Ein Schabbatbrot geht um die Welt: Israel startet internationales Challa-Festival

Ein geflochtenes Brot gehört für viele jüdische Familien so selbstverständlich zum Schabbat wie die Kerzen am Freitagabend. Jetzt macht ein israelisches Museum daraus ein internationales Kulturfestival. In sieben Städten auf drei Kontinenten treffen jüdische Backtraditionen auf Kunst, Musik und ungewöhnliche neue Rezepte. Das „Global ChallahFest“ hat am Freitag begonnen und wird Ende November auch in Tel Aviv gefeiert.

Es ist eines der bekanntesten Bilder des jüdischen Schabbats: Auf dem gedeckten Tisch liegen zwei geflochtene Brote, die Familie kommt zusammen, der Segen über das Brot wird gesprochen, dann beginnt die gemeinsame Mahlzeit. Was in vielen jüdischen Haushalten seit Generationen selbstverständlich ist, steht nun im Mittelpunkt eines Festivals, das ANU, das Museum des jüdischen Volkes in Tel Aviv, am 6. November eröffnet hat. Nach einer ersten Ausgabe im November 2025 in Israel findet es nun erstmals zugleich in mehreren Städten weltweit statt, in New York, Chicago, Washington, Boston, Atlanta, London und Tel Aviv.

Sieben Städte und ein gemeinsames Brot

Organisiert wird das Festival von FOODISH, der kulinarischen Initiative des ANU-Museums. Die Idee ist einfach: Über Essen lassen sich Geschichten erzählen, die Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander verbinden. Bis zum 29. November stehen deshalb Backkurse, Führungen durch Bäckereien, Ausstellungen und gemeinsame Schabbatmahlzeiten auf dem Programm.

In New York eröffnete der Kochbuchautor Jake Cohen das Festival. Außerdem wirken unter anderem die bekannte Kochbuchautorin Joan Nathan und die israelische Köchin Einat Admony mit. In Boston ist nach Angaben der Veranstalter ein Backwettbewerb für Studenten geplant, in Washington eine Diskussion über Brot, Kultur und jüdische Identität. Besonders ungewöhnlich ist eine Veranstaltung, bei der ein DJ auflegt und die traditionelle Challa auf moderne Clubkultur trifft. Die Organisatoren nennen das einen „Challah Rave“.

Ein Brot mit deutschen Wurzeln

Für deutsche Leser hat die Geschichte eine besondere Note. Die heute bekannte geflochtene Challa geht nach verbreiteter Auffassung auf jüdische Familien im süddeutschen und österreichischen Raum des späten Mittelalters zurück. Sie übernahmen das dort übliche geflochtene Festtagsbrot und verbanden es mit ihren religiösen Bräuchen. In Deutschland ist das jüdische Schabbatbrot bis heute auch als Berches oder Barches bekannt. Von dort verbreitete es sich über Polen und Osteuropa in viele weitere jüdische Gemeinschaften.

Das bedeutet allerdings nicht, dass alle Juden schon immer dieselbe Challa backten. In unterschiedlichen Ländern entstanden eigene Brotsorten, Formen und Rezepte. Einige sind rund, andere geflochten, manche werden mit Sesam bestreut, andere mit Mohn, Rosinen oder besonderen Gewürzen verfeinert.

Was die Bibel mit dem Brot verbindet

Der Begriff Challa ist wesentlich älter. In der Tora wird beschrieben, dass die Israeliten von ihrem Teig einen Teil als Gabe für Gott absondern sollen (4. Mose 15,20). Daraus entwickelte sich die Tradition der Hafraschat Challa, der Absonderung eines kleinen Teigstücks, die bis heute beim Backen geübt wird. Mit dem geflochtenen Schabbatbrot ist diese ursprüngliche Bedeutung nicht identisch.

Auch die zwei Brote auf dem Schabbattisch haben eine besondere Symbolik. Sie erinnern an die doppelte Portion Manna, die die Israeliten nach dem biblischen Bericht am Freitag erhielten, weil sie am Schabbat keine Nahrung sammeln sollten (2. Mose 16,22). So verbindet das Brot alltägliche Ernährung mit religiöser Erinnerung.

Von traditionellen Rezepten bis zur modernen Kunst

Ende November verlagert sich ein Schwerpunkt des Festivals nach Tel Aviv. Dort sollen israelische Bäckereien acht besondere Challa-Kreationen anbieten, die historische und familiäre Traditionen aufgreifen. Darunter sind ein Gebäck nach andalusischem Vorbild, eine tunesische Glücks-Challa und eine Verbindung aus Schabbatbrot und französischer Patisserie. Auch niederländische und ungarische Familienerinnerungen werden kulinarisch aufgegriffen.

Parallel zeigt das ANU-Museum eine eigens entwickelte Fotoausstellung. Die Fotografin Sivan Roshianu und der Koch und Künstler Alexander Lachnish betrachten das bekannte Brot aus ungewöhnlichen Perspektiven. Ihre Arbeiten gehen der Frage nach, wie ein alltägliches Lebensmittel zum Symbol für Herkunft, Zugehörigkeit und Erinnerung werden kann.

Traditionen, die sich weiterentwickeln

Für Merav Oren, die Geschäftsführerin von FOODISH, liegt genau darin der Gedanke des Festivals. „Eine Challa kann zu einem Gespräch werden, zu einem Kunstwerk oder zu einem Rave“, sagt sie. Jüdische Kultur soll nicht nur im Museum bewahrt, sondern auch von jüngeren Generationen neu entdeckt und weiterentwickelt werden. ANU-Geschäftsführer Oded Revivi verweist darauf, dass ein einziges gemeinsames Brot Tausende Familiengeschichten über Generationen und Kontinente hinweg trägt.

Gerade die jüdische Geschichte ist voller solcher Wanderungen. Rezepte werden in Familien weitergegeben, verändert und in andere Länder mitgenommen. Ein Brot, dessen heutige Form zum Teil in Mitteleuropa entstand, wird inzwischen in Israel, Amerika und vielen anderen Ländern gebacken. Auch wenn sich Zutaten und Formen unterscheiden, bleibt der Schabbattisch für viele Familien ein gemeinsamer Bezugspunkt.

Das macht das Festival interessant. Es geht nicht einfach um einen Backwettbewerb oder ausgefallene Rezepte, sondern darum, wie eine jahrhundertealte Tradition Menschen über Ländergrenzen hinweg verbindet. Aus einem einfachen Brot wird so eine Geschichte über jüdisches Leben, von den Backstuben im mittelalterlichen Deutschland bis zum Schabbattisch im heutigen Israel.

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