die Türkei im Jahr 2015 und darauf, dass Wahlzeiten mitunter zu „irrationalem Urteil“ führten. Kampfflugzeuge, die ohne Abstimmung nahe einer Grenze operieren, nannte er ein „sehr gefährliches Spiel“.
Die zweite Theorie: ein Abstimmungsproblem innerhalb Israels, bei dem Armee, Mossad und das Büro des Ministerpräsidenten von unterschiedlichen Einschätzungen ausgingen. Gegenüber i24News sagte er, man sei „einen Schritt entfernt“ von einer militärischen Konfrontation zwischen der Türkei und Israel gewesen.
Der Satz über den Golan
Für den größten Aufruhr sorgte etwas anderes. Barrack erklärte in demselben Interview: „Auf dem Golan mit Syrien besetzen sie noch immer den Golan, entgegen den UN-Resolutionen, entgegen der gesamten internationalen Ordnung, die gesagt hat, der Golan gehört Syrien.“
Damit widersprach er der erklärten Politik seiner eigenen Regierung. Präsident Trump hatte 2019 die israelische Souveränität über die Golanhöhen anerkannt, es gilt als eine seiner markantesten außenpolitischen Entscheidungen. In den Vereinigten Staaten folgten Rücktrittsforderungen aus dem eigenen politischen Lager.
Katz antwortete scharf: „Die Reaktion des US-Gesandten Barrack ist voller Ungenauigkeiten und Positionen, die Trumps eigener Haltung zu den Golanhöhen widersprechen.“
Zum Vorwurf der Wahlkampfmotivation sagte er: „Der Versuch von Kräften in der Opposition und Teilen der Medien, die Operation in Syrien politisch einzufärben, entspringt einer Mischung aus Unkenntnis, mangelndem Verständnis für Israels Sicherheitsinteressen und dem beständigen Wunsch, die Regierung anzugreifen, und verdient jede Verurteilung.“
Was daneben geschah
Am selben Samstag flog die IDF einen weiteren Angriff in Syrien, gegen ein Fahrzeug in Beit Jinn im Umland von Damaskus. Syrische Medien meldeten einen Verletzten. Die Armee erklärte, man habe im Süden Syriens auf einen Terroristen gefeuert, der Anschlagspläne in fortgeschrittenem Stadium vorangetrieben habe und eine unmittelbare Bedrohung für die eigenen Kräfte dargestellt habe.
Aus Ankara kam eine weitere Eskalationsstufe: Die Türkei erließ einen neuen Haftbefehl gegen Netanyahu wegen des Vorwurfs des Völkermords.
Was bleibt
Am Ende dieser Woche steht ein Befund, der über den einzelnen Flugplatz hinausweist. Israel und die Vereinigten Staaten bewerten dieselben Erkenntnisse unterschiedlich. Der amerikanische Gesandte in Ankara vertritt öffentlich Positionen, die seiner Regierung widersprechen. Und zwischen Jerusalem und Ankara stand nach seiner eigenen Schilderung ein Schritt zwischen Zwischenfall und Zusammenstoß.
Ungeklärt bleibt die Frage, die den Streit ausgelöst hat: Warum wurde an einer seit Jahren stillgelegten Startbahn monatelang gebaut? Satellitenaufnahmen dieser Arbeiten kursieren seit Tagen, veröffentlicht von einem anonymen Aufklärungskanal. In wessen Auftrag gebaut wurde, hat bislang keine Seite öffentlich beantwortet.
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