Saudi-Arabien im Visier der Huthi: Warum die Eskalation auch Israel betrifft
Die vom Iran unterstützte Huthi-Miliz im Jemen zieht Saudi-Arabien zurück in einen Krieg, den das Königreich jahrelang einzudämmen versucht hatte. Der internationale Flughafen von Riad blieb am Sonntag geschlossen, nachdem ein Raketenangriff am Samstag zwölf Menschen getötet und 309 verletzt hatte. Wann der Betrieb wieder aufgenommen wird, war bis Montagfrüh offen. Es war bereits der dritte Angriff auf den Flughafen innerhalb einer Woche. Am Sonntag bekannten sich die Huthi ausdrücklich zu dem Angriff und sprachen von vier Angriffswellen seit Samstag. Am Sonntagabend wurden bei einem weiteren Angriff auf den Flughafen erneut Menschen verletzt. Ein in Riad verletzter Inder erlag seinen Verletzungen, ob er in der bisherigen Opferzahl enthalten ist, blieb offen.
Huthi-Sprecher Yahya Saree drohte weiter: „Nehmt unsere Warnungen ernst. Saudi-Arabien trägt die Verantwortung für jedes misslungene Abfangen.“ Die Miliz forderte Fluggesellschaften, Flughafenpersonal und Reisende auf, saudische Flughäfen zu meiden. Außerdem behauptete sie, die Raffinerie von Rabigh am Roten Meer mit Raketen und Drohnen angegriffen zu haben. Saudi-Arabien bestätigte das zunächst nicht. Die Folgen reichen weit über Riad hinaus. Lufthansa setzte ihre Flüge nach Saudi-Arabien bis zum 16. Oktober aus, Emirates und Etihad strichen Verbindungen nach Riad, die Schulen der Hauptstadt stellten für diese Woche auf Fernunterricht um. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach von einer „gefährlichen Eskalation“. Die Angriffe der „Stellvertreter des Iran“ trieben die Region in eine Spirale der Gewalt.
Ein Krieg um eine Meerenge
Hinter den Angriffen steht ein Krieg, der seit dem Sommer wieder voll entbrannt ist. Die 2022 vereinbarte Waffenruhe zwischen Saudi-Arabien und den Huthi hielt weitgehend bis Juli. Seither sind die Huthi entlang der jemenitischen Küste am Roten Meer vorgerückt, bis nahe an die Meerenge Bab al-Mandab, die das Rote Meer mit dem Golf von Aden verbindet. Anfang Oktober startete die international anerkannte Regierung des Jemen mit saudischer Luftunterstützung eine Gegenoffensive. Sie meldet die Rückeroberung der Hafenstadt Mokka, die Huthi bestreiten das. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben beider Seiten nicht.
Für Saudi-Arabien steht dabei viel auf dem Spiel. Weil der Iran den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus stark einschränkt, ist das Rote Meer für die saudischen Ölexporte noch wichtiger geworden. Wer Bab al-Mandab bedroht, bedroht die Lebensader des Königreichs.
Washington zögert, die Partner zögern
Die USA unterstützen die Saudis bislang nur mit Geheimdienstinformationen und Hilfe bei der Zielauswahl. US-Präsident Donald Trump sagte nach dem Angriff auf Riad, die USA könnten sich an saudischen Angriffen beteiligen: „Wir werden es uns ansehen.“ Zugleich betonte er, Saudi-Arabien könne sich selbst verteidigen. Eine Entscheidung gab es bis Montagfrüh nicht. Als Gründe für Trumps Zögern gelten der Wahlkampf vor den Zwischenwahlen am 3. November und die durch den Iran-Krieg geschrumpften Waffenbestände. Die Jerusalem Post nennt einen weiteren möglichen Grund: Trumps Verärgerung darüber, dass Kronprinz Mohammed bin Salman sich weiterhin weigert, den Abraham-Abkommen beizutreten.
Stattdessen setzt Riad auf neue Partner. Im August unterzeichnete Saudi-Arabien in Mekka ein Verteidigungsbündnis mit Pakistan und der Türkei, nach dem ein Angriff auf einen Partner als Angriff auf alle gilt. Am 5. Oktober beschlossen die drei Staaten erstmals, das Bündnis zu aktivieren und rasch Truppen und militärische Fähigkeiten nach Saudi-Arabien zu verlegen. Wie viele Soldaten kommen und unter welchem Kommando, blieb offen. Die Türkei will sich nach Angaben von Reuters vor allem auf technische und defensive Hilfe beschränken. Ob die Partner sich an Angriffen im Jemen beteiligen, ist ungewiss.
Warum Israel betroffen ist
Für Israel ist die Eskalation weit mehr als ein ferner Konflikt. Am unmittelbarsten spürbar ist sie im Hafen von Eilat. Seit fast drei Jahren halten Angriffe der Huthi auf die Schifffahrt die großen Reedereien vom Roten Meer fern. Nach Angaben von Ynet läuft seit März im Schnitt nur noch ein Schiff pro Monat Eilat an, die Einnahmen sind von einst rund 240 Millionen Schekel jährlich auf fast null gesunken. Ein Teil des Verkehrs läuft über den jordanischen Hafen Akaba. Mit dem Vormarsch der Huthi nahe Bab al-Mandab fürchten die Hafenbetreiber, dass selbst dieser Rest wegfällt.
Zweitens richtet sich die Feindschaft der Huthi nicht nur gegen Riad. Die Miliz hat in den vergangenen Jahren immer wieder Raketen und Drohnen auf Israel abgefeuert, Israel hat seinerseits Ziele im Jemen angegriffen und im August 2025 den Huthi-Regierungschef Ahmed al-Rahawi sowie zahlreiche hochrangige Militärs getötet. Jeder Gewinn an Territorium und Waffen stärkt eine Miliz, die Israel offen den Kampf angesagt hat. Und hinter den Huthi steht der Iran, der sie nach Berichten mit Waffen und Beratern unterstützt.
Drittens berührt die Krise die Frage einer Annäherung zwischen Israel und Saudi-Arabien. Nach Berichten israelischer Medien vom September hat Riad über das US-Zentralkommando CENTCOM indirekt um israelische Geheimdiensthilfe gegen die Huthi gebeten. Israel soll solche Informationen über CENTCOM weitergeben, ohne sich an den Kämpfen zu beteiligen. Offiziell bestätigt hat das keine der beiden Regierungen.
Zusammenarbeit, aber nur im Verborgenen
Wie eng die Grenzen dieser Zusammenarbeit gezogen sind, zeigte sich Ende September. Als der vereitelte Anschlag auf den Flydubai-Flug FZ1073 die Maschine mit israelischen Passagieren zu einer Notlandung zwang, ließ Saudi-Arabien sie im nordwestlichen Tabuk landen, saudische Sanitäter versorgten die Passagiere. Die Bitte Israels, eine eigene Maschine zur Abholung zu schicken, lehnte Riad nach Angaben der Jerusalem Post jedoch ab. Eine Ersatzmaschine von Flydubai brachte die Passagiere nach Hause.
An der politischen Grundlinie hat sich nichts geändert: Ohne einen Weg zu einem palästinensischen Staat will Saudi-Arabien seine Beziehungen zu Israel nicht normalisieren. Nach dem 7. Oktober gilt es als äußerst unwahrscheinlich, dass eine israelische Regierung einem solchen Staat zustimmt. Dabei waren beide Länder vor dem Massaker offenbar weiter, als viele wussten. Netanyahus früherer Militärsekretär Avi Gil sagte Israel Hayom in der vergangenen Woche, man sei einem Abkommen „näher gewesen, als die Leute denken“. Der Wunsch, Saudi-Arabien für die Abraham-Abkommen zu gewinnen, erkläre zum Teil auch Israels Zurückhaltung gegenüber Hamas und Hisbollah vor dem 7. Oktober.
Gemeinsame Feinde, getrennte Wege
Saudi-Arabien und Israel haben in der Huthi-Miliz und ihrem Schutzpatron in Teheran gemeinsame Gegner. Beide wollen die Schifffahrt im Roten Meer sichern und den iranischen Einfluss zurückdrängen. Für eine offene Allianz reicht das bislang nicht. Für Riad wäre eine sichtbare israelische Beteiligung innenpolitisch riskant und ein Geschenk für die iranische Propaganda. Israel wiederum muss abwägen, welche Risiken es für einen Partner eingeht, der sich öffentlich nicht zu ihm bekennen will, zumal die Huthi ihre Angriffe auf Israel jederzeit wieder aufnehmen könnten.
Der Angriff auf Riad zwingt das Königreich dennoch zu einer unbequemen Frage: Kann es sich leisten, einen der militärisch stärksten Partner in der Region auf Abstand zu halten, während die Huthi seine Hauptstadt beschießen?
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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