18 Kilometer, die der Weltwirtschaft schaden können: Warum Israel den Griff der Huthis so ernst nimmt
Ein Blick auf die Landkarte erklärt, warum Israels Sicherheitsapparat die jüngsten Geländegewinne der Huthi-Miliz im Jemen mit besonderer Sorge verfolgt. Nahe der Hafenstadt Hodeidah ist das Rote Meer noch 160 bis 260 Kilometer breit. Doch je weiter südlich Richtung Meerenge, desto schmaler wird der Durchlass, bis auf gerade einmal 18 Kilometer an der engsten Stelle bei Bab al-Mandab. Zum Vergleich: Selbst der Iran, der mit seiner Kontrolle über die rund 55 Kilometer breite Straße von Hormus seit Monaten Öltanker und Frachtschiffe bedroht, hat es dort mit einer gut dreimal so breiten Passage zu tun. Je schmaler das Nadelöhr, desto einfacher lässt es sich mit einfachen Mitteln, etwa Panzerabwehrraketen vom Typ Kornet oder Sprengbooten, effektiv blockieren, ganz ohne aufwendige Radar- oder Ortungssysteme.
Möglich wurde der jüngste Vorstoß, nachdem sich Truppen der international anerkannten jemenitischen Regierung von der strategisch zentralen Insel Perim, auf Arabisch auch Mayyun genannt, zurückgezogen hatten, die mitten im Nadelöhr der Meerenge liegt. Damit haben die Huthis nach Einschätzung mehrerer internationaler Nachrichtenagenturen faktisch die Kontrolle über die gesamte jemenitische Rotmeerküste übernommen, in einer Offensive, die binnen weniger als 24 Stunden abgeschlossen war. Ein Sprecher der Miliz erklärte, die Schifffahrt bleibe für alle Reedereien sicher, mit Ausnahme saudischer Schiffe, gegen die man die bestehende Blockade fortsetze. Saudi-Arabien reagierte mit einem Luftangriff auf den Flughafen der zuvor eroberten Hafenstadt al-Mukha.
„Keine ferne Front mehr“
Israels Militärführung reagierte diese Woche mit ungewöhnlich deutlichen öffentlichen Warnungen an die Adresse der Huthis und des Iran. Generalstabschef Eyal Zamir erklärte, Israel habe „existenzielle Bedrohungen, die sich über Jahre gegen uns aufgebaut hatten, beseitigt und zurückgedrängt“. Man werde nicht zulassen, dass von radikalen Feinden neue existenzielle Bedrohungen entstünden, und ebenso wenig, dass sich terroristische Organisationen an den eigenen Grenzen festsetzten: „In Bab al-Mandab, im Herzen Beiruts, in libanesischen Häfen und vor der Küste Gazas haben wir bewiesen, dass der lange Arm der Armee stark, entschlossen ist und überallhin reicht, um jene zu treffen, die uns schaden wollen.“ Marinechef Vizeadmiral Eyal Harel formulierte es pointiert: „Im neuen maritimen Raum gibt es so etwas wie eine ferne Front nicht mehr“, niemand, der Israel schaden wolle, könne sich mehr auf Entfernung als Schutz verlassen.
Nach Angaben aus Jerusalem stuft man die Entwicklung zwar als beunruhigend ein, ein direktes militärisches Eingreifen ist jedoch derzeit nicht vorgesehen, es sei denn, Israel würde selbst unmittelbar angegriffen. Vizeadmiral Harel ordnete dennoch die Erhöhung der Alarmbereitschaft im gesamten System an, einschließlich der Führungs- und Kontrollposten, während ranghohe Offiziere vor Ort die Seestreitkräfte verstärkten, um Überraschungen im maritimen Raum zu verhindern. Ein libanesisches Medium berichtete zudem, Ministerpräsident Netanyahu habe angeboten, sich einer möglichen Kampagne gegen die Huthis anzuschließen, eine Angabe, die sich unabhängig bislang nicht bestätigen ließ.
Die Furcht vor einer neuen Koalition
In sicherheitspolitischen Kreisen Israels übt man hinter verschlossenen Türen zugleich scharfe Kritik am Zusammenbruch der regionalen Abschreckung und fragt, warum weder Saudi-Arabien noch die jemenitische Regierung oder andere regionale Akteure bislang wirksam reagiert hätten, ein Vorgang, der aus dieser Sicht auch mangelnde Flexibilität und militärisches Können auf höchster Ebene bei jenen offenlegt, die den Huthis eigentlich Widerstand entgegensetzen sollten. Die Sorge: Gelingt es den Huthis, ihre neue Kontrolle über Bab al-Mandab konsequent auszunutzen, könnte sich eine ernstzunehmende, vom Iran angeführte Koalition formieren, die irgendjemand am Ende wird zerschlagen müssen. US-Präsident Trump hat unterdessen laut Axios zwei Bitten von Kronprinz Mohammed bin Salman, gegen die Huthis vorzugehen, vorerst abgelehnt.
Analysten außerhalb Israels teilen die Einschätzung der Dringlichkeit. Der Sicherheitsexperte Wolfgang Pusztai erklärte gegenüber Al Jazeera, die Huthis verfügten nun über die reale Fähigkeit, jeden Seeverkehr durch Bab al-Mandab nach Belieben zu unterbinden. Caroline Rose vom Soufan Center wies darauf hin, dass Reedereien dadurch gezwungen sein könnten, auf deutlich teurere Ausweichrouten umzusteigen, mit Folgen auch für die Auslastung des Suezkanals. Zwischen November 2023 und Mitte 2025 hatten die Huthis bereits mehr als 100 Handelsschiffe im Roten Meer angegriffen.
Aus israelischer Sicht bekommt die Entwicklung dadurch eine besondere Brisanz, dass sich die maritime Bedrohungslage insgesamt verändert, von der iranischen Kontrolle über die Straße von Hormus bis zu den jüngsten Ereignissen bei Bab al-Mandab. Für ein Land wie Israel, das faktisch wie eine Insel funktioniert und 98 Prozent seiner Importe über den Seeweg abwickelt, gilt diese Bedrohung im Sicherheitsapparat inzwischen als eine der bedeutendsten überhaupt, mit der Konsequenz, dass die israelische Marine nach eigener Einschätzung in den kommenden Jahren deutlich wachsen muss, um der Herausforderung zu begegnen.
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