Mehr als Diplomatie: Warum Marokko für viele Israelis Familiengeschichte ist

In der Nacht auf Donnerstag wurde bekannt, dass Israel und Marokko ihre Beziehungen weiter vertiefen wollen: Bei einem von den USA vermittelten Dreiertreffen in New York vereinbarten Außenminister Gideon Sa’ar und sein marokkanischer Amtskollege Nasser Bourita, ihre diplomatischen Vertretungen zu vollen Botschaften aufzuwerten und erstmals in der Geschichte der bilateralen Beziehungen Botschafter zu entsenden. Sa’ar sprach dabei von der „tiefen Verwurzelung und glanzvollen Geschichte“ der Freundschaft zwischen dem marokkanischen und dem jüdischen Volk, ein Satz, der in Israel weit mehr als diplomatische Höflichkeit ist.

Denn kaum ein Land außerhalb Israels selbst ist so eng mit der Familiengeschichte so vieler Israelis verwoben wie Marokko. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts lebte dort eine der größten jüdischen Gemeinden der arabischen Welt, geschätzt bis zu 300.000 Menschen. In mehreren Auswanderungswellen, vor allem zwischen der Staatsgründung Israels 1948 und dem Sechstagekrieg 1967, verließ der weitaus größte Teil von ihnen das Land. Heute leben nach Schätzungen bis zu einer Million Israelis mit marokkanisch-jüdischen Wurzeln im Land, eine der größten Herkunftsgruppen innerhalb der israelischen Gesellschaft überhaupt. In Marokko selbst ist von der einst blühenden Gemeinde nur noch eine kleine, meist in Casablanca konzentrierte Gruppe von wenigen tausend Menschen übrig geblieben.

Ein Fest, das ganz Israel feiert

Nirgends zeigt sich das kulturelle Erbe dieser Gemeinschaft deutlicher als bei Mimouna, dem traditionellen marokkanisch-jüdischen Fest am Ende von Pessach. Was ursprünglich ein Brauch einer einzelnen Diaspora-Gemeinde war, gehört heute zum festen Bestandteil des israelischen Kalenders: Mit offenen Türen, üppig gedeckten Tischen voller Gebäck und Süßigkeiten und dem Wunsch „Tirbechu Wetissadu“ für Glück und Erfolg feiern längst nicht mehr nur Israelis marokkanischer Herkunft mit, sondern das ganze Land, Politiker verschiedenster Parteien eingeschlossen, die traditionell zu Mimouna-Feiern in jüdisch-marokkanischen Vierteln eingeladen werden. Auch die Erinnerung an marokkanische Rabbiner und Wundertäter, die „Tzaddikim“, ist in Israel lebendig geblieben, ihre Gräber in Marokko selbst ziehen bis heute jährlich Pilgergruppen aus Israel an, ein weiterer Grund, warum die Wiederaufnahme regelmäßiger Direktflüge, die im Zuge der aktuellen Vereinbarung ebenfalls beschlossen wurde, für viele israelische Familien weit mehr als ein wirtschaftliches Detail ist.

Historisch getragen wird diese besondere Beziehung nicht zuletzt vom marokkanischen Königshaus selbst: König Mohammed V., der Großvater des heutigen Königs Mohammed VI., weigerte sich während der Zeit des Vichy-Regimes im Zweiten Weltkrieg, die jüdischen Bürger seines Landes den antijüdischen Gesetzen auszuliefern, eine Haltung, die bis heute als Gründungserzählung der besonderen marokkanisch-jüdischen Beziehung gilt.

Die jetzt vereinbarten Schritte, neben den Botschaftern auch Abkommen zum Investitionsschutz und zur Vermeidung von Doppelbesteuerung bis Jahresende sowie ausgeweitete Direktflüge marokkanischer Fluggesellschaften, bauen auf den 2020 im Rahmen der Abraham-Abkommen wiederhergestellten Beziehungen auf. Für viele israelische Familien marokkanischer Herkunft dürfte die eigentliche Bedeutung der Nachricht jedoch weniger in Botschaftsgebäuden liegen als in der Aussicht, wieder unkomplizierter dorthin reisen zu können, wo die eigene Familiengeschichte einst begann.

Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
Wenn du das schätzt, kannst du unsere Arbeit direkt unterstützen.
Einfach und sicher per via PayPal

Weitere Artikel