Wahltag in Israel: Höchste Mittagsbeteiligung seit 1973, Festnahmen und ein Zwischenfall mit Messer

Stand: Dienstag, 27. Oktober 2026, 13.30 Uhr

Israel wählt, und das offenbar so zahlreich wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Bis zum Mittag hatten nach Angaben des Zentralen Wahlausschusses bereits 31,5 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, der höchste Wert zu dieser Uhrzeit seit 1973. Überschattet wird der Tag von einzelnen Zwischenfällen, Vorwürfen der Wahlmanipulation und einer Festnahme in der Nähe eines Spitzenpolitikers.

Rekordverdächtige Wahlbeteiligung

Um 7 Uhr öffneten die rund 12.000 Wahllokale im ganzen Land. Schon um 10 Uhr hatten 16,68 Prozent gewählt, rund 1,2 Millionen Menschen, so viele wie zu dieser Stunde seit 1981 nicht mehr. Bis 12 Uhr stieg die Zahl auf 2,39 Millionen Wähler. Das sind mehr als drei Prozentpunkte mehr als zur gleichen Zeit bei der Wahl 2022. Der amtierende Generaldirektor des Wahlausschusses, Din Livneh, kündigte an, die Wahllokale bei langen Schlangen auch nach 22 Uhr offen zu halten.

Erstmals veröffentlicht der Ausschuss die Beteiligung auch für einzelne Städte und Orte. Am Vormittag lagen kleine Gemeinden vorn: In der Künstlerkolonie Ein Hod bei Haifa hatten bereits 25,7 Prozent gewählt, in Sde Nehemia in Obergaliläa 25,4 Prozent. In den großen Städten verlief der Morgen ruhiger, in Tel Aviv lag die Beteiligung bei 9,3 Prozent, in Jerusalem bei 9 Prozent, in Haifa bei 8,7 Prozent. Auch die Soldaten gehen offenbar früh zur Urne: Bis 10 Uhr hatten nach Armeeangaben 30 Prozent der Dienenden gewählt, 2022 waren es zur selben Zeit 25,7 Prozent. Gewählt wird sogar im Gazastreifen, wo Einheiten der israelischen Armee (IDF) eigene Wahllokale haben. Aus der Beduinenstadt Rahat im Negev hieß es nach Angaben der Times of Israel, bereits die Hälfte der Einwohner habe gewählt, während früher erst am Abend viele Wähler kamen.

Herzog: „Ein echter Feiertag der Demokratie“

Staatspräsident Isaac Herzog, der mit seiner Frau Michal in Jerusalem wählte, nannte den Wahltag „einen echten Feiertag der Demokratie“. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu wählte am Mittag gemeinsam mit seiner Frau Sara ebenfalls in Jerusalem und rief die Israelis auf: „Geht wählen!“ Yair Golan, Vorsitzender der Demokraten, wählte in Rosh HaAyin. Herausforderer Gadi Eisenkot besuchte den Kibbuz Nir Oz und traf dort die frühere Geisel Gadi Moses.

Schin-Bet-Chef David Zini zeigte sich vor dem Wahlausschuss zufrieden. „Zu unserer Freude verläuft dieser Tag gut, und das ist nicht selbstverständlich“, sagte er. „Die Wahlbeteiligung steigt, und das müssen wir bewahren.“ Zwar gebe es Versuche, dem System zu schaden, doch die Abläufe seien gut, die Steuerung des Tages „beeindruckend“. Zugleich ordnete der Geheimdienst nach einem Bericht von N12 an, den Schutz aller Minister zu verstärken.

Messer bei Yair Golan, brennendes Wahlplakat

Für Aufregung sorgte ein Zwischenfall in Tel Aviv. Während Golan im Park HaMesila Wähler mobilisierte, näherte sich ihm nach Angaben von N12 ein Mann. Seine Sicherheitsleute stellten sich ihm in den Weg, dabei fiel ein Messer aus der Kleidung des Mannes. Die Polizei nahm ihn fest. In Dimona im Negev ging in der Nacht ein Wahlplakat von Eisenkots Partei Yashar in Flammen auf, die Polizei ermittelt. In Tiberias stieß ein Mann, der Wahlplakate abriss, eine Aktivistin von Bennetts Partei Beyachad, die ihn aufhalten wollte. In Netanya wurde Ruby Chen, Vater des am 7. Oktober getöteten Soldaten Itay Chen, vor einem Wahllokal von einem Wähler als „Verräter“ beschimpft. Auf der Straße 60 bei Rechelim in Samaria wurde zudem eine 20-jährige Israelin leicht verletzt, als ein Stein ihr Auto traf.

Festnahmen wegen Stimmenkaufs

In der Nacht nahm die Polizei drei Bewohner der Beduinenorte Segev Shalom und Ar’ara im Negev fest. Sie sollen Umschläge mit Zehntausenden Schekel vorbereitet haben, um Wähler für eine Stimme für die arabische Partei Ra’am zu bezahlen. Ra’am wies jeden Zusammenhang zurück. Die Aktivisten seien Stunden vor Öffnung der Wahllokale in ihren Wohnungen festgenommen worden, nicht in der Nähe von Wählern. Die Partei sprach von „falschen Festnahmen“, mit denen der Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, die Wahlbeteiligung in der arabischen Bevölkerung drücken wolle. Der Wahlausschuss nannte den Fall einen Einzelfall. Insgesamt habe es weniger Unregelmäßigkeiten gegeben als 2022.

Mehrere Parteien beschwerten sich über fehlende oder beschädigte Stimmzettel, darunter die Reservistenliste von Yoaz Hendel, Amcha Yisrael und Yisrael Beitenu. Auch in Bnei Brak fehlten nach Berichten von Wählern die Zettel einer ultraorthodoxen Liste. Der Ausschuss erklärte, es gebe keine Hinweise auf eine systematische Manipulation. Bennetts Partei warf dem Likud vor, Wähler an Wahllokalen unerlaubt zu erfassen, der Ausschuss widersprach.

Wie es weitergeht

Die meisten Wahllokale schließen um 22 Uhr. Dann veröffentlichen die großen Fernsehsender ihre ersten Prognosen. Ob die hohe Beteiligung eher dem Lager von Netanyahu oder dem von Eisenkot nützt, lässt sich noch nicht sagen. Das amtliche Ergebnis wird erst in einigen Tagen feststehen, wenn auch die Stimmen der Soldaten, Patienten und Evakuierten ausgezählt sind.

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