Neue Front im Norden: Wie nah Israel und die Türkei an einer Eskalation vorbeischrammten

Der israelische Luftangriff auf den syrischen Luftwaffenstützpunkt Abu al-Duhur am 18. August, rund 60 bis 70 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt, hat eine gefährliche Dynamik zwischen Israel und der Türkei offengelegt. Die israelische Armee (IDF) wollte damit nach eigenen Angaben verhindern, dass türkische Truppen dort Radar- und Luftabwehrsysteme stationieren, was aus israelischer Sicht eine „rote Linie“ darstellt. Ministerpräsident Netanyahu bestätigte den Angriff und erklärte, Israel habe die Türkei zuvor wiederholt gewarnt.

Nach Angaben des amerikanischen Botschafters in der Türkei und Sondergesandten für Syrien, Tom Barrack, geriet die Lage dabei kurzzeitig außer Kontrolle: Die türkischen Streitkräfte hätten nicht gewusst, welches Ziel die anfliegenden israelischen Maschinen hatten, und seien nahe daran gewesen, eigene Abfangjäger zu starten. Ein direkter Zusammenstoß zwischen den Luftstreitkräften zweier enger US-Verbündeter sei nur knapp ausgeblieben, so Barrack.

Ein Kommentator des israelischen Senders N12, Arad Nir, ordnete den Vorfall diese Woche in einer Analyse in einen historischen Kontext ein. Ähnliche Warnsignale habe es bereits im November 2015 gegeben, als die türkische Luftwaffe einen russischen Suchoi-24-Bomber abschoss, nachdem dieser nach türkischer Darstellung kurzzeitig in den türkischen Luftraum eingedrungen war. Die Folgen damals: massive russische Wirtschaftssanktionen gegen Ankara und ein erzwungener Kauf russischer S-400-Luftabwehrsysteme, der wiederum zum Ausschluss der Türkei aus dem amerikanischen F-35-Programm führte. Nir und mit ihm zitierte türkische Kommentatoren vermuten, genau diese Erfahrung habe die Türkei bislang von einer schärferen Reaktion auf den jüngsten israelischen Angriff abgehalten.

Seeflotte als türkischer Trumpf

In seiner Analyse verweist Nir zudem auf ein militärisches Kräfteverhältnis, das in Israel oft übersehen werde: Während die Türkei in der Luft im Vergleich zu Israel im Nachteil sei, verfüge sie zur See über eine deutliche Überlegenheit. Die türkische Marine gilt als die größte im Mittelmeer und weltweit als zehntgrößte, während die israelische Marine laut Nir auf Platz 32 liege. Die Türkei verfüge über 195 Schiffe gegenüber 52 auf israelischer Seite sowie über 13 aktive U-Boote gegenüber sechs israelischen. Zudem baue die Türkei derzeit mit beschleunigtem Tempo einen eigenen Flugzeugträger in Istanbul.

Nir mahnt in seinem Kommentar zur Vorsicht: Sollte die politische Führung Israels, wie es Berichten zufolge in der vergangenen Woche der Fall gewesen sei, weiterhin gegen den Rat der militärischen Führung auf Konfrontation setzen, drohe eine Eskalation, bei der die Türkei ihre Stärke ausgerechnet dort ausspielen könnte, wo Israel schwächer ist: auf See.

Warnung vor der „neuen Achse“

Deutlich schärfer fiel die Einordnung des Nahost-Experten Yoni Ben-Menachem aus, der die Entwicklung in einem Interview mit dem rechtskonservativen Sender Channel 14 kommentierte. Ben-Menachem bezeichnete die Türkei unter Präsident Erdoğan als die „neue Iran“ und forderte die USA auf, klare rote Linien zu ziehen, um eine direkte militärische Konfrontation zwischen Israel und der Türkei auf syrischem Boden zu verhindern. Ohne dies näher zu belegen, behauptete er zudem, der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Sharaa sei in Wahrheit ein türkischer Agent, den Ankara an die Macht gebracht habe.

Für den Fall eines Wahlsiegs des rechten Lagers bei den kommenden israelischen Wahlen hält Ben-Menachem eine militärische Konfrontation mit der Türkei in Syrien für kaum vermeidbar. Bei einem Sieg des linken Lagers wiederum, so seine These, würde eine Regierung, die auf Pufferzonen in Syrien, Libanon und Gaza verzichten wolle, der Türkei eine Annäherung an die israelische Grenze erleichtern. Zum Iran äußerte sich Ben-Menachem ebenfalls skeptisch: Trotz relativer Ruhe an dieser Front rüste Teheran nach seiner Einschätzung weiter auf, unter anderem bei ballistischen Raketen und Drohnen, und plane möglicherweise eine Offensive vor den amerikanischen Zwischenwahlen.

Diese Einschätzungen stammen von einzelnen Kommentatoren und sind bislang nicht unabhängig bestätigt. Übereinstimmend berichten jedoch mehrere internationale Medien, dass die USA seit dem Vorfall an einem Koordinierungsmechanismus zwischen Israel, der Türkei und Syrien arbeiten, um genau eine solche unbeabsichtigte Eskalation künftig zu verhindern.

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