Kann ein fast zerstörter Kibbuz wieder wachsen? Nir Oz sucht neue Familien
Viele Bewohner von Nir Oz sind bis heute nicht zurückgekehrt. Einige werden wohl nie wieder dort leben. Trotzdem plant der Kibbuz seine Zukunft, mit neuen Häusern, jungen Familien und Menschen, die bewusst Teil einer neuen Gemeinschaft werden wollen.
Nir Oz steht wie kaum ein anderer Ort für die Folgen des 7. Oktober. Häuser wurden zerstört, Bewohner ermordet oder verschleppt, die Gemeinschaft auseinandergerissen.
Fast drei Jahre später ist der Wiederaufbau in vollem Gang. Doch er verläuft langsamer und schwieriger als viele gehofft hatten.
Der Vorsitzende des Kibbuz, Zvi Tessler, sagte zuletzt im israelischen Rundfunk, dass die Mehrheit der früheren Bewohner bislang nicht zurückgekehrt sei. Viele von ihnen würden vermutlich auch dauerhaft nicht mehr in Nir Oz leben.
„Ich hätte nicht gedacht, dass die Erholung so lange dauern würde“, sagte Tessler. Gleichzeitig machte er deutlich: Der Kibbuz soll wieder wachsen und auch für neue Familien attraktiv werden.
Nicht alle werden zurückkehren
Der Wiederaufbau eines Kibbuz bedeutet in Nir Oz weit mehr, als beschädigte Häuser zu reparieren.
Nach der Evakuierung lebte die Gemeinschaft zunächst mehrere Monate in Eilat, später zog ein großer Teil in eine Übergangssiedlung in Kiryat Gat. Für manche Familien ist die Rückkehr nach Nir Oz weiterhin das klare Ziel. Andere können oder wollen nach den Erlebnissen des 7. Oktober dort nicht mehr leben.
Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Wie bleibt eine Gemeinschaft bestehen, wenn ein Teil zurückkehrt und ein anderer sich ein neues Leben an einem anderen Ort aufbaut?
Die Verantwortlichen versuchen deshalb, beide Gruppen zusammenzuhalten. Auch ehemalige Bewohner, die nicht dauerhaft nach Nir Oz zurückkehren, sollen Teil der Gemeinschaft bleiben. Gleichzeitig sollen neue Familien dazukommen.
Ein neuer Plan für einen alten Kibbuz
Für Nir Oz gibt es inzwischen einen umfassenden Wiederaufbauplan.
Vorgesehen sind nicht nur neue und renovierte Wohnhäuser, sondern auch Gemeinschaftsbereiche, Bildungsangebote, Kultur- und Sporteinrichtungen sowie neue wirtschaftliche Projekte.
Zentrale Wege sollen zu grünen Begegnungsachsen werden. Geplant sind Treffpunkte, öffentliche Flächen und ein Gemeinschaftswald. Gleichzeitig sollen Erinnerungsorte bewusst in den neuen Kibbuz integriert werden.
Die Idee dahinter ist klar: Nir Oz soll weder zu einem reinen Erinnerungsort werden noch so tun, als sei nichts geschehen. Erinnerung und neues Leben sollen nebeneinander bestehen.
Platz für 30 Familien
Ein wichtiger Baustein ist das neue Halutz-Viertel.
Dort sollen rund 30 Familien leben. Dazu gehören bisherige Mitglieder, Rückkehrer, Kinder ehemaliger Bewohner und neue Familien.
Bestehende Häuser werden renoviert, zusätzlich entstehen neue Wohneinheiten mit Schutzräumen. Das Viertel soll einer der ersten Schritte zurück zu einem normalen Alltag sein.
Parallel dazu ziehen bereits junge Menschen nach Nir Oz.
Rund 30 Mitglieder der Hashomer-Hatzair-Bewegung im Alter zwischen 25 und 30 Jahren haben sich dort angesiedelt. Viele von ihnen arbeiten im Bildungsbereich und sollen bewusst Teil des neuen Gemeinschaftslebens werden.
Auch Teilnehmer einer vormilitärischen Akademie engagieren sich im Kibbuz und helfen beim Aufbau gesellschaftlicher und kultureller Angebote.
Wiederaufbau bedeutet mehr als neue Häuser
Die Entwicklung in Nir Oz ist Teil eines größeren Prozesses im westlichen Negev.
Die staatliche Wiederaufbaubehörde Tekuma investiert Milliarden Schekel in Wohnungen, Infrastruktur, Bildung und wirtschaftliche Entwicklung. Für Nir Oz selbst sind mehrere hundert Millionen Schekel vorgesehen. Die vollständige bauliche Wiederherstellung dürfte sich noch bis 2027 hinziehen.
Doch ob Nir Oz wieder zu einem lebendigen Kibbuz wird, entscheidet sich nicht allein an Investitionen und Bauplänen.
Entscheidend ist, ob Menschen zurückkehren, neue Familien kommen und wieder ein Alltag entsteht: Kinder im Kindergarten, Arbeit auf den Feldern, Begegnungen auf den Wegen, gemeinsame Feste und ein funktionierendes Gemeinschaftsleben.
Einige frühere Bewohner haben diesen Schritt bereits gemacht. Andere bereiten ihre Rückkehr vor.
Auf der offiziellen Seite des Kibbuz beschreibt ein Bewohner, wie er sich gemeinsam mit seiner Frau nach Monaten in Eilat und Kiryat Gat bewusst für die Rückkehr entschied.
Für ihn war die Antwort trotz allem eindeutig: Nir Oz ist weiterhin sein Zuhause.
Nir Oz wird nicht wieder genau der Kibbuz sein, der er vor dem 7. Oktober war.
Aber genau darin liegt auch die Herausforderung der kommenden Jahre: nicht die Vergangenheit zu rekonstruieren, sondern eine Gemeinschaft aufzubauen, die wieder Zukunft hat.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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