Ein gestrichenes Wort: Wie der Friedensrat nach dem Netanyahu-Treffen seine Bedingungen verschob
Manchmal steckt die Nachricht in einem einzigen Adjektiv. Nach dem Treffen zwischen Ministerpräsident Benjamin Netanyahu und dem Hohen Repräsentanten des Friedensrats für Gaza, Nickolay Mladenov, veröffentlichte das Gremium am Montagabend eine Erklärung. In der ersten Fassung war vom „vollständigen Rückzug der IDF“ die Rede, der erst nach abgeschlossener Entwaffnung erfolge. Wenige Minuten später verschwand das Wort „vollständig“. Übrig blieb der Satz: „Entgegen ungenauen Berichten halten wir fest, dass der Rückzug der IDF über die Gelbe Linie hinaus erst erfolgen wird, sobald die Entwaffnung abgeschlossen ist, wie die Hamas es den Vermittlern zugesagt hat. Das gilt für leichte Waffen, schwere Waffen und die Tunnel gleichermaßen.“
Der Unterschied ist erheblich. Die erste Version ließ Raum für Teilrückzüge während des Prozesses, so wie es der Fahrplan der vergangenen Woche vorsah. Die zweite bindet jeden Abzug jenseits der Gelben Linie an die vollständige Entwaffnung.
Der Widerspruch zur eigenen Ankündigung
Beide Fassungen widersprechen dem, was Mladenov vergangene Woche selbst gesagt hatte: „Der Rückzug muss im Gleichschritt mit der Entwaffnung erfolgen.“ Die Verschiebung wirkt wie ein Versuch, Israel für den Plan zu gewinnen. Jerusalem hatte darauf bestanden, dass kein Abzug vor der vollständigen Entwaffnung erfolgt, und sich gegen die im Fahrplan vorgesehene stufenweise Verzahnung gewandt.
Nur birgt genau das ein Risiko. Die Hamas hatte ausdrücklich der ursprünglichen Reihenfolge zugestimmt, schwere Waffen nach einem israelischen Rückzug aus der Gelben Zone und einem Ende der Angriffe abzugeben. Eine Hamas-nahe Quelle erklärte am Montag, man halte an den Bedingungen der zweiten Phase fest und warte auf eine offizielle Antwort Mladenovs und der Vermittler.
Was Netanyahu dem Gesandten sagte
Nach Angaben von Israel Hayom teilte der Ministerpräsident Mladenov mit, Israel werde das Feuer in Gaza nicht einstellen und sich nicht von der Gelben Linie zurückziehen, angesichts der fortbestehenden Bedrohung durch die Hamas. Zuvor übergab Israel dem Friedensrat und amerikanischen Vertretern eine Liste von Vorbehalten. Ein zentraler Kritikpunkt: Jerusalem war an den Verhandlungen in Kairo nicht beteiligt und konnte seine Position nicht einbringen. Das Büro des Ministerpräsidenten erklärte vor dem Treffen, die veröffentlichte Fassung des Abkommens „spiegelt nicht die Positionen Israels wider“.
Zwei weitere israelische Einwände sind aufschlussreich. Nach Angaben eines israelischen Vertreters wehrt sich Jerusalem dagegen, dass Repräsentanten Katars und der Türkei in der Internationalen Verifikationskommission sitzen sollen, die die Entwaffnung überwacht. Beide Länder beherbergten Hamas-Führer, die Beziehungen zur Türkei brachen nach dem 7. Oktober zusammen. Zum anderen lehnt Israel ab, dass Hamas-Waffen lediglich eingelagert statt zerstört werden sollen.
Nach Berichten der Nachrichtenagentur AP drängte Mladenov Netanyahu, die Angriffe in Gaza einzustellen. Nach Ynet-Informationen bat er um eine zweiwöchige Feuerpause, um die Verhandlungen mit der Hamas abzuschließen. Mladenov selbst gab sich zurückhaltend: „Ein langer Tag in Jerusalem. Das ist der Beginn der schwierigen Phase, und ich habe nie etwas anderes behauptet. Vieles von dem, was wir jetzt tun, ist nicht dramatisch. Es ist langsame, mühsame, technische Arbeit.“
Die Angriffe gehen weiter
Wie es um die Feuerpause bestellt ist, zeigte derselbe Abend. Stunden nach dem Treffen meldeten palästinensische Quellen einen israelischen Luftangriff im Stadtteil Sheikh Ajlin von Gaza-Stadt mit zwei Toten. Es war der erste Angriff seit fast 24 Stunden; die kurze Ruhe hatte Spekulationen genährt, der Friedensrat habe Israel zu einer Zurückhaltung bewegt.
Zugleich meldete die IDF Erfolge gegen Beteiligte des 7. Oktober. In Deir al-Balah wurde Abdallah Adnan Taha Abu al-Tayf getötet, ein Angehöriger der Nukhba-Eliteeinheit der Hamas, der am 7. Oktober nach Israel eindrang. Im Schati-Lager starb Jalal Sobieh, nach IDF-Angaben Kommandeur im Daraj-Tuffah-Bataillon. Bereits am Wochenende tötete die Armee Mahmoud Fatair vom Islamischen Dschihad, ebenfalls ein Eindringling des 7. Oktober, der an der Gefangenhaltung der Geisel Rom Braslavski beteiligt war und 2023 bei den Übergabezeremonien mehrerer Geiseln auftrat.
Braslavski, der in zwei Jahren Gefangenschaft Arabisch lernte, veröffentlichte daraufhin eine arabischsprachige Videobotschaft. Fatair sei „noch einer, der meine Seele zerstört hat“. Und weiter: „Ja, ihr wart Verbrecher, und ja, ich war schwach bei euch, und ihr habt getan, was ihr wolltet. Aber jetzt werdet ihr einer nach dem anderen getötet, und nicht einer von euch wird übrig bleiben.“ Sein Mikrofon trug ein gelbes Band, das Symbol des Kampfes für die Geiseln.
Der Zeitplan, der noch nicht begonnen hat
Nach dem Abkommen sollen alle Waffen der von der Hamas geführten Polizei an das palästinensische Technokraten-Komitee übergehen, sobald dieses im Gazastreifen eintrifft. Vorgesehen ist das zwei Wochen nach Beginn des Entwaffnungsplans; in diesen ersten zwei Wochen wird der Zeitplan für die einzelnen Phasen vereinbart. Der gesamte Prozess ist auf acht Monate bis ein Jahr angelegt.
Der Friedensrat wollte die ersten 14 Tage unmittelbar nach der Zustimmung der Hamas beginnen lassen. Wegen der israelischen Einwände ist der Starttermin offen.
Dass Israel vor der Wahl am 27. Oktober größere Zugeständnisse macht, gilt als unwahrscheinlich. Netanyahu steht vor einem schwierigen Urnengang, seine Koalitionspartner drängen darauf, den Druck aufrechtzuerhalten und Truppen in Gaza zu belassen.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
Wenn du das schätzt, kannst du unsere Arbeit direkt unterstützen.
Einfach und sicher per via PayPal
Related Posts
Türkischer Forscher: Türkische Armee kann Tel Aviv innerhalb von 72 Stunden einnehmen
Ob er daraufhin einen direkten Angriff auf Israel verüben wird, ist unwahrscheinlich, aber Israel steht…
Gespräche mit dem Iran zum Scheitern verurteilt?
Irans Atomchef Islami: „Wir werden weiterhin Uran anreichern – und dem Westen die Augen ausstechen“…
Netanjahu versichert Eltern von Geiseln: Israel arbeitet an Abkommen zur Freilassung von zehn Geiseln
Geiselforum und Tikva-Forum fordern: Alle Geiseln müssen auf einmal freikommen; Ägyptische Quelle: Hamas bittet um…
Verwirrung um Verhandlungsort – Iran lehnt Uran-Transfer ab
Die jüngsten diplomatischen Bemühungen zwischen den USA und dem Iran stehen auf wackligen Füßen. Zwar…
