Elf Minuten, die Israel spalten: Was über die Protokoll-Affäre vom 7. Oktober wirklich bekannt ist
Es geht um eine Uhrzeit und um elf Minuten. Doch weniger als drei Wochen vor der Knesset-Wahl ist daraus eine der heftigsten politischen Auseinandersetzungen des Wahlkampfs geworden. Generalmajor der Reserve Avi Gil, am 7. Oktober 2023 Militärsekretär von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, hat am Donnerstagabend im Sender N12 erstmals öffentlich und mit eigener Stimme erklärt, im Büro des Ministerpräsidenten sei mindestens ein Protokoll vom Morgen des Massakers verändert worden. „Das ist eine Fälschung“, sagte Gil. Netanyahu und der Likud reagierten mit einem scharfen Gegenangriff. Was steckt dahinter, und was ist tatsächlich belegt?
Was am Morgen des 7. Oktober geschah
Nach Gils eigener Darstellung, die er in mehreren Interviews schilderte, lief der Morgen so ab: Um 3.55 Uhr erhielt der Nachrichtenoffizier des Militärsekretariats eine Meldung über auffällige Aktivitäten im Gazastreifen. Die Meldung beschrieb die Lage nach Gils Worten zugleich als weitgehend routinemäßig, weitere Beratungen waren erst für den Morgen geplant. Gil wurde nicht geweckt. Um 6.12 Uhr rief ihn der Büroleiter des Schin-Bet-Chefs an das abhörsichere „rote Telefon“ und berichtete von verdächtigen Bewegungen, aber auch von gegenteiligen Anzeichen. Während eines Gesprächs mit dem Büro des Generalstabschefs begann der Raketenbeschuss. Kurz darauf, um 6.29 Uhr, rief Gil Netanyahu an, um ihn zu wecken. Um 6.40 Uhr folgte über das rote Telefon das zweite, aufgezeichnete Gespräch, in dem Gil dem Ministerpräsidenten nach eigenen Worten sagte: „Wir sind im Krieg.“
Der Vorwurf: Aus 6.40 Uhr wurde 6.29 Uhr
Genau um dieses zweite Gespräch geht es. Im Januar 2024 kam nach Gils Schilderung eine Stenografin des Büros zu ihm, schloss die Tür und berichtete, der damalige Stabschef im Büro des Ministerpräsidenten, Tzachi Braverman, habe sie angewiesen, die Mitschrift des Gesprächs von 6.40 Uhr vorzulegen und die Uhrzeit auf 6.29 Uhr zu ändern. Sie habe geantwortet, das dürfe sie nicht, im Computer stehe 6.40 bis 6.44 Uhr. Nach dem Verdacht der Ermittler, über den Ynet und Calcalist berichteten, soll Braverman die Uhrzeit daraufhin selbst handschriftlich geändert haben. Gil schrieb nach eigenen Angaben umgehend eine handschriftliche Notiz an die Generalstaatsanwältin Gali Baharav-Miara. Bravermans Vorgehen nannte er ein „Muster kriminellen Verhaltens“.
Warum eine Uhrzeit so wichtig sein soll, ließ Gil offen. „Das Erste, was ich mich frage, ist, warum man sich mit der Mitschrift eines vierminütigen Gesprächs vom Morgen des 7. Oktober beschäftigt“, sagte er. Er deutete jedoch an: Würde der Inhalt des zweiten Gesprächs auf 6.29 Uhr vordatiert, könnte der Eindruck entstehen, bestimmte Informationen hätten schon früher vorgelegen und jemand habe bereits davon gewusst. Gil empfahl einer künftigen Untersuchungskommission: „Begnügt euch nicht mit Abschriften, verlangt die Originalaufnahmen.“ Ob weitere Protokolle verändert wurden, wisse er nicht.
Was die Ermittler wissen
Die Vorwürfe sind nicht neu. Der Journalist Nadav Eyal machte sie im Juli 2024 in der Zeitung Yedioth Ahronoth öffentlich. Im November 2024 wurde Braverman von der Polizeieinheit Lahav 433 unter Belehrung als Beschuldigter vernommen. Er wies die Vorwürfe zurück. Sein Anwalt Jacques Chen erklärte, Braverman habe im Rahmen seiner Befugnisse gehandelt, um einen Fehler in der Protokollierung zu berichtigen. Ein weiterer Verdacht, Braverman habe einen Offizier mit privaten Aufnahmen erpresst, erwies sich nach Angaben der Polizei als haltlos.
Die Akte liegt seit rund 15 Monaten bei der Staatsanwaltschaft. Eine Entscheidung über eine Anklage gibt es bis heute nicht, und sie wird nach Angaben von Ynet auch nicht vor der Wahl erwartet. Braverman, der inzwischen als Botschafter in London vorgesehen ist, konnte den Posten bislang nicht antreten. Nach Angaben der Times of Israel droht ihm in einer anderen Affäre um ein weitergegebenes Geheimdokument eine Anklage wegen Behinderung der Justiz, Betrugs und Untreue.
Netanyahu und der Likud schlagen zurück
Netanyahu und der Likud weisen die Vorwürfe zurück und drehen den Spieß um. Gil habe, „wie andere“, von dem bevorstehenden Angriff gewusst und sich entschieden, den Ministerpräsidenten nicht rechtzeitig zu wecken, erklärte der Likud unter Berufung auf einen Bericht des Senders Kanal 14. Bereits um 3.55 Uhr habe Gil eine Kurznachricht mit Warnzeichen erhalten, darunter die Aktivierung von SIM-Karten in Lagern im Zentrum des Gazastreifens und in Chan Yunis, die Nutzung von Notfallkommunikation durch die Hamas und ungewöhnliche Aktivitäten von Mohammed Deif. Gil habe mit dieser Information nichts getan. Seine Interviews seien ein Versuch, von seinem eigenen Versagen abzulenken. Insgesamt sieht der Likud in dem Interview einen politischen Angriff.
Damit widerspricht Netanyahu allerdings seiner eigenen früheren Darstellung, worauf Ynet hinweist. Im März 2025 hatte sein Büro erklärt, der Nachrichtenoffizier habe die Meldung in der Nacht sofort an den Militärsekretär weitergeleitet, ihn aber nicht geweckt, weil die Meldung selbst festhielt, die Hamas verhalte sich routinemäßig und der Befehlshaber des Südkommandos werde erst am Morgen beraten. Netanyahu habe „volles Vertrauen in das Militärsekretariat“. Gil selbst sagt, der Generalstabschef und der Schin-Bet-Chef riefen den Ministerpräsidenten nicht direkt an, der Militärsekretär sei der vorgesehene Kanal. Eine bewusste Zurückhaltung von Informationen habe es nach seinem Wissen nicht gegeben, wohl aber Fehler und Fehleinschätzungen.
Ähnliche Vorwürfe wie gegen Gil erhebt Netanyahu seit Monaten gegen den früheren Schin-Bet-Chef Ronen Bar, der eine Verleumdungsklage angekündigt hat, und gegen den früheren Generalstabschef Herzi Halevi. Bar hatte die Verantwortung seiner Behörde für die Fehleinschätzung jener Nacht übernommen. Gil bestätigte nun auch, dass Bar Netanyahu im Juli 2023 eine „Kriegswarnung“ überbracht habe, die nach Bars eigener Darstellung kein konkretes Datum enthielt. Zugleich betonte Gil, eine konkrete Warnung vor einem Angriff aus dem Gazastreifen habe es nicht gegeben, wohl aber Anzeichen einer schwindenden Abschreckung, die auf allen Ebenen vorgelegt worden seien.
Schwere Vorwürfe, schwere Reaktionen
Gil ging im Interview noch weiter. Netanyahu habe in Fragen der Geiseln teilweise sein politisches Überleben über deren Leben gestellt. „Faktisch ist genau das passiert“, sagte er. Netanyahus 55-seitige Stellungnahme an den Staatskontrolleur spiegle „nicht einmal die Hälfte des Bildes“ wider. Oppositionsführer Yair Lapid erklärte, Netanyahu sei gewarnt worden und habe die Warnungen ignoriert. Avigdor Liberman, Vorsitzender von Israel Beitenu, forderte Ermittlungen gegen den Ministerpräsidenten und seine Leute wegen Verrats und Verschwörung. Gadi Eisenkot, Vorsitzender von Yashar, verlangte strafrechtliche Ermittlungen und kündigte nach der Wahl eine staatliche Untersuchungskommission an.
Was feststeht und was nicht
Belegt ist, dass gegen Braverman wegen des Verdachts der Protokollfälschung ermittelt wurde und die Staatsanwaltschaft seit über einem Jahr nicht entschieden hat. Nach Angaben der Stenografin ist im System des Büros für das Gespräch über das rote Telefon die Zeit 6.40 bis 6.44 Uhr vermerkt. Strittig bleibt, ob Braverman einen Fehler in der Protokollierung korrigieren wollte, wie sein Anwalt sagt, oder die Wahrheit verändern wollte, wie Gil sagt. Ebenfalls umstritten ist, wer in der Nacht welche Information hatte und wer den Ministerpräsidenten früher hätte wecken müssen. Die vollständigen Protokolle und Aufnahmen jener Stunden sind bis heute nicht veröffentlicht. Gil fordert deshalb, dass Ermittler die Originalaufnahmen auswerten. Eine staatliche Untersuchungskommission, die dafür zuständig wäre, gibt es drei Jahre nach dem Massaker noch immer nicht.
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