Tel Aviver Börse unter Druck — der Traum vom neuen Nahen Osten platzt
Die Börse in Tel Aviv steht seit Tagen unter Druck. Während die Märkte in den USA und Europa positiv auf das mögliche Abkommen zwischen Washington und Teheran reagieren, fallen die Kurse in Israel. Was international als Entspannung gilt, werten viele Marktteilnehmer in Israel als strategische Enttäuschung.
Ein Händler beschrieb die Stimmung als „schmerzhafte Ernüchterung“. Nach dem Krieg hatte der Markt auf ein völlig neues regionales Umfeld gesetzt: ein geschwächtes oder zumindest zurückgedrängtes iranisches Regime, neue Abraham-Abkommen mit Saudi-Arabien und Katar, mehr Investitionen aus der Golfregion und einen klaren strategischen Vorteil für Israel. Diese Erwartung hat sich bislang nicht erfüllt.
Stattdessen bewerten viele das geplante Abkommen mit dem Iran als schlecht für die eigene Sicherheit. Der Markt preist ein höheres Risiko ein. Der TA-125 verlor zuletzt deutlich und liegt knapp zehn Prozent unter seinem Hoch. Auch Banken, Versicherungen, Energie- und Infrastrukturwerte gerieten unter Druck.
Besonders stark traf es Unternehmen aus Energie und Rechenzentren. Neben der Enttäuschung über den Iran-Deal belastet sie ein neuer regulatorischer Rahmen: Betreiber von Serverfarmen sollen künftig für ihren Platz in der Warteschlange zum Stromanschluss zahlen. Hinzu kommt, dass die Strombehörde zeitweise Abschaltungen anordnen könnte.
Analysten verweisen darauf, dass einige Sektoren zuvor sehr hoch bewertet waren. Vor allem Banken, Versicherungen und Rüstungswerte hätten von der Hoffnung auf eine bessere strategische Lage profitiert. Nun folgt die Neubewertung.
Ganz düster ist das Bild aber nicht. Israels Wirtschaft wächst weiter stärker als viele westliche Volkswirtschaften, die Inflation ist niedrig, und der Technologiesektor zeigt trotz einzelner Entlassungen Widerstandskraft. Chipwerte wie Tower Semiconductor, Nova und Camtek federten die Verluste teilweise ab, getragen vom globalen KI-Boom.
Tel Aviv erlebt deshalb weniger einen klassischen Crash als eine politische Korrektur. Der Markt nimmt Abschied von der Fantasie eines schnellen regionalen Durchbruchs und fragt nüchterner, welche Sicherheitsrisiken Israel nach dem Iran-Abkommen bleiben.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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