98 Tage vor der Wahl: Die Entscheidung fällt unter der Sperrklausel
Die erste große Umfrage nach der Knesset-Auflösung ist da, und ihre wichtigste Botschaft versteckt sich nicht in den Spitzenwerten, sondern im Kleingedruckten. Eine Umfrage von N12 zeigt ein auf den ersten Blick erstarrtes Bild: Netanyahus Koalitionsblock kommt auf 51 Mandate, das Lager seiner Gegner einschließlich der arabischen Parteien auf 69. Diese Zahlen bewegen sich seit Wochen kaum. Die eigentliche Schlacht tobt woanders.
Warum die Splitterparteien wahlentscheidend sind
Für deutsche Leser zur Einordnung: In Israel gilt eine Sperrklausel von 3,25 Prozent. Wer darunter bleibt, verschwindet, und seine Stimmen verfallen ersatzlos. Genau dort, „in den Kämpfen an der Untergrenze“, sieht der politische Chefkommentator von N12, Amit Segal, die Wahl entschieden: Wie sich die vielen Parteisplitter verbinden oder eben nicht, sei „die Frage dieser Wahl, keine andere“.
Die Umfrage zeigt das Ausmaß: In der politischen Mitte schwimmen nach den Worten des Kommentators Yair Cherki fast zehn Mandate in einem „breiten, aber flachen Becken“, verteilt auf Listen, die einzeln allesamt scheitern. Ex-Minister Gilad Erdan, der kommende Woche seine Kandidatur erklären dürfte, steht bei 1,6 Prozent. Ein Bündnis von Benny Gantz mit Ex-General Dedi Shimchi käme auf 1,8 Prozent. Kommentator Amnon Abramovich formuliert das Paradox dieser Listen bitter: Sie vertreten ein Publikum, das den Wechsel will, und verhindern ihn, indem sie einander unter die Hürde drücken.
Eisenkots Aufstieg, Smotrichs Absturz, Netanyahus Rechnung
Dazu kommen drei Personalbefunde. Erstens: Gadi Eisenkots Partei Yashar legt erneut zu und festigt sich als stärkste Kraft des Landes, ausgerechnet nach einer Woche aggressiver Likud-Kampagnen gegen ihn. Die Attacken, so die Analyse von Daphna Liel, machen Eisenkot größer statt kleiner. Zweitens: Das Bündnis von Naftali Bennett und Yair Lapid ist seit seiner Gründung von 28 auf 15 Mandate abgestürzt, die Fusion hat Stimmen vernichtet statt gebündelt. Und drittens: Bezalel Smotrichs Religiöser Zionismus fällt auf vier Mandate zurück. Sobald rechts von ihm Konkurrenz auftaucht, rutscht er unter die Sperrklausel. Cherkis Fazit: Die Smotrich-Wähler sind das schwächste Glied in Netanyahus Block, womöglich wegen des Unmuts über die Haredi-Gesetze. Die Umfrage liefert dazu eine Zahl mit Sprengkraft: 19 Prozent der Koalitionswähler lehnen den Deal mit den Ultraorthodoxen ab.
Abramovich nennt es eine Schicksalswahl, eine „Wahl der Hauptgerichte, nicht der Nachspeisen“. Übersetzt: Die kleinen Listen werden schrumpfen, die Wähler zu den großen Blöcken wandern. Bis zum 27. Oktober bleibt die entscheidende Frage damit nicht, wer vorn liegt. Sondern wessen Stimmen am Wahlabend im Papierkorb der Sperrklausel landen.
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