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08 Aug 2026

Wer bestellt morgen Israels Felder? Die Suche nach einer neuen Generation von Landwirten

Es ist eine Zahl, die im nationalen Ernährungssicherheitsplan der israelischen Regierung fast beiläufig steht, und die doch alles über ein Land aussagt, dessen Gründungsmythos das Bebauen des Bodens war: Beim letzten Landwirtschaftszensus im Jahr 2017 lag das Durchschnittsalter israelischer Landwirte bei 59 Jahren.

Jedes Jahr treten rund 100 neue Landwirte in den Beruf ein. Gebraucht würden nach Schätzung der landwirtschaftlichen Beratungsdienste zwischen 600 und 700. Das Yesodot-Institut rechnet mit 425 bis 750, je nach Zielsetzung. Wie man es auch dreht: Die Lücke ist gewaltig, und sie wächst.

Die Rechnung, die nicht aufgeht

Der Zusammenhang mit der Ernährungssicherheit ist unmittelbar. Israels Bevölkerung soll von 9,6 Millionen im Jahr 2022 auf 15,7 Millionen im Jahr 2050 wachsen, ein Plus von 64 Prozent. Entsprechend steigt der Bedarf an Nahrungsmitteln von 7,5 auf 12,4 Millionen Tonnen. Der Plan der Regierung setzt deshalb ein ehrgeiziges Ziel: Die pflanzliche Erzeugung im Land soll bis 2050 um 65 Prozent zulegen.

Nur wächst die Fläche nicht mit, im Gegenteil. Israel verfügt über rund 4,1 Millionen Dunam landwirtschaftliche Nutzfläche, ein Dunam entspricht 1.000 Quadratmetern. Pro Kopf sind das 0,41 Dunam, während der weltweite Durchschnitt bei zwei Dunam liegt. Bis 2050 dürfte der israelische Wert auf 0,25 Dunam sinken. In neun Jahren verloren 289.000 Dunam ihre landwirtschaftliche Widmung, rund 30.000 pro Jahr; etwa 150.000 davon wurden tatsächlich bewirtschaftet. Die Umwidmung von Agrarland ist ein Vorgang ohne Rückweg. Ein nationaler Flächennutzungsplan für die Landwirtschaft existiert bislang nicht.

Mehr Ertrag also, auf weniger Boden, mit weniger Menschen. In der Landwirtschaft arbeitet heute weniger als ein Prozent der israelischen Erwerbstätigen, im OECD-Schnitt sind es 4,5 Prozent. Etwa die Hälfte der Arbeitskräfte auf den Feldern sind ausländische oder palästinensische Arbeiter.

Warum so wenige kommen

Am Interesse liegt es nicht. Nach Untersuchungen des Yesodot-Instituts besteht eine erhebliche Nachfrage junger Menschen nach landwirtschaftlichen Berufen. Die Hindernisse liegen woanders.

Da ist das Kapital: Wer einen Betrieb aufbaut oder übernimmt, braucht erhebliche Investitionen. Ein Förderprogramm für Neueinsteiger lief nach Angaben desselben Instituts 2019 und 2020, dann wurde es eingestellt. Staatlich verbürgte Kredite gibt es, doch nur wenige Landwirte kommen an sie heran. Banken schrecken vor einer Branche zurück, in der das Risiko hoch und der Ertrag schwankend ist.

Da ist der Zugang zu Land, oft geregelt durch Vorschriften, die kleine Parzellen und Quereinsteiger benachteiligen. Und da ist die Ausbildung: Ein durchgehendes Programm, das einen Neueinsteiger von der Schulung über die Vermittlung bis in die ersten Betriebsjahre begleitet, gab es lange nicht.

Der Plan benennt die Folge nüchtern: Ältere Landwirte ohne Nachfolgeperspektive investieren nicht mehr und führen keine neuen Technologien ein. Wissen und Können gehen verloren, und wo eine Anbaukultur einmal verschwunden ist, lässt sie sich kaum wiederbeleben.

Was jetzt versucht wird

Genau hier setzt das Programm „Neue Generation in der Landwirtschaft“ an, mit dem erklärten Ziel von etwa 500 Neueinsteigern pro Jahr. Vorgesehen sind betriebswirtschaftliche Begleitung, Zuschüsse und Kapitalhilfen über die Gründungsphase hinweg, die Erschließung von Flächen und Produktionsmitteln sowie Instrumente für die Übergabe des Familienbetriebs an die nächste Generation.

Ein eigener Zweig richtet sich an Menschen, die in den vergangenen Jahren etwas anderes getan haben: „Kämpfer in die Landwirtschaft“ (Lochamim LaChakla’ut) wirbt gezielt um entlassene Soldaten und Reservisten und bietet ihnen Vergünstigungen, Schulungen und Förderung für den Weg aufs Feld. Nach fast drei Jahren Krieg ist das mehr als ein Rekrutierungsprogramm. Es ist ein Angebot an Menschen, die eine neue Aufgabe suchen.

Parallel arbeiten die Kibbuzbewegung und das Landwirtschaftsministerium an Bausteinen, die früher ansetzen: fachliche Ausbildungsinhalte für Jugendliche, Stipendien, ein landwirtschaftlicher Vorbereitungsdienst vor und nach dem Militär, Anreize und eigens hergerichtete Unterkünfte für junge Menschen, die nach der Armee in den Beruf einsteigen wollen. Die Organisation HaSchomer HaChadasch führt in der Region Chevel Tkuma Neueinsteiger mit erfahrenen Landwirten zusammen.

Warum das mehr ist als Agrarpolitik

Der Regierungsplan zählt die Beiträge der heimischen Landwirtschaft auf, und die Liste reicht weit über die Versorgung hinaus. Da ist der wirtschaftliche Nutzen, gerade in der Peripherie. Da ist die Forschung, für die Israel weltweit bekannt ist. Da ist die soziale Rolle im ländlichen Raum.

Und da ist ein Punkt, der in keinem deutschen Agrarbericht stünde: der sicherheitspolitische Beitrag. Die landwirtschaftlichen Flächen in der Peripherie und entlang der Grenzen, heißt es im Plan, sichern die Kontrolle über das Land, indem sie bearbeitet und entwickelt werden. Wer die Karte des vergangenen Kriegsjahres kennt, weiß, was gemeint ist. Rund zwei Drittel der Agrarflächen liegen in nationalen Vorranggebieten, überwiegend im Norden und Süden.

Die Frage, wer morgen Israels Felder bestellt, ist damit keine Frage für Fachleute allein. Sie entscheidet mit darüber, was auf den Tellern liegt, wer in der Peripherie lebt, und wie viel Boden bearbeitet bleibt. Beantworten müssen sie Menschen, die sich für einen Beruf entscheiden, in dem die Arbeit früh beginnt, das Wetter mitregiert und der Ertrag ungewiss bleibt. Etwa 500 von ihnen, Jahr für Jahr.

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