Warten auf den großen Regen: Der Kinneret im Tief und warum der Golan für Israels Wasser so wichtig ist

Golan im Herbst. Im Hintergrund der Hermon

Golan im Herbst. Im Hintergrund der Hermon

Am Ufer des Sees Genezareth ist zu sehen, was drei trockene Jahre angerichtet haben: Wo früher Wellen an den Strand schlugen, ziehen sich breite Streifen aus Sand und Geröll. Nach Angaben der israelischen Wasserbehörde lag der Pegel des Kinneret, wie der See auf Hebräisch heißt, Ende Oktober bei 213,70 Metern unter dem Meeresspiegel. Das sind rund 70 Zentimeter unter der unteren roten Linie, auch Anfang November hat sich daran kaum etwas geändert. Nun richten sich die Blicke nach oben: Zum Wochenende erreicht das erste große Regensystem dieses Winters das Land.

Drei Jahre Dürre in Zahlen

Innerhalb von 30 Tagen sank der Wasserstand nach Angaben der Wasserbehörde um 11,5 Zentimeter, im Vergleich zum Vorjahr liegt er 43 Zentimeter tiefer. In derselben Woche des Jahres 2022 stand der See noch bei minus 210,26 Metern, also fast dreieinhalb Meter höher. Seit Mai 2022 hat der Kinneret nach einem Bericht des Senders Mako mehr als 4,6 Meter verloren. Bis zur oberen roten Linie bei minus 208,80 Metern, an der der See als voll gilt, fehlen fast fünf Meter, der historische Tiefstand von 2001 liegt bei minus 214,87 Metern.

Die untere rote Linie ist mehr als eine Markierung. Unterhalb dieser Marke wird die Wasserentnahme eingeschränkt, der Salzgehalt steigt und das ökologische Gleichgewicht des Sees gerät unter Druck. „Die Wasserquellen, die den Kinneret speisen, gehen immer weiter zurück“, warnte Idan Grinbaum, Vorsitzender des Städteverbands Kinneret, gegenüber Mako.

Wasser aus dem Mittelmeer für den See

Dass der Pegel nicht noch tiefer liegt, hat einen ungewöhnlichen Grund. Jahrzehntelang war der Kinneret Israels wichtigster Wasserspeicher, über den Nationalen Wasserträger floss sein Wasser seit 1964 nach Süden bis in den Negev. Heute fließt es zum Teil in die umgekehrte Richtung. Seit März leiten der Wasserversorger Mekorot und die Wasserbehörde rund 4.000 Kubikmeter entsalztes Meerwasser pro Stunde in den See, zum Teil über den Bach Nahal Tzalmon. Bereits seit Dezember 2025 fließen nach Angaben von Maariv zudem etwa 1.000 Kubikmeter pro Stunde aus dem Gebiet von Ein Ravid zu. Das umgekehrte Leitungssystem war vor rund drei Jahren für etwa eine Milliarde Schekel fertiggestellt, aber bis dahin kaum genutzt worden. Es stoppt den Rückgang nicht, es bremst ihn.

Der niedrige Wasserstand birgt auch Gefahren für Badegäste. An vielen Stellen fällt der Seegrund nahe dem Ufer plötzlich steil ab. Nach Angaben von Mako starb ein neunjähriger Junge an einer Infektion mit der Amöbe Naegleria fowleri, nachdem er am Korsi-Strand gebadet hatte.

Der Regen kommt, der See braucht Geduld

Der Wetterdienst rechnet mit einem kräftigen Wintereinbruch in mehreren Wellen, der am Samstag seinen Höhepunkt erreicht und erst am Sonntag abklingt. Nach der Vorhersage von Israel Hayom sollte der Norden als erste Region schon am Donnerstag Regen abbekommen, für Freitag und Samstag werden dort Gewitter, Hagel und starker Wind erwartet. In der Küstenebene sind örtlich bis zu 160 Millimeter möglich, auf den höchsten Gipfeln des Hermon könnte sogar der erste leichte Schnee fallen. „Wir haben bis Anfang November gewartet, aber diesmal kommt der Regen offenbar in großem Stil“, zitierte das Portal Kipa den Wetterdienst.

Für den Kinneret ist das ein guter Anfang, mehr aber nicht. Erfahrungsgemäß saugt der ausgetrocknete Boden die ersten Niederschläge auf. Spürbar steigt der See meist erst im Hochwinter und im Frühjahr, wenn auch die Schneeschmelze am Hermon einsetzt. Drei Dürrejahre lassen sich mit einem einzigen Unwetter nicht ausgleichen.

Warum der Golan so wichtig ist

Woher das Wasser des Kinneret kommt, zeigt ein Blick auf die Karte. Der Jordan entsteht aus drei Quellflüssen am Fuß des Hermon. Der Dan liefert im Jahresmittel rund 250 Millionen Kubikmeter, der Banias, der auf dem Golan entspringt, etwa 100 Millionen, der Hasbani aus dem Libanon gut 110 Millionen. Hinzu kommen Bäche wie Meshushim, Yehudiya und Daliyot, die von den Golanhöhen herab in den Nordosten des Sees fließen. Wie groß der Anteil des Golan an Israels Wasser insgesamt ist, wird unterschiedlich beziffert. Unstrittig ist, dass ein bedeutender Teil der Zuflüsse des Kinneret von dort stammt.

Welche Bedeutung das hat, zeigt die Geschichte. Bis 1967 gehörte der Golan zu Syrien. Von den Höhen aus beschoss die syrische Armee immer wieder Kibbuzim im Hula-Tal und Fischer auf dem See. Im Jahr 1964 begann Syrien im Rahmen eines Plans der Arabischen Liga, das Wasser von Banias und Hasbani abzuleiten, um es Israel zu entziehen. Die israelische Armee (IDF) beschoss die Baustellen und zerstörte die Maschinen, der Streit ums Wasser gilt als einer der Konflikte, die zum Sechstagekrieg führten. Im Jahr 1981 beschloss die Knesset, israelisches Recht auf den Golan anzuwenden. Die USA erkannten die israelische Souveränität 2019 unter Präsident Donald Trump an, die meisten anderen Staaten tun das bis heute nicht.

Militärisch bleibt der Golan ein natürlicher Schutzwall, der Galiläa und das Jordantal überblickt, der Hermon dient als Frühwarnposten weit nach Syrien und in den Libanon hinein. Nach dem Sturz von Baschar al-Assad im Dezember 2024 rückte die IDF zudem in die Pufferzone und auf den syrischen Teil des Hermon vor.

Was die nächsten Monate entscheiden

Ob der Winter die Wende bringt, zeigt sich nicht an diesem Wochenende, sondern bis zum Frühjahr. Dank Entsalzung ist Israel heute weit weniger vom Kinneret abhängig als früher. Für den Norden und für viele Israelis bleibt der See dennoch mehr als ein Speicher. Und solange sein Wasser zu einem guten Teil von den Höhen im Nordosten herabfließt, bleibt der Golan auch der Wasserturm des Landes.

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