Verhandeln, während die Truppen stehen: Syriens Präsident wirbt für ein Sicherheitsabkommen mit Israel
Der Mann, der vor gut anderthalb Jahren an der Spitze islamistischer Rebellen Baschar al-Assad stürzte, spricht heute über Frieden mit Israel. Syriens Präsident Ahmed al-Sharaa erklärte in einem Interview mit Al Jazeera, sein Land arbeite an einem Sicherheitsabkommen mit Israel. Gelinge es, könne es den Weg zu einem umfassenden Frieden zwischen beiden Nachbarn ebnen, ohne dass Syrien seinen Anspruch auf die Golanhöhen aufgebe. An den Verhandlungen seien mehrere Staaten beteiligt; Damaskus versuche, eine größere Gruppe von Ländern einzubinden, um Israel zu einer ausgewogeneren Politik gegenüber Syrien zu bewegen. Sein Kernsatz: „Wir vermeiden es, in Konfrontationen zu geraten.“
Im Zentrum der Gespräche steht die Pufferzone, die Israel nach Assads Sturz Ende 2024 besetzte. Israelische Truppen rückten damals in die entmilitarisierte Zone vor, einschließlich der syrischen Seite des Hermon, von der aus sich Damaskus überblicken lässt. Ein Abkommen soll das Trennungsabkommen von 1974 wiederbeleben, das nach dem Jom-Kippur-Krieg eine UN-überwachte Pufferzone geschaffen hatte und aus israelischer Sicht mit dem Zusammenbruch des Assad-Regimes hinfällig wurde.
Beide Staaten unterhalten keine diplomatischen Beziehungen und befinden sich formal im Kriegszustand. Dennoch gab es seit Assads Sturz mehrere Runden amerikanisch vermittelter Gespräche. Im Januar einigte man sich auf einen Mechanismus zum Austausch von Geheimdienstinformationen sowie darauf, diplomatische und wirtschaftliche Kontakte zu fördern. Washington bringt Berichten zufolge eine trilaterale Koordinierungszelle ins Spiel, die Entmilitarisierung und Sicherheit entlang der Grenze überwachen soll. Die Golanhöhen selbst, 1967 erobert und 1981 annektiert, klammert Sharaa aus: Ein solches Arrangement bedeute keinen Verzicht.
Die Lücke zwischen Wort und Lage
Wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderliegen, zeigte derselbe Tag. Während Sharaa über Frieden sprach, meldeten syrische Stellen israelische Militäraktivität im Süden des Landes; Außenminister Asaad al-Schaibani hatte tags zuvor den Abzug aus der Pufferzone gefordert und die anhaltenden Operationen eine „direkte Bedrohung für die Sicherheit der Region“ genannt. Israelische Vertreter erklären ihrerseits, man beabsichtige, in Südsyrien zu bleiben, in einer Zone, die man als Sicherheitsgürtel betrachtet.
Zeitgleich besuchte UN-Generalsekretär António Guterres Syrien, als erster UN-Chef seit 2009. Er nannte das Land in einem „Moment der Chance“ nach dreizehn Jahren Krieg, forderte Respekt für dessen Souveränität und erklärte, Verletzungen des Abkommens von 1974 durch Israel seien inakzeptabel und müssten aufhören.
Nein zu Trumps Libanon-Idee
Deutlich wurde Sharaa bei einer Frage, die ihn seit Monaten verfolgt. US-Präsident Trump drängt Syrien wiederholt, militärisch gegen die Hisbollah im Libanon vorzugehen; Israel wisse nicht, wie man diese Miliz bekämpfe, „ohne Gebäude einzureißen“, sagte Trump und deutete an, er sei kurz davor, die Aufgabe an Syrien zu übergeben. Sharaa lehnte erneut ab. Sein Land werde nicht militärisch eingreifen, sondern die libanesische Regierung bei ihren Bemühungen um die Entwaffnung unterstützen; das Kabinett berate, wie das ohne Truppen gelingen könne. Er sprach sich zugleich klar dafür aus, Waffen und Entscheidungsgewalt im Libanon allein beim Staat zu bündeln, was als Anspielung auf die Hisbollah gelesen wird.
Seine Begründung ist zugleich eine Warnung: Ein Abgleiten des Libanon ins Chaos hätte unmittelbare Rückwirkungen auf Syrien, und eine Ausweitung des Krieges könne einen schweren regionalen Zusammenbruch auslösen.
Für Israel bleibt die nüchterne Rechnung: Ein syrischer Präsident, der Verhandlungen sucht, Konfrontationen meidet und einer Intervention gegen die Hisbollah eine Absage erteilt, ist berechenbarer als sein Vorgänger. Ob daraus mehr wird als ein Sicherheitsarrangement, entscheidet sich an einer Frage, die keine Seite bislang beantwortet hat: Wer geht wo zuerst zurück.
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