IDF warnt: Judäa und Samaria nahe am Kipppunkt, nationalistische Gewalt auf Rekordkurs
Hochrangige israelische Sicherheitsvertreter warnen, die Lage in Judäa und Samaria sei derzeit hochexplosiv. Grund ist ein starker Anstieg nationalistisch motivierter Gewalt, verschärft durch wirtschaftlichen und politischen Druck sowie erste Anzeichen für eine Rückkehr palästinensischer Einzeltäter-Anschläge.
Seit Jahresbeginn wurden nach israelischen Sicherheitsdaten mehr als 800 Vorfälle registriert, die als nationalistisch motivierte Kriminalität eingestuft werden. Zwischen 90 und 100 davon stuft die Armee als schwerwiegend ein. Das ist der höchste Wert zu diesem Zeitpunkt eines Jahres seit 2023, als am Jahresende mehr als 1.000 Vorfälle gezählt worden waren. „Beim aktuellen Tempo werden wir den Rekord von 2023 übertreffen“, so die Sicherheitsvertreter.
Ein Anstieg um 63 Prozent
Genauere Zahlen für die erste Jahreshälfte 2026 untermauern die Warnung: Von Januar bis Juni wurden 660 Angriffe durch Siedler registriert, gegenüber 405 im selben Zeitraum des Vorjahres, ein Anstieg von 63 Prozent. Auch Angriffe auf israelische Sicherheitskräfte selbst nahmen zu, um 50 Prozent auf 45 Vorfälle. Die Zahl verletzter Palästinenser stieg von 82 im ersten Halbjahr 2025 auf 140 im ersten Halbjahr 2026, sechs Palästinenser wurden in diesem Zeitraum getötet, im Vorjahreszeitraum keiner. Allein im Juli kamen nach Angaben der Sicherheitsbehörden rund 100 weitere Vorfälle hinzu, der Aufwärtstrend setzte sich damit auch im zweiten Halbjahr fort.
Der Anstieg wirft Fragen zur Fähigkeit von Armee und Polizei auf, Gewalt durch israelische Extremisten einzudämmen, zumal es zuletzt gelang, die Aktivität palästinensischer Militanter in Teilen des Gebiets deutlich zurückzudrängen.
Andere rechtliche Mittel gegen israelische Täter
Sicherheitsvertreter erklären den Unterschied unter anderem mit den zur Verfügung stehenden rechtlichen und nachrichtendienstlichen Mitteln. Die Erfassung von Informationen über israelische Zivilisten unterliegt engeren Beschränkungen, zudem haben die Behörden die Möglichkeit verloren, bestimmte Formen der Administrativhaft anzuwenden.
„Auflagen werden nicht willkürlich verhängt. Sie beruhen auf belastbaren Erkenntnissen“, so die Vertreter. Die Behörden wollen ihre Mittel nun erweitern, etwa um Vermögensbeschlagnahmungen und finanzielle Sanktionen. „Der Wille zu handeln ist eindeutig vorhanden, aber das Instrumentarium gegenüber Israelis ist grundlegend anders, und das zeigt sich auch im Ergebnis“, heißt es.
Vermischung der Gebiete sorgt für Frust in der Armee
Zunehmend frustriert zeigt sich die Armee auch über Aktivisten, die gezielt Reibung in Gebieten erzeugen, die unter palästinensischer ziviler oder sicherheitspolitischer Kontrolle stehen. Nach den Osloer Verträgen ist Judäa und Samaria in die Gebiete A, B und C unterteilt: In Gebiet A liegen zivile und sicherheitspolitische Zuständigkeit bei der Palästinensischen Autonomiebehörde, in Gebiet B die zivile Verwaltung, während die Sicherheitsverantwortung bei Israel liegt, Gebiet C untersteht vollständig israelischer Kontrolle.
Ein Militärvertreter sagte, Aktivisten versuchten bewusst, diese Grenzen zu verwischen, indem sie in die Gebiete A und B eindringen oder dort Präsenz aufbauen. „Man kann in Hunderten bestehenden Farmen und Gemeinden ‚Pioniere‘ sein und ‚das Land besiedeln‘, wie es heißt. Aber der Versuch, die Grenzen zwischen den Gebieten A und B sowie C zu verwischen, und der Drang, innerhalb der Gebiete A und B zu siedeln, schadet dem gesamten Siedlungsprojekt erheblich“, so der Vertreter.
Er fügte hinzu: „Die Armee hat die Osloer Verträge nicht unterschrieben, aber welchen Sinn haben diese Aktionen jetzt? Derzeit verabschiedet die Knesset keine Gesetze, das geschieht ausschließlich zur Provokation. Wenn öffentliche Führungspersonen sich in Gebiet B niederlassen, richten sie enormen Schaden an und verzögern den Aufbau regulierter Ortschaften. Kurz vor den Feiertagen und den Wahlen stehen wir am Rand einer Eskalation.“
Netanyahu bei Lagebeurteilung vor Ort
Ministerpräsident Netanyahu hielt am Montag nach jüngsten Gewaltausbrüchen an mehreren Brennpunkten, darunter Kusra und Gilad Farm bei Nablus sowie Yatta und Sa’ir bei Hebron, selbst eine Lagebeurteilung in Judäa und Samaria ab. Generalstabschef Eyal Zamir warnte ihm gegenüber, angesichts der Lage vor Ort bestehe „die Gefahr einer Explosion“ in dem Gebiet.
Zugleich wächst die Anfeindung gegen hochrangige Kommandeure, die für die Räumung illegaler Außenposten verantwortlich sind, darunter Zentralkommando-Chef Avi Bluth und der Kommandeur der Division Judäa und Samaria, Brigadegeneral Kobi Heller.
Internationaler Druck wächst
Die Warnungen fallen in eine Zeit wachsenden amerikanischen Drucks wegen der Gewalt israelischer Extremisten in Judäa und Samaria. Der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, erklärte, das Anzünden von Autos und Häusern sowie das Eindringen in Privateigentum in einem Ausmaß, das Bewohner aus Furcht zum Wegzug bewege, seien als Terrorakte einzustufen.
Wirtschaftliche Krise der Autonomiebehörde als weiterer Faktor
Sicherheitsvertreter betonen, die nationalistische Gewalt sei nur einer von mehreren Faktoren, die die Stabilität bedrohen. Ein weiterer ist die sich verschärfende Finanzkrise der Palästinensischen Autonomiebehörde. Israel hat die Weiterleitung der für die Autonomiebehörde eingezogenen Steuereinnahmen gestoppt, palästinensische Staatsbedienstete erhalten seit über einem Jahr nur noch rund 40 Prozent ihres Gehalts.
Auch die Errichtung von 104 Gemeinden und rund 160 landwirtschaftlichen Außenposten in Judäa und Samaria werten Palästinenser als faktische Annexion, unabhängig davon, ob Israel formell die Souveränität erklärt.
Zusätzlich tragen Nachfolgekämpfe innerhalb der palästinensischen Führung, die näher rückenden palästinensischen Wahlen sowie der eigene israelische Wahlkampf zur wachsenden Anspannung bei.
Mehr als 25 Bataillone im Einsatz
Das Zentralkommando der Armee beobachtet zudem mit Sorge erste Anzeichen für eine erneute Welle palästinensischer Einzeltäter-Anschläge. Zu den jüngsten Vorfällen zählen ein Messerangriff im Dorf al-Auja, ein Fahrzeugangriff an der Kreuzung Gush Etzion sowie ein Vorfall, bei dem an der Kreuzung Rimonim eine Waffe sichergestellt wurde. Sicherheitsvertreter befürchten, solche Angriffe könnten Nachahmungstaten an anderen Orten in Judäa und Samaria auslösen.
Die Truppenpräsenz wurde zuletzt aufgestockt und liegt aktuell bei rund 25 Bataillonen im Gebiet, um eine Eskalation in größerem Ausmaß zu verhindern, insbesondere mit Blick auf die bevorstehenden jüdischen Feiertage und die anstehenden Wahlen.
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