Top-Thema: Wer hat Israel vor dem 7. Oktober gewarnt? Was belegt ist, was offen bleibt
Kaum ein Thema beherrscht Israels Medien vier Wochen vor der Knesset-Wahl so sehr wie die Frage, ob Ministerpräsident Benjamin Netanyahu vor dem Massaker vom 7. Oktober 2023 Warnungen aus arabischen Hauptstädten erhielt. Binnen weniger Tage folgten Berichte aufeinander, zuletzt einer des Wall Street Journal, der das Dementi des Regierungschefs direkt infrage stellt. Netanyahu reagierte mit einer Klageandrohung und einem Gegenangriff auf den früheren Schin-Bet-Chef Ronen Bar. Ein Überblick, was bekannt ist und was nicht.
Die Vorwürfe im Überblick
- Ägypten, Juni 2023: Nach Angaben arabischer Regierungsvertreter gegenüber dem Wall Street Journal warnten ägyptische Stellen erstmals allgemein, die Lage in Gaza sei „instabil“, und drängten Israel zu Verhandlungen mit der Hamas.
- Ägypten, 26. September 2023: Eine Maschine des ägyptischen Geheimdienstes landete für 67 Minuten am Flughafen Ben Gurion, an Bord laut Berichten der damalige ägyptische Geheimdienstchef Abbas Kamel. Er soll gewarnt haben, Gaza werde „explodieren“, wenn Israel nicht wirtschaftlich einlenke. Über ägyptische Warnungen hatte zuerst die Zeitung Jedioth Achronoth berichtet, die Landung Kamels machte Israel Hayom vor sechs Monaten öffentlich, zuletzt folgte das US-Magazin The Atlantic.
- Ägypten, Anfang Oktober 2023: Neu ist die Darstellung des Wall Street Journal, Kamel habe Netanyahu wenige Tage vor dem Angriff persönlich angerufen, nachdem zwei frühere Warnungen folgenlos geblieben seien.
- Emirate, September 2023: Der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed, soll Netanyahu in einem Telefonat vor einem großen Schritt der Hamas gewarnt haben, zuerst beschrieben im Buch der Journalisten Shlomi Eldar und Ruti Yuval. Die New York Times und das Wall Street Journal berichten inzwischen ebenfalls darüber. Netanyahu habe dabei „nicht überzeugt“ gewirkt.
Netanyahus Antwort: Klage und Gegenangriff
Netanyahu weist alle Vorwürfe zurück. In den Monaten vor dem 7. Oktober habe er Kamel weder getroffen noch mit ihm gesprochen, und kein israelischer Geheimdienstvertreter habe ihm eine ägyptische Warnung übermittelt, schrieb er auf X. Ausländische Geheimdienstchefs treffe er grundsätzlich nur im Beisein ihrer israelischen Amtskollegen. Er kündigte eine Verleumdungsklage an, ohne zu sagen, gegen wen.
Zugleich ging er zum Angriff über: Die „linken Medien“ wollten ihm das Versagen Ronen Bars in der Nacht zum 7. Oktober anhängen. Bar, der damalige Generalstabschef Herzi Halevi und der damalige Chef des Militärgeheimdienstes Aharon Haliva hätten in jener Nacht „alle Warnzeichen besprochen“. Dennoch habe Bar beschlossen, den Ministerpräsidenten nicht anzurufen, die zivilen Sicherheitstrupps und die Truppen vor Ort nicht zu alarmieren und das Nova-Festival nicht zu räumen, sondern lediglich ein kleines Team der Antiterroreinheit „Tequila“ zu entsenden, was beweise, dass er von einer echten Gefahr wusste. Außerdem zählte Netanyahu arabische Staaten zu den „fremden und feindlichen Akteuren“, die seine Regierung stürzen wollten. Die Wahl laute: „Entweder die Rechte oder Palästina.“
Was belegt ist
Einige Punkte gelten inzwischen als gut abgesichert. Dass eine Maschine des ägyptischen Geheimdienstes am 26. September 2023 kurz in Israel landete, stützen Flugdaten der Flughafenbehörde und unabhängige Flugverfolgung. Dass Ägypten in den Wochen vor dem Angriff wiederholt vor einer gefährlichen Lage in Gaza warnte, bestätigten mehrere Quellen im israelischen Außenministerium, wie berichtet. Unstrittig ist auch, dass die Sicherheitsspitze in der Nacht zum 7. Oktober über Warnzeichen beriet, das räumt Netanyahu selbst ein und stützt damit seinen Vorwurf an Bar. Und alle Berichte stimmen in einem wichtigen Punkt überein: Keine der Warnungen nannte ein Datum oder das Ausmaß des Angriffs. Es ging um allgemeine strategische Hinweise, nicht um konkrete Geheimdienstinformationen über den Überfall.
Was offen ist
Der eigentliche Kern des Streits bleibt unbewiesen: ob Netanyahu persönlich gewarnt wurde. Für das Telefonat Kamels mit Netanyahu gibt es bislang nur eine Quelle, anonyme Regierungsvertreter eines arabischen Staates gegenüber dem Wall Street Journal, keine Aufzeichnung und keine namentliche Bestätigung. Auch mit wem Kamel am 26. September tatsächlich sprach, ist nach Angaben von The Atlantic selbst unklar. Der damalige Nationale Sicherheitsberater Tzachi Hanegbi bestreitet sowohl den Besuch als auch eine ägyptische Warnung. Ägypten dementierte im Oktober 2023 offiziell, gewarnt zu haben, und schweigt heute. Beim Telefonat mit bin Zayed wiederum sagten fünf frühere hochrangige israelische Sicherheitsvertreter der New York Times, eine solche Warnung habe die Sicherheitsspitze nie erreicht. Das kann Netanyahus Darstellung stützen, kann aber ebenso bedeuten, dass eine Warnung ihn erreichte und nicht weitergegeben wurde.
Einschätzung: Mehr als Gerüchte, weniger als Beweise
Von bloßen Gerüchten kann keine Rede mehr sein. Dass es aus Kairo Warnungen gab, dass Israels Führung die Lage in Gaza damals als beherrschbar einschätzte und dass Hinweise aus der Region nicht zu Konsequenzen führten, ist durch mehrere unabhängige Quellen gut belegt. Ebenso klar ist aber: Den Beweis, dass Netanyahu persönlich eine konkrete Warnung vor dem 7. Oktober erhielt und ignorierte, gibt es bisher nicht. Alle Kernaussagen stützen sich auf anonyme Informanten, viele davon Vertreter arabischer Regierungen.
Das macht auch Netanyahus Einwand der Einflussnahme nicht aus der Luft gegriffen. Ägypten und die Emirate verfolgen eigene Interessen, Kairo etwa hat ein Motiv, die eigene Rolle als frühzeitiger Mahner zu betonen, zumal die Warnungen zugleich mit politischen Forderungen nach Zugeständnissen an Gaza verbunden waren. Dass die Berichte gebündelt wenige Wochen vor der Wahl erscheinen, fällt auf. Ein Beleg für eine gezielte Kampagne liegt aber ebenso wenig vor wie ein Beweis für die schwersten Vorwürfe. Und Netanyahus Dementi bleibt eng gefasst: Er bestreitet persönliche Kontakte zu Kamel, äußert sich aber nicht dazu, welche Botschaften über Außenministerium oder Nationalen Sicherheitsrat sein Büro erreichten.
Die Wahrheit wird sich mit Zeitungsberichten allein nicht klären lassen. Dafür bräuchte es Zugang zu Telefonprotokollen, Terminkalendern und Zeugen unter Eid, also genau jene staatliche Untersuchungskommission, die die Regierung bislang ablehnt und die die Opposition im Fall eines Wahlsiegs einsetzen will. Bis dahin bleibt die Frage vor allem eines: das zentrale Streitthema des Wahlkampfs.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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