Angriffe auf Handelsschiffe nehmen zu: Iran erhöht den Druck an der wichtigsten Ölroute der Welt

Der Iran hat seine Angriffe auf die Handelsschifffahrt in und um die Straße von Hormus verstärkt und seine Taktik geändert. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf zwei hochrangige iranische Regierungsvertreter, die anonym bleiben wollten. Die Entscheidung sei auf höchster Ebene gefallen und im gesamten Machtapparat abgestimmt worden. Ziel sei es, den Druck auf die USA zu erhöhen, die Ölpreise hoch zu halten und Teherans Anspruch auf Kontrolle über die Meerenge durchzusetzen.

Die neue Vorgehensweise begann demnach vor rund zehn Tagen. Sie richtet sich gegen Schiffe, die nach iranischer Lesart gegen die von Teheran verhängten Durchfahrtsbeschränkungen verstoßen. Verändert hätten sich sowohl die Art der Angriffe als auch ihr Tempo. Einer der beiden Gesprächspartner kündigte eine „vollständige Schließung“ der Meerenge an, die bald kommen werde.

Höchststand seit Kriegsbeginn

Nach Reuters-Angaben haben die Angriffe den höchsten Stand seit Beginn des Krieges erreicht, den die USA und Israel am 28. Februar mit Luftschlägen gegen den Iran eröffnet hatten. Allein in den 48 Stunden vor dem Bericht zählten Sicherheitsquellen und die britische Seesicherheitsbehörde UKMTO mindestens fünf Zwischenfälle mit Tankern und anderen Handelsschiffen, darunter Drohnenangriffe. Für den Oktober zählte UKMTO bis Anfang der Woche bereits 18 Angriffe in der Region. Die den Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) nahestehende Agentur Tasnim veröffentlichte zudem ein Video des brennenden Supertankers Al Maqam, der laut dem Datendienst Pole Star einer Tochter des emiratischen Staatskonzerns ADNOC gehört. Er sei getroffen worden, weil er die Meerenge ohne iranische Erlaubnis durchfahren habe. Unabhängig bestätigt ist die iranische Darstellung nicht. Das von der US-Marine geführte Gemeinsame Maritime Informationszentrum (JMIC) stuft die Bedrohung für die Handelsschifffahrt inzwischen als „severe“ ein, schwerwiegend, die zweithöchste Stufe seiner Skala.

Neue Seegebiete, neue Methoden

Die iranischen Regierungsvertreter kündigten an, die Operationen auf den Golf von Oman und weiter entfernte Gewässer auszudehnen. Offenbar geschieht das bereits: In den vergangenen Tagen wurden Angriffe vor der Küste Katars, vor den Vereinigten Arabischen Emiraten und nahe dem omanischen Hafen Sohar gemeldet.

Ein US-Militärvertreter bestätigte Reuters eine weitere Veränderung. Nachdem amerikanische Angriffe einen großen Teil der iranischen Radaranlagen zerstört hätten, setzten die Revolutionsgarden unbewaffnete Späher auf kleinen Booten ein, um Ziele aufzuklären, darunter auch Schiffe der US-Marine. In der vergangenen Woche entdeckten US-Streitkräfte Späher auf einer Dhau, forderten die Besatzung zum Verlassen auf und zerstörten das Boot.

Washington widerspricht dem iranischen Anspruch. US-Außenminister Marco Rubio erklärte zuletzt, die Meerenge sei offen, es fließe fast wieder so viel Öl wie vor dem Krieg, der Iran habe „die Kontrolle über die Straße vollständig verloren“. Überprüfen lässt sich das schwer, da viele Schiffe inzwischen mit abgeschaltetem Transponder fahren. Die USA halten ihre Seeblockade iranischer Häfen aufrecht und weiten die Sanktionen aus.

Kalkül mit Blick auf die Zwischenwahlen

Der zweite iranische Gesprächspartner sagte Reuters, Teheran werde die Ölpreise vor den amerikanischen Zwischenwahlen am 3. November nicht fallen lassen, und verglich das Vorgehen mit einer Schachpartie. Dabei handelt es sich um die von Reuters wiedergegebene iranische Strategie. Ob hohe Energiepreise die Wahl tatsächlich beeinflussen, ist offen. Klar ist, dass der Krieg in den USA ein zentrales Wahlkampfthema ist. Präsident Donald Trump hat erklärt, den Iran vor der Wahl nicht erneut anzugreifen.

Warum das weit über die Region hinausreicht

Vor dem Krieg lief rund ein Fünftel des weltweiten Handels mit Öl und Flüssiggas durch die Straße von Hormus. Der Ölpreis der Sorte Brent lag Anfang Oktober über 100 Dollar je Barrel. Für Israel ist die Entwicklung aus einem weiteren Grund bedeutsam. Der Iran zeigt, dass er trotz schwerer militärischer Verluste mit vergleichsweise einfachen Mitteln wie Drohnen Druck auf die Weltwirtschaft ausüben kann. Ins Visier geraten dabei auch die Emirate, seit 2020 ein Partner Israels im Rahmen der Abraham-Abkommen. In Jerusalem dürfte man zudem genau verfolgen, ob der wachsende Druck Washington vor der Wahl zu einem schnellen Abkommen mit Teheran bewegt. Das ist bislang eine Einschätzung, Hinweise auf ein solches Abkommen gibt es derzeit nicht.

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