Wenn die Aufräumtruppe die Seiten wechselt: Israelische Forscher entschlüsseln einen Trick des Krebses
Ein Team der Universität Tel Aviv hat aufgeklärt, wie Tumore eine der nützlichsten Funktionen des Immunsystems für sich umlenken. Die Arbeit erschien im Fachjournal Science Immunology und stammt aus der Gray-Fakultät für Medizin und Gesundheitswissenschaften, geleitet von Dr. Merav Cohen und den Doktoranden Roi Balaban und Ori Moskowitz.
Der Job der Fresszellen
Im Zentrum stehen Makrophagen, auf Deutsch Fresszellen. Sie patrouillieren durch den Körper und beseitigen abgestorbene und beschädigte Zellen, ein Vorgang, den die Fachwelt Efferozytose nennt. Ohne ihn würde Gewebe verkommen und sich entzünden. Dass Tumore Makrophagen für sich einspannen können, war bekannt. Unklar blieb, wie aus gesunden Immunzellen tumorfreundliche Helfer werden.
Genau das haben die israelischen Forscher nun sichtbar gemacht. Dafür entwickelten sie eine Methode namens Effero-seq. Sie markiert abgestorbene Zellen mit einem Farbstoff, der auf den Säuregehalt im Inneren der Fresszelle reagiert, und verfolgt anschließend an einzelnen Zellen, wie sich deren Genaktivität mit der Zeit verändert. Man kann dem Umprogrammieren also zusehen.
Zwei Effekte, beide zugunsten des Tumors
Das Ergebnis am Melanom-Modell der Maus fiel eindeutig aus. Fresszellen, die tote Krebszellen aufgenommen hatten, schalteten Gene an, die die Bildung neuer Blutgefäße im Tumor fördern. Diese Gefäße versorgen die Geschwulst mit Sauerstoff und Nährstoffen und beschleunigen ihr Wachstum. Besonders ausgeprägt war der Effekt bei Zellen in unmittelbarer Nähe zu bestehenden Gefäßen.
Der zweite Effekt wiegt womöglich noch schwerer. Die Aufnahme der toten Krebszellen veränderte die Zugänglichkeit des Erbmaterials selbst, was Fachleute Chromatin-Umbau nennen. In der Folge reagierten die Fresszellen schwächer auf Interferon-gamma, jenen Botenstoff, mit dem das Immunsystem normalerweise die Abwehr gegen Krebszellen scharf stellt. Die Zellen fördern den Tumor also nicht nur, sie hören zugleich schlechter auf die Alarmsignale.
Der Befund beim Menschen
Damit war die Frage offen, ob das über den Tierversuch hinaus Bedeutung hat. Die Forscher werteten deshalb Daten von Patienten mit Aderhautmelanom aus, einer seltenen Krebsform des Auges. Der Befund war klar: Wer in seinem Tumor mehr Immunzellen mit der beschriebenen Gensignatur trug, hatte im Durchschnitt schlechtere Überlebenschancen. Das ist ein statistischer Zusammenhang, kein Beweis für Ursache und Wirkung, aber ein starkes Indiz, dass der Mechanismus auch beim Menschen eine Rolle spielt.
Was folgt daraus? Künftige Therapien könnten sich nicht allein gegen die Krebszellen richten, sondern gegen den Vorgang, der Immunzellen zu deren Verbündeten macht. „Je besser wir diese Mechanismen verstehen, desto besser sind wir gerüstet, Behandlungen zu entwickeln, die sie blockieren und dem Immunsystem seine Fähigkeit zurückgeben, den Krebs zu bekämpfen“, sagt Cohen. Die Forschung weise auf ein neues, vielversprechendes therapeutisches Ziel, eines, das nicht nur die Krebszellen selbst in den Blick nehme, sondern die Prozesse, die ihnen das Gedeihen ermöglichen.
Eine Einschränkung machen die Forscher ausdrücklich: Der Ansatz ist experimentell. Bis zu einer Anwendung am Krankenbett braucht es weitere Studien. Doch wer wissen will, warum Israel als Forschungsstandort so hoch gehandelt wird, findet in dieser Arbeit ein gutes Beispiel: Aus einer klugen Messmethode wird ein neues Verständnis, und daraus vielleicht eines Tages eine Behandlung.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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