Bulgarien, Zypern und die Kabel unter dem Meer: Wie Teheran den Krieg nach Europa tragen könnte
Der Krieg am Golf hat bislang eine Grenze eingehalten: Er blieb regional. Ein Bericht der Financial Times legt nahe, dass Teheran genau diese Grenze zu überschreiten erwägt, falls Washington weiter eskaliert.
Zwei mit dem Regime vertraute Personen sagten der Zeitung, iranische Streitkräfte hätten mögliche Angriffe auf amerikanische Militäreinrichtungen in Südosteuropa geprüft. Genannt wird Bulgarien, das im vergangenen Monat die Nutzung des Luftwaffenstützpunkts Bezmer durch amerikanische Tankflugzeuge genehmigte. Eine der Quellen nannte auch Zypern als mögliches Ziel für Vergeltung, jene Insel, auf der im März eine Drohne den britischen Stützpunkt Akrotiri traf.
Ein dritter Punkt betrifft Infrastruktur, an die kaum jemand denkt: Iranische Planer prüften nach demselben Bericht Angriffe auf die Glasfaserkabel, die auf dem Meeresgrund durch die Straße von Hormus verlaufen. Sie binden die Golfstaaten an das weltweite Datennetz an.
Warum das nicht nur Drohgebärde ist
Man könnte solche Meldungen für Verhandlungsrhetorik halten. Dagegen spricht ein Vorgang aus dem Frühjahr. Wenige Wochen nach Kriegsbeginn im Februar beschuldigte Washington Teheran, mehrere Raketen in Richtung Diego Garcia abgefeuert zu haben, jenen gemeinsamen amerikanisch-britischen Stützpunkt im Indischen Ozean, rund 4.000 Kilometer entfernt. Der Iran hat also gezeigt, dass er über sehr große Distanzen zielt.
Die Formulierungen der Quellen lassen wenig Spielraum. Eine sagte, das Regime bereite Pläne zur Ausweitung des Konflikts vor, falls Trump seine früheren Drohungen wahr mache, iranische Infrastruktur anzugreifen. Der Präsident hatte im vergangenen Monat angekündigt, für jedes angegriffene Schiff in der Meerenge eine iranische Brücke oder ein Kraftwerk zu zerstören. Die zweite Quelle erklärte, Teheran werde seiner Antwort „keine Grenzen“ setzen: „Sollten die USA zu weit gehen, wird der Iran sich um jeden Preis verteidigen, über die Region hinausgehen und auch Europa treffen.“
Bezeichnend ist die Stimmung, die der Bericht beschreibt: Innerhalb des Regimes halten immer mehr Menschen eine Wiederaufnahme der Kämpfe für eine Frage des Wann, nicht des Ob.
Washingtons neue Linie: erdrosseln statt zuschlagen
Der Bericht fällt in einen Moment, in dem Trump seinen Kurs geändert hat. Nach Angaben von CNN wies er seine Gesandten an, die Gespräche mit dem Iran einzustellen. Eine mit dem Vorgang vertraute Person berichtete, das Weiße Haus habe politischen Verbündeten mitgeteilt, man wechsle die Strategie: weg von dem Bestreben, den Iran „so schnell wie möglich zu hämmern“, hin zu dem Ziel, ihn über die Zeit „zu erdrosseln“.
Öffentlich klang das am Dienstag so: Es gebe „keine Gespräche oder Unterhaltungen, weder laufend noch geplant“. Die Seeblockade bleibe in Kraft. Weitere Sanktionen gelten als wahrscheinlich.
Die Rechnung dahinter ist einfach. Trump und seine Berater glauben, anhaltender wirtschaftlicher Druck werde Teheran zwingen, amerikanische Bedingungen zu akzeptieren. Iranische Vertreter glauben umgekehrt, Trump gerate innenpolitisch zunehmend unter Druck, nachzugeben.
Wie hart der Druck wirkt, zeigen Zahlen des iranischen Statistikamts: Die Jahresinflation erreichte im Juli 66 Prozent, Lebensmittel verteuerten sich binnen eines Jahres um 128 Prozent.
Am Hormus bleibt es eng
Der Schiffsverkehr bleibt stark reduziert, in dieser Woche starb bei einem Angriff auf ein Frachtschiff ein Mensch. Die Emirate setzten den Handel mit dem Iran aus, nachdem zwei ballistische Raketen aus iranischem Gebiet in ihre Hoheitsgewässer geflogen sein sollen. Der emiratische Tanker „Amara“, von den Revolutionsgarden bei der Durchfahrt aufgebracht, änderte nach iranischen Medienberichten seinen Kurs Richtung Bandar Abbas.
Eine Zahl, die CNN nennt, erklärt den Streit hinter dem Streit: Über 80 Prozent der Schiffe, die die Meerenge in den vergangenen zwei Wochen passierten, nutzten die omanische Route, die von den Vereinten Nationen gebilligt wird und der der Iran entschieden widerspricht.
Genau darüber verhandeln Teheran und Maskat, und genau das ärgert Washington. Im Weißen Haus fürchtet man, das entstehende Regelwerk könnte die iranische Kontrolle über die Wasserstraße festigen.
Wie wenig Teheran beeindruckt ist, zeigte der Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrats, Mohsen Rezaei.
Auf Trumps Behauptung, die Meerenge sei nun amerikanisches Territorium, antwortete er auf X: „Die Kluft zwischen Amerikas Unfähigkeit, die Straße von Hormus wieder zu öffnen, und seinem Anspruch, sie zu besitzen, ist größer als die 11.265 Kilometer zwischen Washington und der Meerenge selbst.“ Und fügte an: „Willkommen in der nachamerikanischen Ordnung im Persischen Golf.“
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
Wenn du das schätzt, kannst du unsere Arbeit direkt unterstützen.
Einfach und sicher per via PayPal
Related Posts
Türkischer Forscher: Türkische Armee kann Tel Aviv innerhalb von 72 Stunden einnehmen
Ob er daraufhin einen direkten Angriff auf Israel verüben wird, ist unwahrscheinlich, aber Israel steht…
Gespräche mit dem Iran zum Scheitern verurteilt?
Irans Atomchef Islami: „Wir werden weiterhin Uran anreichern – und dem Westen die Augen ausstechen“…
Netanjahu versichert Eltern von Geiseln: Israel arbeitet an Abkommen zur Freilassung von zehn Geiseln
Geiselforum und Tikva-Forum fordern: Alle Geiseln müssen auf einmal freikommen; Ägyptische Quelle: Hamas bittet um…
Verwirrung um Verhandlungsort – Iran lehnt Uran-Transfer ab
Die jüngsten diplomatischen Bemühungen zwischen den USA und dem Iran stehen auf wackligen Füßen. Zwar…
