Taktische Ruhe: Wie der Iran die amerikanische Angriffspause nutzen dürfte
Nach 13 Nächten mit amerikanischen Luftangriffen hat US-Präsident Donald Trump die Militärschläge gegen den Iran vorerst ausgesetzt. Gleichzeitig werden die diplomatischen Bemühungen verstärkt. Eine wirkliche Entspannung ist damit jedoch nicht verbunden. Wahrscheinlicher ist, dass Teheran die Pause nutzt, um seine Position neu zu ordnen und den Druck kontrolliert aufrechtzuerhalten.
US-Präsident Donald Trump hat eine weitere Ausweitung der amerikanischen Militäraktion gegen den Iran vorerst gestoppt. Nach Berichten amerikanischer Medien warnten hochrangige Vertreter der US-Regierung und der Streitkräfte vor den möglichen Folgen einer umfassenderen Offensive.
Eine wichtige Rolle spielen offenbar die Bestände amerikanischer Abfangraketen. Der Vorsitzende des US-Generalstabs, General Dan Caine, soll Trump darauf hingewiesen haben, dass eine größere Operation zwar militärisch durchführbar sei, die verfügbaren Abwehrsysteme in der Region dadurch jedoch gefährlich reduziert werden könnten.
Die USA müssten bei einer Ausweitung ihrer Angriffe mit iranischen Gegenangriffen auf eigene Militärstützpunkte und verbündete Staaten rechnen. Gerade Patriot-Abfangraketen und andere Systeme zur Raketenabwehr wären dann in großer Zahl erforderlich. Daneben fürchtet Washington eine Ausweitung des Krieges, Belastungen der Beziehungen zu den Golfstaaten sowie erhebliche Folgen für die Energieversorgung und die Weltwirtschaft.
Trump schafft Raum für Verhandlungen
Die amerikanischen Angriffe sind nicht offiziell beendet. Vertreter des Pentagons beschrieben die Operation vielmehr als pausiert. Trump hält weitere militärische Möglichkeiten ausdrücklich offen.
Der amerikanische UN-Botschafter Mike Waltz erklärte am Sonntag, Trump gebe den Gesprächen etwas Raum. Zuvor hatte das US-Militär seine Angriffe nach 13 aufeinanderfolgenden Nächten eingestellt. Gleichzeitig wurden am Wochenende keine neuen iranischen Angriffe auf Nachbarstaaten gemeldet.
Damit ist erstmals seit fast zwei Wochen eine begrenzte Ruhephase entstanden. Für den Iran bedeutet die Entscheidung vor allem einen Zeitgewinn. Teheran kann militärische Einheiten neu aufstellen, Schäden auswerten und versuchen, über die laufenden Gespräche bessere Bedingungen zu erreichen.
Ein großer direkter Angriff auf die USA oder Israel wäre in dieser Situation für den Iran riskant. Er könnte Trump genau den Anlass liefern, die ausgesetzte Offensive wieder aufzunehmen oder deutlich auszuweiten.
Zurückhaltung bedeutet keine Entspannung
Die derzeitige Ruhe sollte nicht mit einem Ende des Konflikts verwechselt werden. Der Iran dürfte weiter versuchen, militärische Stärke zu zeigen, ohne eine umfassende amerikanische Reaktion auszulösen.
Aus heutiger Sicht erscheint deshalb eine Strategie des kontrollierten Drucks wahrscheinlicher als eine neue große Angriffswelle. Dazu können militärische Drohungen, kleinere begrenzte Aktionen, eine hohe Einsatzbereitschaft und indirekter Druck über verbündete Gruppen gehören.
Diese Einschätzung ist keine gesicherte Information über bereits getroffene iranische Entscheidungen. Sie ergibt sich aus der gegenwärtigen Lage: Solange die amerikanischen Angriffe ausgesetzt bleiben und Gespräche geführt werden, hat der Iran wenig zu gewinnen, wenn er die direkte Eskalation selbst wieder eröffnet.
Die Straße von Hormus bleibt das wichtigste Druckmittel
Im Mittelpunkt der diplomatischen Bemühungen steht weiterhin die Straße von Hormus. Durch die Meerenge wird unter normalen Bedingungen ein erheblicher Teil des weltweit gehandelten Öls transportiert.
Iranische und omanische Vertreter führten am Wochenende mehrere technische Gespräche über den Schiffsverkehr. Nach Angaben des iranischen Außenministeriums wurden dabei Fortschritte erzielt. Vermittler versuchen offenbar, eine Regelung zu erreichen, bei der der Iran den Schiffsverkehr weiterhin mitkontrolliert, die Durchfahrt jedoch weniger stark einschränkt.
Für Teheran ist die Straße von Hormus eines der wichtigsten Druckmittel gegenüber Washington und den westlichen Staaten. Eine dauerhafte und vollständig freie Passage ohne iranische Gegenleistungen ist deshalb derzeit kaum zu erwarten.
Der Iran könnte begrenzte Zugeständnisse anbieten, ohne seinen grundsätzlichen Anspruch auf Einfluss über die Meerenge aufzugeben. Für die USA ist dagegen entscheidend, dass Handelsschiffe die Route wieder zuverlässig und ohne iranische Angriffe nutzen können.
Die Vorstellungen beider Seiten liegen somit weiterhin weit auseinander.
Druck über verbündete Gruppen
Während es zwischen den USA und dem Iran am Wochenende ruhiger blieb, weitete sich der Konflikt an anderer Stelle aus. Die mit dem Iran verbündeten Huthis im Jemen griffen nach eigenen Angaben saudische Ölanlagen in Jizan und Yanbu an.
Reuters konnte eine größere Rauchentwicklung in der Nähe der Raffinerie von Jizan anhand von Videos bestätigen. In Yanbu wurden dem Bericht zufolge zwei auf Ölanlagen gerichtete Raketen abgefangen. Die Huthis drohten außerdem mit weiteren Angriffen auf die saudische Ölindustrie.
Solche Aktionen ermöglichen es dem Iran grundsätzlich, den regionalen Druck aufrechtzuerhalten, ohne selbst unmittelbar einen neuen Angriff auf amerikanische oder israelische Ziele zu beginnen. Allerdings ist nicht bei jeder Aktion einer verbündeten Gruppe nachweisbar, ob und in welchem Umfang Teheran sie konkret angeordnet hat.
Auch diese Strategie ist mit erheblichen Risiken verbunden. Verursacht ein Angriff schwere Schäden oder viele Opfer, könnten die USA oder betroffene Golfstaaten dennoch den Iran verantwortlich machen.
Begrenzte Vergeltung bleibt möglich
Sollten die USA ihre Luftangriffe wieder aufnehmen, dürfte auch der Iran erneut reagieren. Wahrscheinlicher als eine sofortige, unkontrollierte Großoffensive wäre zunächst eine begrenzte Vergeltungsaktion.
Denkbar wären Angriffe auf militärische Einrichtungen, amerikanische Stützpunkte oder Ziele im Bereich der Schifffahrt. Teheran könnte dabei versuchen, seine Reaktion so zu dosieren, dass sie Stärke demonstriert, aber keinen unausweichlichen Großangriff der USA provoziert.
Der Iran hat seine Angriffsmethoden während des Krieges offenbar weiterentwickelt. Nach Berichten amerikanischer Medien setzt er zunehmend Raketen des Typs Kheibar Shekan ein. Diese können von mobilen Abschussfahrzeugen gestartet werden und teilweise während der letzten Flugphase ihre Richtung verändern. Zusätzlich kombiniert der Iran Raketen mit schnellen Angriffsdrohnen, um die gegnerischen Abwehrsysteme gleichzeitig vor unterschiedliche Herausforderungen zu stellen.
Selbst begrenzte Angriffe können dadurch hohe Kosten verursachen. Jede Angriffswelle zwingt die USA und ihre Verbündeten zum Einsatz teurer und nur begrenzt verfügbarer Abfangraketen.
Israel bleibt ein Unsicherheitsfaktor
Israel hat sich an den jüngsten amerikanischen Angriffen auf den Iran nicht beteiligt. Nach Angaben von Axios hatten die israelischen Sicherheitsbehörden am Freitag dennoch mit einer weiteren amerikanischen Angriffswelle gerechnet und sich auf mögliche iranische Vergeltungsschläge vorbereitet. Erst später wurde Israel darüber informiert, dass Trump keine neuen Angriffe genehmigt hatte.
Der geplante Besuch von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in Washington erhöht die Unsicherheit zusätzlich. Israel dürfte darauf drängen, dass die amerikanischen Gespräche nicht dazu führen, dass der Iran Zeit zur militärischen Neuordnung erhält oder seine Raketen- und Atomprogramme unbegrenzt fortsetzen kann. Die amerikanische Regierung versucht dagegen gegenwärtig, die Kämpfe zu begrenzen und eine Vereinbarung über die Straße von Hormus zu erreichen.
Solange die amerikanische Angriffspause anhält, dürfte der Iran deshalb zunächst vorsichtig bleiben. Teheran wird den Konflikt wahrscheinlich nicht beenden, aber versuchen, ihn unterhalb der Schwelle einer umfassenden amerikanischen Offensive weiterzuführen. Schon ein schwerer Zwischenfall in der Straße von Hormus, ein Angriff auf einen amerikanischen Stützpunkt oder eine erneute militärische Operation gegen iranische Ziele könnte diese taktische Ruhe jedoch wieder beenden.
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