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22 Jul 2026

Tischa beAv: Der dunkelste Tag im jüdischen Kalender, und warum er gerade jetzt so viel Gewicht trägt

Am Mittwochabend beginnt in Israel und unter Juden weltweit ein Tag, der den meisten Nichtjuden völlig unbekannt ist, obwohl er tiefer in die jüdische Seele reicht als fast jeder andere Termin im Kalender. Tischa beAv, der neunte Av, ist ein Fastentag. Aber ihn nur als Fastentag zu beschreiben, würde ihm nicht gerecht.

Ein Tag, an dem sich die Katastrophen sammeln

Der Überlieferung nach ist der 9. Av kein Zufallsdatum, sondern ein Datum, an dem sich Unglück auf Unglück häufte. Es beginnt in der Wüste: Als die zwölf Kundschafter aus dem verheißenen Land zurückkehrten und das Volk aus Furcht weinte, geschah das am 9. Av. Die Überlieferung liest darin eine Ansage: Diese Tränen ohne Grund würden künftig Tränen mit Grund nach sich ziehen. Genau an diesem Tag zerstörten die Babylonier 586 vor der Zeitrechnung den Ersten Tempel. Genau an diesem Tag, mehr als 650 Jahre später, brannten die Römer den Zweiten Tempel nieder, im Jahr 70. Wenig später, im Jahr 135, fiel die letzte Festung des Bar-Kochba-Aufstands, Betar, den Römern in die Hände, mit Zehntausenden Toten. Und noch später pflügten römische Soldaten symbolisch den Boden Jerusalems um, als Zeichen, dass hier nie wieder eine jüdische Stadt stehen solle.

Die jüdische Geschichte hat diesem Datum seither weitere Wunden zugeschlagen, ob durch Zufall oder durch eine Wucht, die sich in ihrer Häufung kaum als Zufall lesen lässt. 1290 endete an diesem Tag die Frist zur Ausweisung der Juden aus England. 1306 traf dasselbe Frankreich. Am 9. Av 1492 lief die Frist ab, die Königin Isabella und König Ferdinand den Juden Spaniens gesetzt hatten: konvertieren oder das Land verlassen, das Ende einer jahrhundertelangen Blütezeit. Und am 9. Av 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg, der Auftakt zum Ersten Weltkrieg, aus dem später der Zweite erwuchs, mit der Schoah als seinem furchtbarsten Kapitel. Kein Wunder, dass die Rabbinen einen alten Ausspruch prägten: Wer im Monat Av geboren wird, sollte seine Freude einschränken, nicht auslöschen, aber einschränken.

Warum dieser Tag anders ist als jeder andere Fasttag

Das jüdische Gesetz kennt mehrere Fastentage, aber Tischa beAv steht über ihnen allen, mit einer Ausnahme: Yom Kippur. Fünf Dinge sind an diesem Tag untersagt: Essen und Trinken, Waschen, das Auftragen von Ölen und Cremes, eheliche Beziehungen und das Tragen von Lederschuhen. Anders als bei den kleineren Fastentagen, die morgens beginnen, startet Tischa beAv bereits am Vorabend, mit Sonnenuntergang, und endet erst mit der Nacht des Folgetages. In den Synagogen wird das Buch der Klagelieder gelesen, oft bei gedämpftem Licht, viele sitzen dabei niedrig, auf dem Boden oder auf kleinen Schemeln, wie Trauernde nach einem Todesfall. Torastudium ist an diesem Tag nur zu Themen erlaubt, die selbst von Trauer und Leid handeln, dem Buch Hiob etwa oder den Berichten über die Tempelzerstörung. Selbst der Gruß „Schalom“, Frieden, wird an diesem Tag nicht ausgesprochen, ausgerechnet an einem Tag, an dem er am dringendsten fehlt.

Und doch trägt die jüdische Tradition in diesen dunkelsten Tag einen Lichtstrahl hinein: Der Überlieferung nach wird ausgerechnet der Messias an einem 9. Av geboren. Trauer und Hoffnung liegen an diesem Datum nicht nebeneinander, sie sind ineinander verwoben.

Warum dieser Tag ausgerechnet jetzt so schwer wiegt

In diesem Jahr trifft Tischa beAv auf ein Land, das seit fast drei Jahren im Krieg lebt. Während in den Synagogen die Klagelieder erklingen, laufen am Golf die neunte, zehnte, elfte Nacht amerikanischer und iranischer Angriffe. Familien von Gefallenen, von Geiseln, von Verwundeten sitzen in diesem Jahr nicht symbolisch niedrig am Boden. Viele von ihnen tun es im übertragensten Sinn seit Monaten.

Und dann, ausgerechnet wenige Tage vor diesem Datum, meldete die israelische Altertumsbehörde einen Fund, über den wir bereits berichtet haben: verkohlte Holzbalken aus jenem Feuer, das 586 vor der Zeitrechnung den Ersten Tempel vernichtete, freigelegt in der Davidstadt. Die Grabungsleiterin sagte dazu einen Satz, der auch für diesen Tischa beAv gilt: Man fühle sich, als stünde man im Moment der Zerstörung selbst.

Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung dieses Tages für Außenstehende, die ihn nicht aus eigener Tradition kennen. Tischa beAv ist kein Museumsstück der Geschichte. Er ist die jährliche Erinnerung, dass Verlust real war, dass er sich wiederholte, und dass ein Volk trotzdem weiterlebte, weiterbaute, zurückkehrte. Wer in diesen Tagen die Nachrichten aus Israel verfolgt, den Krieg, die Trauer, die Erschöpfung, versteht Tischa beAv vielleicht besser, als es ihm lieb ist. Und genau deshalb lohnt es sich, an diesem einen Tag im Jahr genauer hinzuschauen.

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