Mehr gehen als kommen: Israel erlebt das dritte Rekordjahr der Auswanderung
Es ist eine Entwicklung, die dem Selbstverständnis des Landes widerspricht. Zum dritten Mal in Folge haben 2025 fast 50.000 Israelis ihre Heimat für mehr als zwölf Monate verlassen. Das geht aus einer Studie hervor, die Forscher der Universität Tel Aviv am Montag veröffentlicht haben. Verfasst wurde sie von Professor Itai Ater von der Coller-Fakultät für Management, der zugleich das Ökonomen-Forum für Demokratie leitet, Professor Nittai Bergman, Leiter der Wirtschaftsfakultät, und dem Doktoranden Doron Zamir.
Wie die Forscher zu ihrer Zahl kommen
Die Methodik verdient Beachtung, denn sie erklärt die kursierenden Zahlenunterschiede. Offiziell gilt in Israel als Auswanderer, wer mindestens 275 Tage eines Jahres im Ausland verbracht hat, mit einer zusammenhängenden Anfangsphase von drei Monaten. Endgültige Daten für 2025 gibt es deshalb erst Anfang 2027.
Um früher Klarheit zu schaffen, werteten die Forscher die Zahl derer aus, die mindestens drei aufeinanderfolgende Monate im Ausland blieben. Zwischen beiden Werten besteht ein statistischer Zusammenhang von 0,96, also ein außergewöhnlich enger. 2025 blieben 90.922 Israelis mindestens drei Monate fort, nach 91.499 im Jahr 2024 und 86.509 im Jahr 2023. Zwischen 2023 und 2025 verließen damit 268.930 israelische Staatsbürger das Land für längere Zeit.
Zum Vergleich: Im Jahrzehnt von 2010 bis 2019 waren es im Schnitt rund 60.000 pro Jahr. Im vergleichbaren Dreijahreszeitraum ein Jahrzehnt zuvor, von 2013 bis 2015, reisten 183.219 Menschen für mindestens drei Monate aus.
Ein Detail ist politisch aufgeladen: Die Schätzung von 45.000 bis 50.000 liegt deutlich unter den rund 69.000, die das Statistikamt zuvor nannte. Der Grund, so Ater, ist eine bewusste Entscheidung. Man habe Neueinwanderer der vergangenen drei Jahre herausgerechnet, überwiegend Russen und Ukrainer. „Wir haben die Daten so aufbereitet, weil Leute in der Regierung zuvor sagten, die Auswanderungszahlen spiegelten nicht die Wirklichkeit in Israel wider. Sie versuchten zu behaupten, die meisten Abreisenden seien Neuankömmlinge aus der Ukraine gewesen, keine langjährigen Einwohner. Wir wollten zeigen, wie viele ‚echte Israelis‘ tatsächlich gehen.“
Der historische Bruch
Hier liegt die eigentliche Bedeutung dieser Studie. In den Jahren 2024 und 2025 verließen zusammen rund 50.000 Menschen mehr das Land, als zuwanderten. Nach Angaben von Sergio Della Pergola, einem der angesehensten Demografen für jüdische Bevölkerungsfragen, gab es das mit Ausnahme einzelner Phasen in den 1950er und 1980er Jahren noch nie: Israel hatte fast immer mehr Juden, die kamen, als solche, die gingen.
Aufschlussreich ist die veränderte Begründung. Historisch war israelische Auswanderung meist wirtschaftlich motiviert. Nach einer Untersuchung von Lilach Lev Ari, Soziologieprofessorin am Oranim-College, nennen viele der heute Gehenden andere Gründe: Unzufriedenheit mit der Regierung, insbesondere mit Vorhaben, die Kritiker als Aushöhlung der Demokratie sehen, sowie die Sicherheitslage.
Die Warnung der Forscher
Ater formuliert seine Sorge zurückhaltend, aber unmissverständlich: Die Zahlen stellten für sich genommen noch keine Bedrohung der israelischen Widerstandsfähigkeit dar. „Blickt man jedoch nach vorn, und ändert sich nichts, wächst die Sorge, dass die Auswanderung in einer Weise zunimmt, die Israels Sicherheit und Wirtschaft gefährdet.“
Der Bericht beschreibt einen Kipppunkt: Zusätzliche negative Schocks, politisch, wirtschaftlich oder sicherheitsbezogen, könnten Rückkopplungen auslösen, die die Auswanderung weiter anschwellen lassen. Überschreite die Abwanderung eine bestimmte Schwelle, sei die Trendumkehr extrem schwierig und mit schweren makroökonomischen Folgen verbunden.
Die politische Reaktion
Aus der Opposition kam prompt Kritik. Der Abgeordnete Gilad Kariv von den Demokraten, Vorsitzender des Knesset-Ausschusses für Einwanderung und Diaspora, sprach von einem „Tsunami der Auswanderung“, vor dem er seit Amtsantritt warne, ohne dass die Regierung etwas unternehme. Er habe wiederholt gefordert, Zuständige für das Problem zu benennen, sei aber nicht durchgedrungen. „Das ist eine strategische Bedrohung für Israels Zukunft, und sie hängt eng mit dem Verhalten der Regierung zusammen.“
Meirav Cohen von Yesh Atid formulierte es spitzer: Man habe versprochen, Bewohner Gazas würden freiwillig auswandern, am Ende habe die Regierung des 7. Oktober die freiwillige Auswanderung aus Israel gefördert. Ihre Fraktionskollegin Karine Elharrar sagte, immer mehr Israelis sähen das Versagen dieser Regierung und verzweifelten daran.
Was in der politischen Aufregung leicht untergeht: Die Studie misst Abwesenheit, nicht Endgültigkeit. Wer drei Monate fortbleibt, ist noch nicht ausgewandert. Und Israel hat in seiner Geschichte mehrfach erlebt, dass Menschen zurückkommen, wenn sich die Lage ändert. Genau darin liegt die eigentliche Frage dieser Zahlen: nicht, wie viele gegangen sind, sondern ob sie einen Grund bekommen, wiederzukommen.
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