Thema: Von Kibbuz-Sandalen bis Haute Couture: Israel bekommt sein erstes Modemuseum

Mode erzählt mehr als die Geschichte wechselnder Trends. Sie erzählt von Einwanderung, gesellschaftlichen Veränderungen, Religion, Identität und davon, wie Menschen sich selbst sehen wollen. Anfang 2027 soll diese Geschichte in Israel erstmals ein dauerhaftes Zuhause bekommen: In Tel Aviv entsteht das erste israelische Museum, das vollständig der Mode gewidmet ist.

Paris hat das Palais Galliera, Antwerpen das MoMu und New York das Museum at FIT. Israel hatte bislang kein vergleichbares Haus. Das soll sich nun ändern. Im Einkaufs- und Bürokomplex Azrieli Sarona in Tel Aviv entsteht das Tel Aviv Fashion Museum. Auf drei Etagen und rund 1.150 Quadratmetern sollen wechselnde Ausstellungen Mode nicht nur als Kleidung, sondern als Teil von Kultur, Kunst und Geschichte präsentieren. Hinter dem Projekt stehen die Azrieli Group unter Konzernchefin Dana Azrieli und die Modehistorikerin und Kuratorin Dr. Ya’ara Keydar. Rund drei Jahre lang wurde das Vorhaben vorbereitet. „Zum ersten Mal hat Mode in Israel ein dauerhaftes Zuhause“, sagt Keydar.

Kleidung erzählt israelische Geschichte

Dass ein solches Museum gerade in Israel viel erzählen kann, wird schnell deutlich. Die Modegeschichte des Landes beginnt nicht erst bei Laufstegen und Designern. In den frühen Jahrzehnten des Staates prägten praktische Kleidung, Arbeitshemden, kurze Hosen und Sandalen das Bild. Das Ideal des neuen Israelis war schlicht, praktisch und körperlich arbeitend.

Gleichzeitig kamen Menschen aus Europa, Nordafrika, dem Nahen Osten und später aus Äthiopien und der ehemaligen Sowjetunion ins Land. Mit ihnen kamen Stoffe, Stickereien, Farben und unterschiedliche Vorstellungen davon, wie man sich kleidet. Israelische Mode wurde so zu einer Mischung vieler Einflüsse. Eines der bekanntesten Beispiele ist das Modehaus Maskit, das in den 1950er-Jahren traditionelle Handwerkskunst verschiedener Einwanderergruppen mit modernem Design verband. Später wurde die Bademodenmarke Gottex international bekannt, und Designer aus Israel fanden ihren Weg auf die großen Laufstege der Welt. Mode erzählt damit auch die Geschichte eines Landes, das seine kulturelle Identität immer wieder neu zusammensetzt.

Mehr als Kleider hinter Glas

Das neue Museum soll deshalb kein Archiv voller alter Kleider werden. Geplant sind wechselnde, eigens konzipierte Ausstellungen, die Mode mit Kunst, Geschichte und gesellschaftlichen Themen verbinden. Dazu kommen ein Auditorium für Vorträge und Veranstaltungen, Führungen, Bildungsangebote und eine Museumsboutique. Später soll auch ein Restaurant Teil des Hauses werden.

Besonderes Augenmerk soll auf israelischer Kreativität liegen. Gleichzeitig wollen die Verantwortlichen mit Museen und Kulturinstitutionen im Ausland zusammenarbeiten, Wanderausstellungen entwickeln und internationale Schauen nach Tel Aviv holen. Die Investitionssumme wird auf acht bis zehn Millionen Schekel beziffert. Die Betreiber rechnen mit mehr als 250.000 Besuchern pro Jahr. Das ist ambitioniert, doch die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, dass Modeausstellungen auch in Israel ein großes Publikum erreichen.

Eine Kuratorin mit Erfahrung in New York

Ya’ara Keydar beschäftigt sich seit Jahren damit, Mode aus dem klassischen Bereich der Kleidung herauszuholen und als kulturelles Dokument zu zeigen. Sie studierte Modedesign am Shenkar College, erwarb einen Master in Fashion Studies an der New York University und promovierte an der Hebräischen Universität Jerusalem in Kulturwissenschaften. In New York sammelte sie Erfahrungen am Costume Institute des Metropolitan Museum of Art und am Museum at FIT.

Zurück in Israel kuratierte sie mehrere große Ausstellungen im Design Museum Holon. Dabei standen immer wieder bekannte Persönlichkeiten und die Verbindung zwischen Kleidung, Erinnerung und Identität im Mittelpunkt. Eine Ausstellung widmete sich der Schauspielerin Ronit Elkabetz und ihrem außergewöhnlichen Verhältnis zu Mode, eine andere dem israelischen Designer Alber Elbaz, der lange das Pariser Modehaus Lanvin prägte. Vier ihrer Ausstellungen in Holon zogen zusammen mehr als eine halbe Million Besucher an. Nun soll aus einzelnen Projekten erstmals ein dauerhaftes Haus werden.

Warum ausgerechnet in einem Einkaufszentrum?

Ungewöhnlich ist der Standort. Das Museum entsteht nicht in einem klassischen Museumsviertel, sondern im kommerziellen Bereich des Azrieli-Sarona-Komplexes. Das ist durchaus Absicht. Die Azrieli Group, die landesweit zahlreiche Einkaufszentren betreibt, will Handel, Gastronomie, Freizeit und Kultur stärker miteinander verbinden. Museen sollen nicht mehr zwingend isolierte Orte sein, für die Besucher eigens einen Ausflug planen müssen, sondern Teil des städtischen Alltags. Gerade bei Mode könnte das funktionieren. Schließlich begegnet sie jedem Menschen täglich, ob er sich dafür interessiert oder nicht.

Von Sandalen bis zum roten Teppich

Welche Objekte bei der Eröffnung gezeigt werden, steht noch nicht fest, auch das Thema der ersten Ausstellung ist noch nicht bekannt. Das Potenzial ist jedoch groß. Israelische Mode lässt sich anhand eines einfachen Kibbuzhemdes ebenso erzählen wie anhand eines Abendkleides. Traditionelle jemenitische Stickerei gehört dazu, ebenso Badebekleidung von Gottex, die Mode Tel Avivs oder die Arbeiten israelischer Designer auf internationalen Laufstegen. Selbst Uniformen, religiöse Kleidung oder die Frage, warum bestimmte Gruppen ganz bewusst ähnlich aussehen, könnten Teil dieser Geschichte werden.

Denn Mode zeigt nicht nur, was Menschen schön finden. Sie zeigt auch, woher sie kommen, welcher Gruppe sie sich zugehörig fühlen und wie eine Gesellschaft sich verändert. Anfang 2027 soll diese Geschichte in Tel Aviv einen festen Ort bekommen. Und vielleicht wird man dort feststellen, dass sich die Geschichte Israels manchmal erstaunlich gut an einem Stück Stoff erzählen lässt.

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