Thema: Von Jesus bis heute – wer die Samaritaner wirklich sind

Fast jeder kennt den barmherzigen Samariter, und auch die Begegnung Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen gehört zu den bekanntesten Geschichten des Neuen Testaments. Doch die Samaritaner sind keine verschwundene Gruppe aus biblischer Zeit. Rund 900 von ihnen leben noch heute in Israel und Samaria, und sie verstehen sich als direkte Nachfahren des alten Volkes Israel. Neue archäologische Funde werfen dabei eine alte Frage wieder auf: Wer trennte sich eigentlich von wem?

Wer heute auf den Berg Garizim oberhalb von Nablus fährt, nahe dem biblischen Sichem, kann einer der kleinsten Religionsgemeinschaften der Welt begegnen. Ein Teil der Samaritaner lebt dort, ein anderer in Holon bei Tel Aviv. Sie sprechen modernes Hebräisch oder Arabisch, leben mitten in der heutigen Gesellschaft und halten zugleich an Traditionen fest, deren Wurzeln weit in die Antike zurückreichen.

Ihre eigene Identität ist eindeutig: Sie bezeichnen sich als Israeliten. Nach ihrer Überlieferung stammen sie vor allem von den Stämmen Ephraim und Manasse sowie von Levi ab. Sie sehen sich nicht als eine Gruppe, die sich vom Judentum abgespalten hat, sondern als Bewahrer der ursprünglichen Religion Israels. Als Heilige Schrift erkennen sie allein die fünf Bücher Mose an, in ihrer eigenen Fassung. Die Propheten und die übrigen Schriften des Alten Testaments lehnen sie ab.

Jerusalem oder der Berg Garizim?

Der entscheidende Unterschied zum Judentum lässt sich an einem Ort festmachen. Für Juden ist Jerusalem das religiöse Zentrum, für Samaritaner der Berg Garizim. Sie berufen sich darauf, dass Mose anordnete, auf dem Garizim den Segen auszurufen (5. Mose 11,29 und 27,12), und sehen dort den von Gott erwählten Ort der Anbetung. Dass Gott Jerusalem erwählt hat, wie es in den späteren Büchern der Bibel bezeugt ist, erkennen sie nicht an, weil sie diese Bücher nicht als Schrift annehmen.

Archäologen haben auf dem Garizim die Überreste eines großen Heiligtums freigelegt, dessen älteste Bauphasen in die persische Zeit zurückreichen. Hunderte Inschriften sowie große Mengen an Münzen und Tierknochen belegen, dass hier über Jahrhunderte Opfer dargebracht wurden. Gegen Ende des 2. Jahrhunderts vor Christus zerstörte der jüdische Herrscher Johannes Hyrkanos den Tempel, was die Feindschaft zwischen beiden Gemeinschaften weiter vertiefte. Bis heute feiern die Samaritaner auf dem Berg das Passafest und schlachten dabei nach dem Gebot der Tora tatsächlich Passalämmer.

Der Streit im Johannesevangelium

Wer Johannes 4 liest, begegnet genau diesem Konflikt. Jesus trifft am Jakobsbrunnen bei der Stadt Sychar nahe Sichem eine samaritanische Frau. Im Gespräch stellt sie eine Frage, die für ihre Gemeinschaft zentral war: „Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll“ (Johannes 4,20). Mit „diesem Berg“ ist der Garizim gemeint. Bemerkenswert ist auch, dass sie Jakob „unseren Vater“ nennt (Johannes 4,12). Darin zeigt sich das Selbstverständnis der Samaritaner als Nachkommen Israels.

Jesu Antwort ist deutlich und weist zugleich über den Streit hinaus. Einerseits stellt er klar: „Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden“ (Johannes 4,22). Andererseits kündigt er an, dass die Stunde kommt, in der die wahren Anbeter weder auf diesem Berg noch in Jerusalem, sondern „im Geist und in der Wahrheit“ anbeten werden (Johannes 4,23–24). Und dieser Frau aus einer verachteten Gemeinschaft offenbart er sich als der erwartete Messias (Johannes 4,26).

Vor diesem Hintergrund bekommt auch das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25–37) zusätzliche Schärfe. Jesus wählte ausgerechnet einen Angehörigen einer religiös umstrittenen und von vielen Juden gemiedenen Gruppe als Vorbild der Nächstenliebe.

Neue Funde zeigen eine einst große Gemeinschaft

Heute zählen die Samaritaner nur noch rund 900 Menschen, doch das war nicht immer so. In der Spätantike war ihre Gemeinschaft wesentlich größer und lebte keineswegs nur rund um Sichem und den Garizim. In Kafr Qasim etwa entdeckten Archäologen eine große samaritanische Anlage aus spätrömisch-byzantinischer Zeit mit Gebäuden, einer Olivenpresse, Ritualbädern, Mosaiken, Münzen und den typischen samaritanischen Öllampen. Die Funde zeigen eine wohlhabende, religiös geprägte Gemeinschaft.

Mehrere Aufstände gegen die byzantinische Herrschaft im 5. und 6. Jahrhundert wurden jedoch brutal niedergeschlagen, die samaritanische Bevölkerung schrumpfte in den folgenden Jahrhunderten dramatisch. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Gemeinschaft zeitweise auf weniger als 150 Menschen zusammengeschmolzen.

Wer trennte sich nun von wem?

Die Bibel selbst gibt dazu einen wichtigen Hinweis. Nach der Eroberung des Nordreichs Israel durch die Assyrer im 8. Jahrhundert vor Christus wurden fremde Völker in Samaria angesiedelt, die nach 2. Könige 17,24–41 zwar den Gott Israels fürchteten, zugleich aber ihren eigenen Göttern dienten. Zugleich kennt die Bibel einen Rest aus Ephraim und Manasse, der im Land geblieben war (2. Chronik 30,10–11 und 34,9). Die samaritanische Überlieferung betont dagegen allein, die eigenen Vorfahren hätten den ursprünglichen Glauben Israels treu bewahrt.

Auch die moderne Forschung geht heute meist von einem längeren Prozess der Entfremdung zwischen den Gemeinschaften in Jerusalem und Samaria aus, der sich über Jahrhunderte hinzog, wie es auch die Spannungen in den Büchern Esra und Nehemia widerspiegeln. Genetische Untersuchungen der männlichen Abstammungslinien fanden zudem eine deutliche Nähe zwischen Samaritanern und jüdischen Bevölkerungsgruppen, insbesondere zu Linien, die mit den jüdischen Priestern, den Kohanim, in Verbindung gebracht werden. Genetik kann keine religiöse Überlieferung beweisen. Sie zeigt aber, dass Samaritaner und Juden weit zurückreichende gemeinsame Wurzeln haben, und lässt sich gut mit dem biblischen Bild eines israelitischen Kerns vereinbaren, zu dem fremde Einflüsse hinzukamen.

So lebt wenige Kilometer vom biblischen Sichem entfernt bis heute eine Gemeinschaft, über die schon vor zweitausend Jahren gestritten wurde. Die Samaritaner sind weit mehr als eine Figur aus einem Gleichnis. Sie sind eine lebendige Erinnerung an die Frage, die die Frau am Jakobsbrunnen Jesus stellte, und an die Antwort, die er ihr gab. Übrigens war Samaria später einer der ersten Orte, an die das Evangelium über Jerusalem und Judäa hinaus gelangte, so wie Jesus es seinen Jüngern angekündigt hatte (Apostelgeschichte 1,8 und 8,5–25).

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