Eine Nacht der Schüsse: Die Gewalt in der arabischen Gesellschaft wird zur Bewährungsprobe für die nächste Regierung
Während in Jerusalem um die nächste Regierung gerungen wird, hat eine Serie von Gewalttaten am Donnerstagabend erneut gezeigt, welches Problem auf sie wartet. Innerhalb von gut drei Stunden meldete der Rettungsdienst Magen David Adom Schüsse und Messerangriffe in Tamra, Nazareth, Baka al-Gharbiyye, Kalansawe, Kafr Kassem, Hadera und Holon. Mindestens zwei Männer kamen ums Leben, mehrere Verletzte schweben in Lebensgefahr. Nach Angaben der Polizei deutet in den meisten Fällen alles auf einen kriminellen Hintergrund hin.
Ein Abend, sieben Tatorte
Am schwersten traf es Baka al-Gharbiyye. Dort wurde ein junger Mann erschossen, vier weitere wurden verletzt, drei von ihnen schwer. Die Polizei suchte mit einem Hubschrauber nach den Tätern und stellte mehrere Waffen sicher. In Tamra wurde nach Ynet-Angaben der 22-jährige Yosef Hamad getötet, ein weiterer Mann wurde verletzt. In Nazareth musste ein etwa 45-Jähriger künstlich beatmet werden, in Hadera wurde ein 24-Jähriger durch Messerstiche schwer verletzt.
Am Freitagmorgen folgte die nächste Tat. An einer Bushaltestelle an der Straße 65 nahe dem Gefängnis Tzalmon wurde nach Angaben des Portals Kikar HaShabbat Eyal Hayev erschossen. Der 37-Jährige verbüßte eine lange Haftstrafe wegen Totschlags und war mit Genehmigung der Gefängnisbehörde auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle. Auch hier prüft die Polizei einen kriminellen Hintergrund. Ob die Tat mit der Serie vom Vorabend zusammenhängt, ist offen.
Fast zweihundert Tote seit Jahresbeginn
Nach Zählung der Organisation Abraham Initiatives wurden bis Anfang November 193 arabische Bürger Opfer von Gewaltverbrechen, inzwischen liegt die Zahl nach Medienberichten bei fast zweihundert. Das sind etwas weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, doch 2025 war mit 252 Toten das tödlichste Jahr seit Beginn der Erfassung. Aufgeklärt wird nur ein Bruchteil der Fälle. Im ersten Halbjahr lag die Quote nach Angaben der Organisation bei etwa zwölf Prozent.
Die Folgen reichen weit über die Statistik hinaus. Bürgermeister wie Mazen Ghanaim aus Sakhnin berichten, dass Familien aus Angst in jüdische Städte ziehen. Staatspräsident Isaac Herzog nannte die Lage schon Anfang des Jahres einen „nationalen Notstand“. Die Schüsse in Holon und die Messerangriffe in Hadera und, schon am Mittwoch, in Or Akiva zeigen zudem, dass sich die Gewalt nicht auf arabische Orte beschränkt.
Wer trägt die Verantwortung?
Über die Ursachen wird heftig gestritten. Minister für Nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir macht vor allem Generalstaatsanwältin Gali Baharav-Miara verantwortlich. Sie verhindere Verwaltungshaft gegen Bosse krimineller Familien und den Einsatz von Überwachungstechnik, „an ihren Händen klebt Blut“, sagte er im Februar. Auch Polizeichef Danny Levy forderte härtere Strafen und mehr technische Mittel. Kulturerbeminister Amichai Eliyahu verwies auf die Verantwortung der arabischen Führung. Kritiker halten Ben-Gvir entgegen, dass die Zahl der Opfer seit seinem Amtsantritt Ende 2022 deutlich höher liegt als zuvor.
Arabische Politiker und Fachleute sehen das anders. Sie werfen der Regierung und der Polizei vor, die Kriminalität in arabischen Orten seit Jahren nicht ernsthaft zu bekämpfen. Der Kriminologe Badi Hasisi von der Hebräischen Universität spricht von einer Polizei, die sich aus diesen Orten weitgehend zurückgezogen habe. In einer Umfrage des Instituts Afkar vom Sommer sahen 49 Prozent der arabischen Befragten vor allem den Staat in der Pflicht, 34 Prozent die Familien. Dass die Zahlen zeitweise sinken können, zeigt das Jahr 2022: Unter der Regierung Bennett und Lapid und mit einem eigenen Programm gegen die Gewalt ging die Zahl der Opfer zurück, bevor sie 2023 auf 244 und damit einen damaligen Rekord stieg.
Ein Thema für die Koalitionsgespräche
Politisch liegt das Thema nun auf dem Verhandlungstisch. Die Gemeinsame Liste verlangt für ihre Unterstützung bei der Wahl eines neuen Parlamentspräsidenten unter anderem einen Fünfjahresplan gegen Kriminalität und Gewalt in arabischen Orten. Wer auch immer am Sonntag von Herzog den Auftrag zur Regierungsbildung erhält, wird sich daran messen lassen müssen, ob er mehr bietet als Ankündigungen. Für die Familien in Baka al-Gharbiyye und Tamra kommt jede Lösung bereits zu spät.
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