Eine besondere Beziehung auf dem Prüfstand: Die schwierige Zukunft zwischen Israel und den USA
Zwei Tage nach den amerikanischen Zwischenwahlen wächst in Israel die Sorge um das wichtigste Bündnis des Landes. Nicht nur, weil die Demokraten beide Kammern des Kongresses erobert haben und mit ihnen eine Reihe scharfer Israel-Kritiker einzieht. Für besondere Unruhe sorgt ausgerechnet ein Republikaner: Vizepräsident JD Vance nennt das Verhältnis zu Israel als einen der Gründe für die Niederlage seiner Partei. Präsident Donald Trump widersprach ihm nicht grundsätzlich.
Vances Abrechnung
In einem langen Beitrag auf der Plattform X analysierte Vance am Mittwoch die Niederlage. Ein Meinungsforscher habe abtrünnige Trump-Wähler gefragt, was sie zurückbringen würde. Die vier häufigsten Antworten: den Krieg mit dem Iran beenden, sich um Lebenshaltungskosten und Inflation kümmern, Amerika an die erste Stelle setzen und „unser Verhältnis zu Israel ändern“. An der Mobilisierung habe es nicht gelegen, schrieb Vance. Viele, die 2024 Trump und ihn gewählt hätten, hätten nun für die Demokraten gestimmt. „Der Grund, warum wir verloren haben, ist der Krieg.“ Wer meine, das sei den Verlust des Senats für sechs Jahre wert gewesen, solle das offen begründen.
Trump nannte die Einschätzung auf Nachfrage „weitgehend zutreffend“, weil der Krieg die Benzinpreise kurzfristig nach oben getrieben habe. Bereuen wolle er nichts: Er würde es wieder tun. Sein Sohn Donald Trump Jr. teilte Vances Beitrag mit dem Kommentar, jedes Wort sei „100 Prozent“ richtig.
Warum das in Jerusalem alarmiert
Für den Ynet-Korrespondenten Itamar Eichner sollte der Beitrag „jeden Israeli zutiefst beunruhigen“. Drei der vier Punkte hingen nach seiner Lesart direkt oder indirekt mit Israel zusammen. Jahrelang galt die Unterstützung für Israel in der Republikanischen Partei als feste Größe, getragen von Konservativen, evangelikalen Christen und Trump-Anhängern. Vances Worte deuten darauf hin, dass das nicht mehr für alle Teile der Partei gilt. Aus einem Thema des Konsenses könnte ein Thema des innerparteilichen Streits werden.
Neu ist Vances Distanz nicht. Er stand dem Iran-Krieg von Beginn an skeptisch gegenüber und drängt nach Ynet-Informationen auch jetzt intern darauf, die Kämpfe nicht wieder aufzunehmen. Schon im Juli hatte er Kräften in der israelischen Regierung vorgeworfen, die Bemühungen um ein Kriegsende zu untergraben. Zudem führt Vance in Umfragen das Feld möglicher republikanischer Bewerber für die Präsidentschaftswahl 2028 an. Mit seiner Analyse wendet er sich gezielt an Trump-Wähler, die sich außenpolitisch enttäuscht fühlen.
Ein israelischer Regierungsvertreter schätzte gegenüber Ynet, das Wahlergebnis und Vances Äußerungen hätten den Iran-Krieg vorerst auf Eis gelegt. In Jerusalem wachse die Sorge, ein geschwächter Trump könnte seine Bedingungen senken und sich mit einer Öffnung der Straße von Hormus zufriedengeben, ohne das Atomprogramm zu lösen.
Neue Gesichter im Kongress
Hinzu kommt, wer künftig im Kongress sitzt. Ynet zählt zehn neu gewählte Demokraten, die im Wahlkampf mit scharfer Kritik an Israel aufgefallen sind. Im Senat gehören dazu Abdul El-Sayed aus Michigan, der die israelische Regierung mit der Hamas verglich, Peggy Flanagan aus Minnesota, die den Hamas-Überfall vom 7. Oktober „entsetzlich“ nannte, aber jede weitere Militärhilfe unter Ministerpräsident Benjamin Netanyahu ablehnt, und Troy Jackson aus Maine, der Israel Völkermord vorwirft und sich später bei Juden in seinem Bundesstaat für Äußerungen über ihre Haltung zum Gaza-Krieg entschuldigte. Im Repräsentantenhaus kommen unter anderem Brad Lander aus New York hinzu, ein jüdischer Politiker, der auch weitere amerikanische Mittel für das Raketenabwehrsystem Iron Dome ablehnt, und Melat Kiros aus Colorado, die den 7. Oktober zunächst als „unvermeidliche Folge der Apartheid“ bezeichnete und später erklärte, sie halte den Angriff nicht für gerechtfertigt. Fast alle fordern ein Ende der Militärhilfe, einige ein vollständiges Waffenembargo.
Höchste Alarmstufe
Israelische Fachleute sprechen von einem Wendepunkt. „Das ist ein Großbrand der höchsten Alarmstufe“, sagte Avishay Ben Sasson-Gordis, Leiter der Forschung zu den Beziehungen mit den USA am Institut für nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv, der Agentur Bloomberg. Trumps Ankündigung vom Wahltag, die direkte Militärhilfe zu beenden, zeige, wie belastet Israels Ansehen sei, und sende falsche Signale an seine Gegner. Nach Bloomberg-Angaben waren Vertreter des Außenministeriums über Änderungen an der geltenden Vereinbarung über die Militärhilfe nicht informiert worden. Nomi Bar-Yaacov vom Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik sprach von einem „klaren Misstrauensvotum“ gegen die scheidende Regierung Netanyahu und einer „gewaltigen Verschiebung“ in den Beziehungen. Umfragen bestätigen den Trend. In einer NBC-Umfrage vom März sahen nur 13 Prozent der Demokraten Israel positiv, nach Pew-Daten unterstützt nur gut ein Viertel der jungen Republikaner die israelische Regierung.
Streit auch in Israel
In Israel selbst ist die Frage längst Teil des Machtkampfs um die nächste Regierung. Netanyahu äußerte sich bis Mittwochabend öffentlich nicht zu den Folgen der US-Wahl. Die Opposition wirft ihm vor, die Beziehungen beschädigt zu haben. Oppositionsführer Yair Lapid sieht nach dem Ergebnis keine Grundlage mehr für eine Einheitsregierung unter Netanyahu, Demokraten-Chef Yair Golan nennt ihn bei beiden US-Parteien „toxisch“. Staatspräsident Isaac Herzog bemühte sich um Ausgleich. Israel respektiere Trump, Vance und die Demokratische Partei. „Israel hat immer alles getan, um parteiübergreifend zu sein.“
Was jetzt auf dem Spiel steht
Die nächsten zwei Jahre werden zeigen, ob sich der Trend umkehren lässt. Die Vereinbarung über die Militärhilfe läuft 2028 aus, im selben Jahr wählen die Amerikaner einen neuen Präsidenten. Zu den möglichen Bewerbern zählen auf republikanischer Seite Vance und Außenminister Marco Rubio, bei den Demokraten wird unter anderem El-Sayed genannt. Für die nächste israelische Regierung, wer auch immer sie führt, steht damit eine Aufgabe fest: das Vertrauen in beiden Parteien zurückzugewinnen, bevor aus der besonderen Beziehung eine gewöhnliche wird.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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