Das Gerücht, das niemand belegen kann: Israels Syrien-Debatte und ihre Regie
Die israelische Öffentlichkeit beschäftigte sich in dieser Woche mit einem Rätsel. Ein „Bericht“ machte die Runde, wonach ein Land der Region einem anderen geraten habe, ein Abkommen mit Israel zu unterzeichnen und es nach einiger Zeit zu brechen.
Wer wem was geraten haben soll, blieb offen. Ebenso, wann die Gespräche stattfanden, auf welcher Ebene, in welchem Zusammenhang und wie ernst die Sache zu nehmen ist. Es begann ein Ratespiel. Als ratgebendes Land kamen Saudi-Arabien, Ägypten und die Türkei in Betracht. Über den Empfänger des Rates herrschte dagegen rasch Einigkeit: Syrien.
Genau hier setzt eine viel diskutierte Analyse von Dr. Michael Milshtein an, früherer Offizier im israelischen Militärgeheimdienst und heute Leiter des Forums für Palästinastudien am Dayan-Zentrum der Universität Tel Aviv. Seine Frage lautet nicht, ob das Gerücht stimmt. Sie lautet: Wem nützt es, und warum kommt es jetzt?
Die Regie hinter der Nachricht
Milshtein erinnert an frühere Fälle mit auffallend ähnlichem Muster: die Bild-Affäre um angebliche Sinwar-Zitate, die ihn als Gegner eines Geiselabkommens darstellen sollten, dazu wiederkehrende „Berichte“ über angebliche ägyptische oder türkische Angriffspläne, oft aus denselben Quellen und im selben Wortlaut.
Seine These: Hier speise jemand mit Interesse den israelischen Diskurs mit Informationen, deren Verlässlichkeit unklar bleibe, ob glaubwürdig, verzerrt, übertrieben oder frei erfunden. Der Zweck sei, das Bild eines Feindes zu konservieren, den man bekämpfen müsse, und Misstrauen gegenüber Arabern insgesamt zu verstärken.
Auch der Zeitpunkt sei zu hinterfragen. Vor der Wahl passe die Botschaft zu einer verbreiteten Linie im rechten Lager: keine Bindungen zu arabischen Parteien, Distanz zur arabischen Öffentlichkeit. Und sie liefere zwei weitere Begründungen gleich mit, nämlich warum die Normalisierung mit Saudi-Arabien nicht vorankam, und warum Israel sich aus eroberten Gebieten nicht zurückziehen dürfe, besonders in Syrien.
Der Mann, der nicht ins Raster passt
Was die Sache so schwierig macht, ist Ahmad al-Sharaa selbst. Der Mann mit dschihadistischer Vergangenheit, der im Dezember 2024 Damaskus einnahm und mehr als ein halbes Jahrhundert alawitischer Herrschaft beendete, lässt sich schwer als eindeutiger Feind zeichnen.
Er tauschte Kampfanzug gegen Anzug und Krawatte. Er spricht gemäßigt, gilt international und besonders in der arabischen Welt als anerkannte Figur, die den iranischen Einfluss zurückdrängt. Präsident Trump lobt ihn und arbeitet daran, Syrien von der Liste der Terrorunterstützer zu streichen. In dieser Woche vereinbarte al-Sharaa mit Russland, Assads einstigem Schutzherrn, eine reduzierte Militärpräsenz an einigen Standorten. Er stimmte zu, Bestandteile des syrischen Nuklearprogramms an die IAEA und die Amerikaner zu übergeben.
Auch beim Libanon zeigt er sich zurückhaltend. Trump drängt ihn seit Monaten, einzumarschieren und gegen die Hisbollah vorzugehen. Al-Sharaa lehnt ab, schließt sogar Gespräche mit der Hisbollah nicht aus und schickte seine Beraterin Farah al-Atassi nach Beirut mit der Botschaft „ausgestreckte Hand und null Probleme“.
Im Inneren bleibt es schwieriger. Die Spannungen mit Minderheiten dauern an, in seinem eigenen Lager gibt es extremistische Kräfte, denen die Massaker des vergangenen Jahres an Drusen, Alawiten und Kurden zugerechnet werden.
Der Golan, sehr persönlich
Wie tief die Golanfrage sitzt, machte al-Sharaa in einem ungewöhnlichen Al-Jazeera-Interview deutlich. Er ging mit dem Moderator Ali al-Zafiri durch sein Kindheitsviertel in Damaskus, vom Elternhaus, das er als „nasseristisch-national, ganz sicher nicht islamistisch“ beschreibt, zur Grundschule und zur Moschee, in der seine Hinwendung zu islamistischen Ideen begann. Unterwegs traf er Anwohner, umarmte Kinder, machte Selfies.
Sein Satz zur Sache: „Die Vertreibung vom Golan ist in meine Identität eingebrannt, weil meine Familie aus der Gegend stammt. Das Land, das meine Familie verlor, die 1967 vom Golan vertrieben wurde, und der Traum von der Rückkehr dorthin waren in den Gesprächen in unserem Haus immer gegenwärtig.“
Zusätzlich befeuert wurde die Debatte in Syrien durch eine Erklärung aus Bogotá: Kolumbiens neuer Präsident erkannte die israelische Souveränität über den Golan an, ein Schritt, der in der gesamten arabischen Welt Angriffe auslöste.
Was in den Schulbüchern steht
Ein Detail ging im Lärm unter, obwohl es konkreter ist als jede Absichtserklärung. Die neuen syrischen Schulbücher enthalten neben scharfer Feindseligkeit gegenüber dem Iran auch negative Haltungen zu Israel. Der Unterschied zur Assad-Zeit ist jedoch erheblich: Israel wird beim Namen genannt, und der Zweck des Konflikts wird nicht mehr als Fortschritt in Richtung seiner Vernichtung oder als Unterstützung der palästinensischen Sache definiert, sondern als Mittel zur Verwirklichung der syrischen Gebietsintegrität.
Ähnlich klingt es in den Medien und bei religiösen Autoritäten. Von Frieden oder Normalisierung spricht niemand, aber viele befürworten eine Regelung. Die Kritik richtet sich vor allem gegen die israelische Kontrolle der Sicherheitszone und gegen Vorstöße der IDF darüber hinaus.
Der Streit unter den Fachleuten
Wie tief die Uneinigkeit reicht, zeigen zwei Stimmen.
Carmit Valensi vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien warnt vor einer binären Sicht von entweder Krieg oder Frieden. Al-Sharaa sei mit der Stabilisierung seiner wackligen Herrschaft beschäftigt und habe kein Interesse an einer Konfrontation, in der er hoffnungslos unterlegen wäre. Israel solle klug und vorsichtig handeln, aber nicht kategorisch von einer „Falle“ ausgehen. Denkbar sei eine Regelung auf Grundlage eines schrittweisen Rückzugs, verbunden mit Entmilitarisierung Südsyriens, amerikanischer Beteiligung, Garantien für die Drusen und dem Erhalt israelischer Handlungsfreiheit.
Reda Mansour hält dagegen: Das Regime sei dschihadistisch und werde bestenfalls islamistisch. Jeder Akteur, der heute mit Damaskus rede, verfolge eigene Interessen. Europa wolle Flüchtlinge zurückschicken, die Golfstaaten am Wiederaufbau verdienen, die Türkei sehe Syrien als Baustein einer sunnitischen Achse. Israel könne bestenfalls ein Sicherheitsabkommen erreichen, unter dessen Deckung al-Sharaa eine moderne Armee aufbaue. Ein hastiger Rückzug aus Südsyrien und die Preisgabe der Drusen führten schnell zu türkischer Präsenz an Israels Nordgrenze und zu einem Vertrauensverlust in der ganzen Region.
Das Argument mit al-Hudaibiya
Bemerkenswert ist ein Einwand, den Milshtein gegen eine in dieser Woche vielfach wiederholte Behauptung erhebt. Zahlreiche Kommentatoren und Politiker beriefen sich auf den Vertrag von al-Hudaibiya, den Mohammed im siebten Jahrhundert mit seinen Gegnern schloss und später brach, als Beleg dafür, dass Israels Feinde stets nach diesem Muster verführen.
Milshtein hält dagegen: Dieselbe historische Anspielung diente arabischen Führern sowohl bei den Abraham-Abkommen, einschließlich der Vereinbarung mit den Emiraten, als auch beim Friedensvertrag mit Ägypten dazu, religiöse Rechtsgutachten für den Frieden zu gewinnen. Das Beispiel taugt also in beide Richtungen.
Milshteins Schluss
Ob al-Sharaa ein zynischer Politiker sei, dem Ideologie nie etwas bedeutete, oder ein „Dschihadist in Verkleidung“, lasse sich nicht sicher sagen. In beiden Fällen seien Vorsicht und Skepsis geboten. Nur: So wenig man in ihm einen „neuen Sadat“ sehen dürfe, so wenig müsse man eine Konfrontation planen oder ihn zur „tickenden Zeitbombe“ erklären.
Was Milshtein wirklich beunruhigt, ist die Beschaffenheit der Debatte. Ein Diskurs, in dem Schlussfolgerungen der Analyse vorausgehen, Fakten nicht als wesentlich gelten und Kritik als Schwäche oder gar als „Feind im Inneren“ behandelt wird.
Und er schließt mit einer Prognose, die unbequem ist: Israel, das lieber auf gehaltenes Gebiet, fortgesetzte Gewaltanwendung und die Vermeidung diplomatischer Verhandlungen setzt, besiege an keiner Front seine Feinde, löse aber auch seine Dilemmata nicht. Auch in Syrien werde am Ende Trump die Entscheidung für Israel treffen, so wie im Libanon und wie derzeit in Gaza.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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