Nach der Wahl: Likud vorn, aber keine Mehrheit. Wie es jetzt weitergeht

Stand: Mittwoch, 28. Oktober 2026, letzter Stand 7.30 Uhr

Israel hat gewählt, doch wer das Land künftig regiert, ist am Morgen danach offener denn je. Nach Auszählung von knapp der Hälfte der Stimmen liegt der Likud von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu klar vorn. Eine Mehrheit hat aber keines der beiden Lager. Hinzu kommt eine historische Wahlbeteiligung, die nach nahezu endgültigen Zahlen bei rund 77,7 Prozent liegt, der höchste Wert seit 25 Jahren. Ein Überblick über die aktuellen Zahlen und die nächsten Schritte.

Der Stand der Auszählung

Nach Angaben von Ynet waren am Mittwochmorgen gegen 7.30 Uhr 48,43 Prozent der Stimmen ausgezählt. Demnach käme der Likud auf 27 der 120 Sitze, die Partei Yashar des früheren Generalstabschefs Gadi Eisenkot auf 22. Dahinter folgen die Gemeinsame Liste und Naftali Bennetts Beyachad mit je elf Sitzen, die Demokraten mit neun, das Vereinigte Tora-Judentum und Yisrael Beitenu mit je acht, Schas und Otzma Yehudit mit je sieben, die Religiösen Zionisten mit sechs und Ra’am mit vier Sitzen.

Netanyahus Lager aus Likud, rechtsnationalen, religiösen und ultraorthodoxen Parteien kommt damit auf 55 Sitze, sechs weniger als die nötigen 61. Das Lager um Eisenkot liegt bei 50, die arabischen Parteien bei zusammen 15 Sitzen. In der Nacht hatte sich das Bild mehrfach verschoben, bei 41 Prozent der ausgezählten Stimmen lag Netanyahus Lager noch bei 57 Sitzen. Der Wahlausschuss betont, alle Zahlen seien vorläufig.

Prognosen und erste Reaktionen

Die ersten Prognosen der Fernsehsender um 22 Uhr hatten noch einen knappen Vorsprung für Eisenkots Lager gezeigt, Kanal 12 sah es bei 52 zu 50 Sitzen. Im Laufe der Nacht korrigierten die Sender ihre Zahlen zugunsten Netanyahus. Kanal 13 und der öffentlich-rechtliche Sender Kan sahen zuletzt ein Patt von 51 zu 51, Kanal 12 einen Vorsprung von 52 zu 49 für Netanyahus Lager. Anders als in den Umfragen vor der Wahl wurde der Likud in allen Prognosen stärkste Partei.

Netanyahu erklärte nach Angaben der Times of Israel, das rechte Lager habe unter der zionistischen Bevölkerung eine „entscheidende Mehrheit“ gewonnen, gemeint sind die Stimmen ohne die arabischen Parteien. Zugleich kündigte er an, eine rechte Regierung bilden zu wollen. Eisenkot hatte ihn zuvor aufgefordert, die Niederlage einzugestehen und abzutreten. Sollten sich die ersten Prognosen bestätigen, werde er sofort daran arbeiten, eine breite „zionistische“ Notstandsregierung zu bilden, sagte er laut N12. Demokraten-Chef Yair Golan sagte, die Bürger hätten Netanyahus Regierung „entlassen“. Außenminister Gideon Sa’ar vom Likud warnte dagegen vor verfrühtem Jubel.

Kleine Parteien zittern

Entscheidend könnten die Listen an der Sperrklausel von 3,25 Prozent werden. Nach den bisherigen Zahlen scheitern die Reservistenliste von Yoaz Hendel, Ofer Winters Amcha Yisrael (Volk Israel) und nach den ersten Prognosen auch die ultraorthodoxe Liste von Moti Leitner. Ra’am lag im Laufe der Nacht zeitweise unter der Hürde. Weil die Beteiligung so hoch war, braucht eine Partei diesmal besonders viele Stimmen, um ins Parlament zu kommen. Schon wenige tausend Stimmen können über vier Sitze und damit über die Machtverhältnisse entscheiden.

Wie es weitergeht

Noch stehen mehr als 650.000 doppelte Umschläge von Soldaten, Reservisten, Diplomaten, Patienten und Evakuierten aus. Sie werden gesondert geprüft und ausgezählt, nach Angaben des Wahlausschusses bis Donnerstagnachmittag, möglicherweise sogar bis Freitagmorgen. Das amtliche Endergebnis muss spätestens am 4. November veröffentlicht werden. Am 10. November wird die neue Knesset vereidigt.

Innerhalb einer Woche nach dem Endergebnis berät sich Staatspräsident Isaac Herzog mit allen gewählten Fraktionen. Dann beauftragt er den Abgeordneten mit den besten Aussichten, eine Regierung zu bilden. Wer das ist, hängt nicht allein von der stärksten Partei ab, sondern davon, wie viele Abgeordnete welchen Kandidaten empfehlen. Der Beauftragte hat 28 Tage Zeit, der Präsident kann um bis zu 14 Tage verlängern. Gelingt es nicht, kann Herzog einen zweiten Kandidaten beauftragen. Scheitert auch dieser, hat die Knesset noch 21 Tage, um sich mit einer Mehrheit von 61 Abgeordneten auf einen Kandidaten zu einigen. Andernfalls wird erneut gewählt, rund drei Monate später.

Wie lange die alte Regierung im Amt bleibt

Eine Lücke an der Spitze des Staates gibt es dabei nicht. Nach dem israelischen Grundgesetz über die Regierung bleibt die bisherige Regierung so lange im Amt, bis eine neue Regierung vereidigt ist. Netanyahu ist also weiterhin Ministerpräsident, seine Minister führen ihre Ressorts weiter. Weil sie nur noch eine Übergangsregierung sind, sollen sie sich nach den Richtlinien der Rechtsberatung der Regierung bei weitreichenden Entscheidungen zurückhalten, etwa bei Ernennungen oder neuen langfristigen Vorhaben. In Sicherheitsfragen bleibt die Regierung voll handlungsfähig.

Wie lange dieser Zustand dauert, ist offen. Kommt rasch eine Koalition zustande, könnte eine neue Regierung schon im Dezember stehen. Scheitern die Verhandlungen, bliebe Netanyahu bis zu einer weiteren Wahl im Frühjahr 2027 und darüber hinaus im Amt. Zwischen 2019 und 2021 regierte er auf diese Weise über mehrere Wahlrunden hinweg monatelang mit einer Übergangsregierung.

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