Bauteile aus China: Huthi wollen iranische Präzisionsrakete selbst bauen
Die vom Iran unterstützte Huthi-Miliz im Jemen versucht offenbar, mit Bauteilen aus China eigene ballistische Mittelstreckenraketen herzustellen. Das berichtet das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf neue Erkenntnisse der britischen Organisation Conflict Armament Research (CAR), die weltweit die Herkunft von Waffen untersucht. Vorbild ist die iranische Präzisionsrakete Kheibar Shekan. Eine Huthi-Version könnte nach Angaben der Zeitung eine Reichweite von rund 1.900 Kilometern erreichen und damit ganz Saudi-Arabien und Israel bedrohen.
Was im Jemen abgefangen wurde
Grundlage des Berichts sind zwei Lieferungen, die jemenitische Regierungsbehörden im vergangenen Jahr abfingen. Die Ausrüstung war zwischen gewöhnlichen Gütern versteckt. Gefunden wurden nach Angaben von CAR maßgefertigte Metallteile für Raketenmotor und Rumpf, Steuerflossen, Komponenten eines Feststoffraketenmotors der Kheibar-Shekan-Reihe sowie Prüfgeräte, Werkzeuge und Rohmaterialien. Dazu gehörte auch ablatives Material, ein Hitzeschutz, der Raketenteile vor extremen Temperaturen beim Flug schützt. Nach Angaben des „Wall Street Journal“ führen Frachtpapiere zu einem nicht namentlich genannten chinesischen Hersteller von Präzisionsmetallteilen. Ein Teil der Materialien könnte zwar auch zivil genutzt werden, andere Teile seien jedoch eindeutig für den Raketenbau bestimmt. Chinesische Unternehmen sind demnach insgesamt die größte Quelle der abgefangenen Schmuggelware für die Huthi.
Wie weit die Miliz bereits ist, lässt sich schwer sagen. „Wenn es solche Importe gibt, besteht die Möglichkeit, dass sie bereits produzieren, oder dass sie es versuchen und es nicht richtig funktioniert“, sagte CAR-Analyst Fabian Hinz der Zeitung. Die Produktionsstätten der Huthi sind gut getarnt.
Warum diese Rakete gefährlich ist
Die Kheibar Shekan gehört zu den modernsten Raketen des iranischen Arsenals. Ihr Name bedeutet sinngemäß „Bezwinger von Chaibar“ und erinnert an die jüdische Oase Chaibar auf der Arabischen Halbinsel, die im Jahr 628 von Mohammeds Truppen erobert wurde. Die Rakete wird mit Festtreibstoff betrieben. Sie muss deshalb nicht erst vor dem Start betankt werden, kann schnell auf Lastwagen verladen und abgefeuert werden und ist für gegnerische Luftwaffen schwer zu treffen, bevor sie startet. Nach Angaben von Israel Hayom verfügt sie über einen abtrennbaren, manövrierfähigen Gefechtskopf, der die Abwehr erschweren soll. Nach Angaben amerikanischer Regierungsvertreter setzte der Iran die Rakete im laufenden Krieg auch gegen US-Stützpunkte in der Region ein.
Bei den Reichweiten gibt es Unterschiede. Das iranische Original kommt nach US-Angaben auf mindestens 1.400 Kilometer. Für die von den Huthi angestrebte Version nennt das „Wall Street Journal“ rund 1.200 Meilen, also etwa 1.900 Kilometer. Woher dieser Unterschied kommt, geht aus den Berichten nicht hervor.
Henry Thompson, früher Mitglied des UN-Expertengremiums zum Jemen, sagte, Technik für Feststoffraketen gelange seit Jahren aus China zu den Huthi. „Die Huthi können damit mit einer größeren Sprengladung als mit Marschflugkörpern und Drohnen tief nach Saudi-Arabien hineinreichen. Sie werden eine noch größere Bedrohung.“ Der Sicherheitsanalyst Mohammed al-Basha, Gründer des Beratungsdienstes Basha Report, sieht die Miliz auf dem Weg zur Unabhängigkeit: Sie habe eigene Fertigungskapazitäten aufgebaut, ihre Lieferketten breiter aufgestellt und Kontakte zu Schmugglern und internationalen Beschaffungsnetzwerken geknüpft.
China weist Vorwürfe zurück
Peking betont, das UN-Waffenembargo gegen die Huthi einzuhalten. Auf Vorwürfe zu Waffenlieferungen an den Iran hatte Chinas Botschafter in Israel, Xiao Junzheng, der Zeitung Israel Hayom kürzlich geantwortet: „Wir verkaufen niemals Waffen oder liefern Munition an Länder im Krieg oder in Konfliktgebiete.“ Michael Knights vom Beratungsunternehmen Horizon Engage sieht das anders. Der Fall zeige, dass China „weder den Willen noch die Mittel“ habe, den Endverbleib seiner Güter mit doppeltem Verwendungszweck zu kontrollieren.
Saudi-Arabien unter Beschuss
Der Bericht erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem die Huthi ihre Angriffe auf Saudi-Arabien massiv verstärkt haben. Beim Angriff auf den internationalen Flughafen von Riad wurden am Samstag nach Angaben der Nachrichtenagentur AP mindestens 13 Menschen getötet und mehr als 300 verletzt. Der Flughafen bleibt bis mindestens 17. Oktober geschlossen. Die saudisch geführte Koalition fing seither weitere Raketen auf Riad und die Stadt Khamis Mushait ab und griff ihrerseits eine Ölanlage in Sanaa an. US-Präsident Donald Trump sagte am Montag vor Journalisten: „Die Huthi benehmen sich sehr schlecht. Nicht gut.“ Eine amerikanische Beteiligung an den saudischen Angriffen schloss er nicht aus.
Was das für Israel bedeutet
Für Israel ist der Bericht ein Warnsignal. Die Huthi haben seit Herbst 2023 immer wieder ballistische Raketen und Drohnen auf Israel abgefeuert, die nach Einschätzung von Experten bisher großteils aus dem Iran stammten oder mit iranischen Bauteilen zusammengesetzt wurden. Gelingt es ihnen, moderne Feststoffraketen selbst zu bauen, wären sie weniger auf fertige Raketen aus dem Iran angewiesen. Ohne Bauteile aus dem Ausland kommen sie allerdings auch dann nicht aus, die Kontrolle der Lieferwege bleibt also entscheidend. Damit wächst eine Bedrohung, die Israel schon heute aus rund 2.000 Kilometern Entfernung erreicht.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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