Zu Fuß von Jaffa nach Jerusalem: Israel lässt eine alte Pilgertradition wiederaufleben

Jahrhundertelang kamen Pilger mit dem Schiff im Hafen von Jaffa an und machten sich von dort auf den beschwerlichen Weg hinauf nach Jerusalem. Ein 111 Kilometer langer Pilgerweg soll diese Tradition nun neu beleben. Am Donnerstag erreichte eine internationale Pilgergruppe das Jaffator in der Jerusalemer Altstadt, darunter auch Teilnehmer aus Deutschland und Österreich.

Fünf Tage waren sie unterwegs, dann standen sie vor den Mauern Jerusalems. Für Joshan, einen katholischen Priester aus Mumbai, war es die erste Begegnung mit der Stadt. Den Blick auf die Mauern nannte er „einen besonderen Moment für einen Pilger“. Gemeinsam mit Teilnehmern aus neun Ländern und Regionen war er auf dem Pilgerweg „The Way to Jerusalem“ unterwegs. Die Gruppe war am Sonntag im historischen Hafen von Jaffa aufgebrochen und erreichte am Donnerstag, dem 29. Oktober, das Jaffator.

Eine alte Tradition bekommt einen neuen Weg

Über viele Jahrhunderte war Jaffa einer der wichtigsten Ankunftshäfen für Reisende ins Heilige Land. Von dort führte der Weg durch die Küstenebene und über die Hügel Judäas hinauf nach Jerusalem. Christliche Pilger zogen bereits in der Spätantike diesen Weg, doch auch jüdische und später muslimische Reisende nutzten die Verbindungen zwischen Küste und Jerusalem. Mit modernen Verkehrsmitteln geriet das Pilgern zu Fuß weitgehend in Vergessenheit.

Genau das wollen die Initiatoren ändern. Der Weg beginnt an der alten libyschen Synagoge am Hafen von Jaffa und endet nach 111 Kilometern am Jaffator. Er ist in sechs Etappen aufgeteilt und führt unter anderem durch Rishon LeZion, Ramle, Latrun, Abu Ghosh und Ein Kerem. Mehr als ein Viertel der Strecke ist bereits auf Hebräisch, Arabisch und Englisch ausgeschildert. Unterwegs sammeln die Wanderer Stempel in einem Pilgerpass. Im vergangenen Jahr erhielt der Weg vom Programm der Kulturwege des Europarats die Auszeichnung „Iter Vitis“, mit der Wein- und Kulturtourismus gewürdigt wird, denn die Route führt auch an Weingütern vorbei.

Wie ein israelischer Jakobsweg

Hinter dem Projekt stehen Golan Rice und Yael Tarasiuk-Nevo. Rice arbeitete 15 Jahre lang in der Sicherheitsabteilung der Fluggesellschaft El Al. Nach seinem Ausscheiden lief er den Jakobsweg nach Santiago de Compostela, beim ersten Mal 43 Tage lang über mehr als 780 Kilometer. „Irgendwo auf diesem Weg passierte etwas, und diese Erfahrung ließ ihn nicht mehr los“, erzählt Tarasiuk-Nevo, die im Bildungsbereich der Stadt Bat Yam tätig ist. Sie selbst ließ sich von Egeria inspirieren, einer Frau, die im vierten Jahrhundert aus dem Nordwesten Spaniens nach Jerusalem pilgerte und darüber ein Reisetagebuch hinterließ. Ab 2022 fragten sich die beiden, warum ausgerechnet Jerusalem keinen bekannten Pilgerweg hat.

Das Konzept ähnelt dem Jakobsweg. Es geht nicht darum, möglichst schnell an einem religiösen Ziel anzukommen. Die Pilger sollen unterwegs Landschaften erleben, Menschen kennenlernen und Zeit zum Nachdenken finden. Anders als klassische Wanderwege verbindet die Route deshalb bewusst religiöse Orte, archäologische Stätten und Begegnungen mit jüdischen und arabischen Gemeinschaften entlang der Strecke. Seit Januar besteht zudem eine Kooperation mit dem spanischen Verband der Freunde des Jakobswegs.

Klöster, Weingüter und persönliche Begegnungen

Die internationale Gruppe besuchte unter anderem Stätten in Jaffa, Ramle, Tel Gezer, Latrun und Ein Kerem. Im Trappistenkloster von Latrun begegneten die Teilnehmer christlichem Klosterleben, in Abu Ghosh der Benediktinergemeinschaft, in Ein Kerem den franziskanischen Heiligtümern wie der Kirche der Heimsuchung. Der Weg verbinde jüdische und christliche Stätten, sagt Tarasiuk-Nevo. Die Organisatoren möchten, dass Pilger Israel nicht nur als Abfolge biblischer Sehenswürdigkeiten kennenlernen, sondern auch erleben, wie die Menschen heute zwischen Mittelmeer und Jerusalem leben.

Ganz ohne Mühe ging es nicht. Die Gruppe lief Abschnitte der Strecke zu Fuß, nach Angaben von Ariella aus Hongkong rund 15 Kilometer und 25.000 Schritte am Tag. Das sei anstrengender gewesen als erwartet.

Teilnehmer aus Deutschland und Österreich

Mit dabei waren Pilger aus Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich, Spanien, Großbritannien, Indien, Südkorea und Hongkong. Gastgeber der Reise war das israelische Tourismusministerium. Für den Tourismus ist das Projekt interessant, weil es eine andere Form des Reisens bietet. Statt mehrere Sehenswürdigkeiten an einem Tag mit dem Bus anzufahren, verbringen Besucher mehrere Tage auf einer vergleichsweise kurzen Strecke. Sie übernachten in der Region, essen in örtlichen Restaurants und begegnen Menschen außerhalb der bekannten Touristenzentren. Gerade kleinere Familienbetriebe entlang der Route könnten davon profitieren. Geplant sind geführte Touren mit Unterkunft, Verpflegung und Gepäcktransport.

Ein besonderer Empfang in Jerusalem

Die Reise endete mit einer Zeremonie im Museum im Davidsturm direkt am Jaffator. Dort erhielten die Teilnehmer die Pilgerurkunde „Jerushalma“. Jerusalems stellvertretende Bürgermeisterin Yael Biton de Lange dankte der Gruppe, dass sie nach drei Jahren Krieg in einer schwierigen Zeit gekommen sei. „Ihr seid als Pioniere gekommen, und ich hoffe, ihr verlasst Jerusalem als Botschafter.“

Nach Angaben der Organisatoren sind bereits weitere Reisen geplant, im November eine Pilgerreise für Frauen, im Dezember eine Gruppe, die die ganze Strecke während Chanukka gehen soll. Langfristig träumen Rice und Tarasiuk-Nevo davon, den historischen Pilgerweg wiederherzustellen, der einst bis zu 450 Kilometer weit aus dem Norden des Landes nach Jerusalem führte. Für die Teilnehmer der jüngsten Reise war das Ziel bereits erreicht. Vielleicht liegt genau darin der Reiz dieses Weges: Jerusalem nicht nur zu besuchen, sondern sich der Stadt Schritt für Schritt zu nähern.

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