Das Fenster steht offen, doch wie lange? Israels schwierige Rechnung mit Damaskus
Syriens Präsident Ahmed al-Sharaa hat erneut ein Sicherheitsabkommen mit Israel in Aussicht gestellt. Das ist nicht neu, er sagt es seit seinem Machtantritt im Dezember 2024 in Abständen. Neu ist der Zeitpunkt: Die Äußerung fällt in eine Phase, in der der Ton aus Damaskus deutlich schärfer geworden war, vor allem wegen der anhaltenden israelischen Militärpräsenz und der Razzien im Süden des Landes. Dass Sharaa gerade jetzt wieder von einer Regelung spricht, deutet darauf hin, dass das diplomatische Fenster offen bleibt. Die Frage ist, was Israel damit anfangen soll.
Was auf dem Tisch liegt
Der Kern der seit Monaten laufenden, amerikanisch vermittelten Gespräche ist überschaubar. Syrien will den Rückzug israelischer Truppen aus den nach Assads Sturz besetzten Gebieten, die Wiederherstellung der 1974 vereinbarten Pufferzone und ein Ende der Luftangriffe und Bodenoperationen. Israel will die Entmilitarisierung Südsyriens, belastbare Kontroll- und Durchsetzungsmechanismen, Schutz für die Drusen und die Freiheit, gegen neue Bedrohungen selbst zu handeln. Der Golan kam in den Gesprächen bislang nicht zur Sprache; die syrische Seite verschiebt ihn nach eigener Darstellung „in die Zukunft“.
Der mögliche Gewinn für Israel wäre erheblich: eine stabilisierte Nordgrenze, ein Riegel gegen die Rückkehr des Iran und der Hisbollah nach Syrien, eine verantwortliche Ordnungsmacht in Damaskus, vielleicht später der Einstieg in eine größere regionale Initiative. Auch amerikanische Analysten sehen das so. David Adesnik von der Foundation for Defense of Democracies, einem israelfreundlichen Washingtoner Institut, formuliert es nüchtern: Beide Länder hätten dringendere Prioritäten als einen Konflikt miteinander.
Das Problem mit dem Partner
Nur ist Gelegenheit nicht Gewissheit. Das Regime in Damaskus ist fragil, seine Kontrolle über das Land bleibt Stückwerk. Schätzungen zufolge beherrscht die Zentralregierung 50 bis 60 Prozent des Staatsgebiets, den Rest halten lokale Milizen, Stämme, kurdische Verbände, türkisch gestützte Fraktionen und drusische Gemeinschaften. Die neue Armee entsteht im Eiltempo, und Männer mit dschihadistischer Vergangenheit sind in staatliche Institutionen eingerückt.
Carmit Valensi, Syrien-Expertin am israelischen Institut für Nationale Sicherheitsstudien, formuliert daraus die eigentlich entscheidende Verschiebung der Fragestellung: Es gehe nicht darum, ob Sharaa ein Partner sei, sondern ob sich ein Abkommen so bauen lasse, dass es Israel auch dann schützt, wenn seine Absichten sich ändern oder seine Regierung ihre Zusagen nicht durchsetzen kann. Vertrauen sei die falsche Grundlage. Ein Abkommen im Nahen Osten messe sich nicht an den Absichten am Tag der Unterschrift, sondern an seiner Belastbarkeit gegenüber dem Bruch am Tag danach.
Daraus leiten sich vier Bedingungen ab, die in israelischen Fachkreisen breit geteilt werden: ein schrittweiser Rückzug auf die Linien von 1974, jede Etappe abhängig davon, ob Damaskus Terror, Infiltration und Waffenschmuggel im Grenzraum tatsächlich unterbindet; eine echte Entmilitarisierung des Südwestens, frei von schweren Waffen, strategischen Systemen, bewaffneten Milizen und fremder Militärpräsenz; substanzielle amerikanische Garantien mit Beteiligung an Überwachung und Durchsetzung statt einer Zeremonie mit Unterschrift; und schließlich Sicherheiten für die Drusen.
Der Riss, über den kaum jemand spricht
Weniger beachtet, aber vielleicht entscheidend ist eine Meinungsverschiedenheit zwischen Washington und Jerusalem darüber, was „Entmilitarisierung“ überhaupt bedeutet. Für die Amerikaner heißt das: keine schweren Waffen jenseits einer definierten Linie, Obergrenzen für Truppenstärken, internationale Beobachter, festgelegte Verfahren bei Verstößen. Für Israel heißt es etwas anderes, nämlich eine Pufferzone unter faktischer israelischer Kontrolle, mit operativer Bewegungsfreiheit, nachrichtendienstlichem Zugriff und der Möglichkeit zum präventiven Eingreifen. Zwischen diesen beiden Definitionen liegt der eigentliche Verhandlungsraum.
Ebenso heikel ist die Drusenfrage, und hier lohnt der Blick über den israelischen Tellerrand. Aus Jerusalemer Sicht sind Schutzgarantien für die Gemeinschaft in Suweida sowohl moralische Pflicht als auch strategisches Interesse, zumal viele israelische Drusen in der IDF dienen und familiäre Bindungen über die Grenze pflegen. Kritiker im Westen, etwa am Washingtoner Atlantic Council, halten dagegen, Israels selektives Engagement für einzelne drusische Fraktionen vertiefe die konfessionellen Gräben und schwäche am Ende genau jene Gemeinschaft, die es schützen wolle. Arabische Analysten gehen weiter und werten die israelischen Zonenpläne als Eingriff in Syriens Souveränität. Beide Einwände muss man nicht teilen, kennen sollte man sie, denn sie prägen das internationale Umfeld, in dem verhandelt wird.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
Wenn du das schätzt, kannst du unsere Arbeit direkt unterstützen.
Einfach und sicher per via PayPal
Related Posts
Türkischer Forscher: Türkische Armee kann Tel Aviv innerhalb von 72 Stunden einnehmen
Ob er daraufhin einen direkten Angriff auf Israel verüben wird, ist unwahrscheinlich, aber Israel steht…
Gespräche mit dem Iran zum Scheitern verurteilt?
Irans Atomchef Islami: „Wir werden weiterhin Uran anreichern – und dem Westen die Augen ausstechen“…
Netanjahu versichert Eltern von Geiseln: Israel arbeitet an Abkommen zur Freilassung von zehn Geiseln
Geiselforum und Tikva-Forum fordern: Alle Geiseln müssen auf einmal freikommen; Ägyptische Quelle: Hamas bittet um…
Verwirrung um Verhandlungsort – Iran lehnt Uran-Transfer ab
Die jüngsten diplomatischen Bemühungen zwischen den USA und dem Iran stehen auf wackligen Füßen. Zwar…
