Nach Jahren der Trockenheit: Ein verborgenes Naturwunder erwacht in Israels Wüste

Mitten in der israelischen Wüste ist ein seltenes Naturschauspiel zu beobachten. Nach den außergewöhnlich starken Regenfällen Ende Oktober haben sich zahlreiche natürliche Felsbecken im Negev und in der Arava mit Wasser gefüllt. Besonders überraschend ist die Rückkehr des Wassers in den Gev Holit, ein verstecktes Becken, das seit Jahren trocken lag. Der israelische Wetterdienst spricht von einem Starkregen, wie er in Israels Wüstengebieten noch nie gemessen wurde.

Wer durch den Negev fährt, sieht vor allem Felsen, trockene Flussbetten und weite Wüstenlandschaften. Wasser ist hier selten zu sehen. Viele Bäche führen nur nach starken Regenfällen für kurze Zeit Wasser, danach kehrt die Landschaft scheinbar in ihren ursprünglichen Zustand zurück. In diesen Tagen bietet sich jedoch ein anderes Bild. Zwischen hellen Felswänden liegen plötzlich natürliche Wasserbecken, auf Hebräisch „Gev“ genannt. Einige von ihnen waren seit Jahren nicht mehr gefüllt. Besonders eindrucksvoll ist die Veränderung am Gev Holit, einem abgelegenen Felsbecken zwischen Sapir in der Arava und Mitzpe Ramon.

Ein verborgenes Becken voller Wasser

Der Gev Holit liegt am Israel National Trail, dem Wanderweg, der sich durch das ganze Land zieht. Das Becken hat einen Durchmesser von etwa zehn Metern und liegt am Fuß eines Felsabbruchs, über den bei Regen ein Wasserfall stürzt. Normalerweise ist dort nur nackter Fels zu sehen. Nach Angaben der Tourismusabteilung des Regionalrats Zentrale Arava lag das Becken viele Jahre trocken, die jüngsten Sturzfluten haben es nun wieder gefüllt. Für Wanderer ist das ein ungewöhnlicher Anblick: Zwischen Felsen, engen Schluchten und Akazien liegt plötzlich ein Wasserbecken mitten in der Wüste. Auch die Umgebung ist außergewöhnlich. Breite, trockene Flussläufe wechseln sich mit schmalen Canyons ab, die Landschaft wirkt über weite Strecken nahezu unberührt.

Rekordregen: 35,6 Millimeter in zehn Minuten

Auslöser war ein außergewöhnliches Unwetter am 27. Oktober, ausgerechnet am Tag der Knesset-Wahl. Nach Angaben des israelischen Wetterdienstes fielen in Teilen des Negev und der Arava innerhalb kürzester Zeit enorme Regenmengen. Besonders eindrucksvoll waren die Messungen am Nahal Gvanim im Makhtesh Ramon. Dort registrierten die Meteorologen 35,6 Millimeter Niederschlag in nur zehn Minuten.

Das ist ein neuer Rekord für Israels Wüstengebiete. Eine solche Regenintensität war dort nach Angaben des Wetterdienstes noch nie gemessen worden, der bisherige Höchstwert stammte aus Jericho im Jahr 1987. Die Wahrscheinlichkeit für ein solches Ereignis liegt bei 0,5 Prozent, statistisch tritt es im Schnitt nur einmal in 200 Jahren auf. Über das gesamte Unwetter kamen am Nahal Gvanim rund 60 Millimeter zusammen, an mehreren Orten im Süden zwischen 50 und 60 Millimeter. Ursache war nach Angaben des Wetterdienstes eine aktive Tiefdruckrinne vom Roten Meer, die im Oktober in den vergangenen Jahren selten geworden ist. Das letzte vergleichbare Ereignis gab es 2019.

Das Unwetter hatte auch eine gefährliche Seite. Sturzfluten rissen durch die Täler von Negev, Arava, Totem Meer und Judäischer Wüste. Am Nahal Nekarot lief ein Schutzbecken an der Straße 90 über, die Polizei sperrte Abschnitte der wichtigen Nord-Süd-Verbindung. Rettungskräfte suchten nach Menschen und Fahrzeugen, die von den Fluten eingeschlossen worden waren. Manche Bewohner der Arava saßen auf gesperrten Straßen fest und konnten nicht wählen.

Weitere Becken füllen sich

Der Gev Holit ist nicht das einzige Becken, das sich gefüllt hat. Nach Angaben des Regionalrats führen auch die Becken von Hatzeva Wasser, das untere ist derzeit vollständig gefüllt. Der schmale, tiefe Canyon des Nahal Gov, der mit Leitern und Seilen begangen wird, hat sich ebenfalls mit Flutwasser gefüllt. Das Nekarot-Rückhaltebecken bei Ein Yahav ist über seine normale Kapazität hinaus gefüllt und zieht Tiere und Vögel an. Auch im Nahal Saraf nahe dem Zin-Tal steht Wasser.

Was Besucher wissen sollten

Wer den Gev Holit sehen möchte, braucht Planung. Zu Fuß führt der Weg von Sapir aus rund 20,5 Kilometer über den Israel National Trail, Rückweg oder Übernachtung im Gelände müssen eingeplant werden. Alternativ geht es von der Kreuzung Ein Yahav an der Straße 90 über eine rot markierte Piste entlang des Nahal Nekarot, die nur mit Geländewagen befahrbar ist. Vom Parkplatz sind es dann noch etwa 500 Meter zu Fuß. Der Regionalrat mahnt zur Vorsicht: In die Becken sollte man nicht hineingehen, Rettungseinrichtungen gibt es dort nicht. Wanderer sollen auf markierten Wegen bleiben, ihren Müll mitnehmen und Tiere, Pflanzen und Wasserstellen schützen. Vor jeder Tour lohnt zudem ein Blick auf die Wettervorhersage, denn weitere Regenfälle können neue Sturzfluten auslösen.

Wie lange das Schauspiel dauert, ist offen. Sonne und Verdunstung dürften die Becken nach und nach wieder schrumpfen lassen. Wer die Wüste mit Wasser erleben möchte, sollte nicht zu lange warten. Viele Besucher dürften dabei an das biblische Bild der Wüste denken, die sich freut und aufblüht (Jesaja 35,1).

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