Kinder sind keine kleinen Erwachsenen: Israelische Kinderklinik startet Millionenfonds für die Medizin von morgen
Viele Medikamente und medizinische Technologien werden zunächst für Erwachsene entwickelt und erst später für Kinder angepasst. Ein israelisches Kinderkrankenhaus will das ändern. Das Schneider-Kinderkrankenhaus in Petach Tikva hat einen eigenen Investitionsfonds für Kindermedizin vorgestellt. Bis zu 50 Millionen Dollar sollen in Technologien fließen, die Krankheiten bei Kindern früher erkennen und gezielter behandeln. Die ersten Investitionen sind bereits erfolgt.
Ein Kind ist medizinisch betrachtet nicht einfach ein kleiner Erwachsener. Der Körper wächst, Stoffwechsel und Organe verändern sich, und viele Erkrankungen verlaufen anders als bei Erwachsenen. Trotzdem stammen zahlreiche Medikamente und Geräte, die heute in Kinderkliniken eingesetzt werden, ursprünglich aus der Erwachsenenmedizin. Das Schneider-Kinderkrankenhaus, das zur größten israelischen Krankenkasse Clalit gehört, will daran etwas ändern. Gemeinsam mit privaten Investoren hat es einen Fonds gegründet, der gezielt medizinische Innovationen für Kinder finanzieren soll. Sein Name: Schneider Children’s VC, kurz SCVC.
Erste Millionen sind eingeworben
Ganz am Anfang steht die Initiative nicht mehr. Nach Angaben der Wirtschaftszeitung Calcalist sind bereits rund 20 Millionen Dollar eingeworben, weitere Geldgeber werden gesucht. Seit der Gründung vor rund acht Monaten hat das Team mehr als 170 junge Unternehmen und Entwicklungsprojekte geprüft. In drei davon wurde bereits investiert, nach Calcalist-Angaben jeweils zwischen 500.000 und drei Millionen Dollar. Die Namen der Unternehmen wurden nicht genannt, weitere Investitionen sind in Vorbereitung.
Damit unterscheidet sich das Vorhaben von klassischen Forschungsprogrammen. Das Krankenhaus fördert nicht nur wissenschaftliche Studien, sondern beteiligt sich an Unternehmen, die neue Technologien entwickeln und auf den Markt bringen wollen. Ein Teil der Gewinne soll an das Krankenhaus zurückfließen und dort Forschung und Innovation finanzieren. Ronen Gadot, geschäftsführender Partner des Fonds, spricht von einem Modell mit doppelter Wirkung, das medizinischen Nutzen und finanzielle Rendite verbinde. Weil der Fonds direkt im Krankenhaus angesiedelt ist, sehe man neue Technologien früh und könne Risiken schon vor einer Investition besser einschätzen.
Krankheiten erkennen, bevor Beschwerden entstehen
Ein Schwerpunkt liegt auf künstlicher Intelligenz, die Behandlungsergebnisse vorhersagen und Ärzten in Echtzeit medizinische Hinweise liefern soll. Moderne Systeme können große Datenmengen nach Mustern durchsuchen, die für Ärzte kaum erkennbar sind. Weitere Schwerpunkte sind nicht invasive Methoden zur frühen Diagnose und sogenannte Langlebigkeitstechnologien, die für Kinder angepasst werden. Das langfristige Ziel reicht weiter: Statt Krankheiten erst zu behandeln, wenn Beschwerden auftreten, sollen Risiken früh erkannt und möglichst verhindert werden. Dr. Shirley Saar, Leiterin des Innovationszentrums der Klinik, spricht von einem strategischen Wandel hin zur Vorbeugung. Ob die geförderten Technologien dieses Versprechen einlösen, muss sich allerdings erst in klinischen Studien zeigen.
Warum Kinder in der Forschung zu kurz kommen
Das Problem ist international bekannt. Die Weltgesundheitsorganisation weist seit Jahren darauf hin, dass viele wichtige Medikamente nicht in kindgerechter Form verfügbar sind. Ein Mittel, das bei Erwachsenen gut wirkt, ist nicht automatisch für ein Kleinkind geeignet, Dosierung, Wirkung und Nebenwirkungen können sich erheblich unterscheiden. Hinzu kommt, dass Studien mit Kindern besonders strengen ethischen und rechtlichen Anforderungen genügen müssen. Für Unternehmen sind spezielle Kindertherapien zudem oft wirtschaftlich weniger attraktiv als Medikamente für große Patientengruppen. Genau hier will der israelische Fonds ansetzen und in Bereiche investieren, die medizinisch dringend gebraucht werden, bislang aber wenig Kapital erhalten.
Ein Vater mit persönlicher Motivation
Für Gadot hat das Projekt auch eine persönliche Seite. Nach Angaben von Calcalist war er zuvor im Bereich medizinischer Innovation tätig und am Aufbau des Innovationsfonds des Technologiekonzerns Philips beteiligt. Seine Tochter leidet an einer seltenen genetischen Erkrankung. Er wisse deshalb aus eigener Erfahrung, wie wichtig neue Behandlungsmöglichkeiten für Kinder mit komplexen Krankheiten seien. Die Gründung des Fonds nannte er gegenüber Calcalist die Verwirklichung eines persönlichen Traums.
Klinik und Krankenkasse arbeiten zusammen
Ein wesentlicher Vorteil des Modells liegt in der Verbindung mit Clalit. Die Krankenkasse verfügt über umfangreiche medizinische Datenbestände und begleitet ihre Versicherten über viele Jahre. Das eröffnet Möglichkeiten, Krankheitsverläufe zu untersuchen und neue Diagnoseverfahren zu entwickeln. Die Ärzte der Klinik können beurteilen, ob eine Technologie tatsächlich ein medizinisches Problem löst. Die Nutzung von Patientendaten und klinische Tests unterliegen dabei weiterhin den geltenden Datenschutz-, Forschungs- und Zulassungsregeln.
Von Petach Tikva in die Welt
Die Verantwortlichen sehen das Projekt nicht nur als israelische Initiative. Neue Diagnoseverfahren, digitale Anwendungen und Therapien könnten später auch in anderen Ländern eingesetzt werden. „Hundert Prozent der Erwachsenen waren einmal Kinder“, sagt Prof. Efrat Baron-Harlev, Direktorin der Klinik. Wer in die Gesundheit von Kindern investiere, investiere in die Gesundheit eines ganzen Lebens. Ob aus dem Fonds tatsächlich international erfolgreiche Technologien hervorgehen, bleibt abzuwarten. Die Idee dahinter ist jedoch einfach: Medizin für Kinder sollte nicht erst dort beginnen, wo die Erwachsenenmedizin aufhört.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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