Nicht die Diplomatie stoppte den großen Schlag, sondern die Munition: Warum Trump zurückzog
Der Grund für die ausgebliebene Eskalation liegt nüchterner, als es jede Friedenshoffnung nahelegt. Präsident Donald Trump hat Pläne für eine deutliche Ausweitung der Militärkampagne gegen den Iran zurückgestellt, vor allem aus Sorge, ein größerer Krieg könne die ohnehin geschrumpften Bestände an Patriot-Abfangraketen und anderer Luftverteidigungsmunition im Nahen Osten gefährlich aufzehren. Das berichtet die New York Times unter Berufung auf Regierungsvertreter, israelische Medien griffen den Bericht auf. Am Freitag hatte Trump erstmals seit 13 Tagen angeordnet, gar nicht anzugreifen.
1.200 Abfangraketen, vier Millionen Dollar pro Stück
Die Zahlen dahinter erklären die Zurückhaltung. Bis Ende April hatte das Pentagon nach internen Schätzungen und Angaben von Kongressmitarbeitern über 1.200 Patriot-Abfangraketen verschossen, jede kostet mehr als vier Millionen Dollar. Schon damals galten die Bestände als bedenklich niedrig, seither haben sie sich weiter verschlechtert. Der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, General Dan Caine, warnte in vertraulichen Gesprächen: Eine Rückkehr zu großen Kampfhandlungen sei militärisch machbar, doch die dem Zentralkommando verfügbaren Abfangraketen wären danach erschöpft. Ein Sprecher Caines wollte sich zu dessen Beratung des Präsidenten nicht äußern.
Verschärft hat sich die Sorge nach einem konkreten Vorfall: Drei amerikanische Soldaten starben in Jordanien, als eine iranische Rakete die Luftabwehr durchdrang. Ein groß angelegter US-Angriff hätte eine heftigere iranische Antwort ausgelöst und die Verteidigungssysteme zusätzlich belastet.
Hinzu kamen weitere Bedenken, die bei der Beratung am Freitag zur Sprache kamen: eine mögliche Ausweitung des Konflikts, Schäden im Verhältnis zu den Golf-Verbündeten, die iranischen Angriffen ausgesetzt sind, eine globale Wirtschaftskrise, steigende Energiepreise und eine sich verschärfende Flüchtlingslage. Aufhorchen lässt die Bilanz, die zwei mit den Gesprächen vertraute Personen ziehen: Kaum jemand aus Trumps engem Umfeld halte eine weitere Eskalation für richtig. Ein hochrangiger Regierungsvertreter äußerte Zweifel, dass eine Rückkehr zu breiten Kampfhandlungen den Iran an den Verhandlungstisch zurückbrächte. Die bisherigen Angriffe hätten das Land eher geeint und auf eine äußere Bedrohung fokussiert.
Öffentlich klingt das anders. „Wir sind geladen und entsichert“, sagte Trump am Freitagnachmittag, man sei bereit loszuschlagen, „aber wir reden mit ihnen“. Kommunikationsdirektor Steven Cheung erklärte, der Präsident bevorzuge konsequent eine diplomatische Lösung, behalte sich jedoch alle Optionen vor, sollte der Iran seine Aktivitäten in der Straße von Hormus oder gegen Verbündete fortsetzen. Ein ranghoher Regierungsvertreter sagte Reuters, die Feuerpause solle eine diplomatische Lösung befördern, bei gleichzeitig glaubhafter militärischer Drohkulisse. Die Seeblockade der iranischen Häfen läuft unverändert weiter; das US-Militär legte ein Schiff lahm, das mehrfach versucht hatte, sie zu durchbrechen.
Israel im Bunker, Drohungen aus Teheran, Satellitenbilder aus Moskau
In Israel spiegelt sich die Anspannung an einem ungewöhnlichen Detail: Die Regierungssitzung findet an diesem Sonntag in einer gesicherten unterirdischen Anlage statt. Aus Teheran kam zugleich eine offene Drohung. Ein Sprecher der Revolutionsgarden sagte der Nachrichtenagentur Tasnim, Israel wisse, dass es einen hohen Preis zahlen werde, wenn der Iran alle Anstrengungen auf den jüdischen Staat richte: „Es ist flächenmäßig nicht einmal so groß wie unsere Provinz Ilam. Es weiß genau, was wir ihm antun könnten.“
Eine dritte Entwicklung dürfte in Jerusalem besondere Aufmerksamkeit finden. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte Berichte, wonach Russland dem Iran bei der Auswahl von Angriffszielen hilft. Seit Anfang Juli habe man intensive Aktivität russischer Spionagesatelliten über den Golfstaaten und den dort gelegenen amerikanischen Militäreinrichtungen dokumentiert, diese Aufnahmen gelangten in iranische Hände. Es bestehe eine klare Übereinstimmung zwischen den russischen Satellitenbildern und den iranischen Angriffen, vor den Schlägen zur Vorbereitung und danach zur Schadensbewertung. Er habe seine Nachrichtendienste angewiesen, die Erkenntnisse mit den Partnern zu teilen.
Der Rückzug ist damit kein Kurswechsel, sondern eine Rechnung. Das Pentagon verlegt nach Angaben der New York Times weiter Kräfte, Waffen und Nachschub in die Region. Am Dienstag trifft Ministerpräsident Netanyahu in Washington auf Trump.
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