„Ich wählte den Weg des Glaubens, und mit dem Glauben kam ich zurück“
Es war die zweite Selichot-Andacht dieses Jahres an der Westmauer in Jerusalem, und rund 50.000 Menschen kamen. Unter ihnen Außenminister Gideon Sa’ar, verwundete Soldaten mit körperlichen und seelischen Verletzungen, und zwei Menschen, deren Anwesenheit an diesem Ort eine eigene Geschichte erzählt: Bar Kupershtein und Agam Berger, beide Überlebende der Hamas-Geiselhaft.
Seit Beginn des jüdischen Monats Elul haben in der vergangenen Woche über 150.000 Gläubige an den Selichot-Gebeten auf dem Platz vor der Westmauer teilgenommen.
Was Selichot bedeutet
Diese Gebete haben im jüdischen Jahreslauf einen besonderen Ort. Selichot sind Bußgebete, gesprochen in den Wochen vor Rosch Haschana und Jom Kippur. Der Monat Elul, der Mitte August begann, gilt als Zeit der Selbstprüfung und der Umkehr, der Vorbereitung auf die Tage der Ehrfurcht.
Sefardische Juden beten Selichot den gesamten Monat hindurch, aschkenasische beginnen später. Gebetet wird traditionell in den frühen Morgenstunden oder tief in der Nacht, wenn es still ist. Die nächste große Andacht an der Westmauer beginnt in der Nacht zum Sonntag um 0.15 Uhr; erneut werden zehntausende Menschen erwartet.
Rabbi Shmuel Rabinowitz, Rabbiner der Westmauer und der heiligen Stätten, sprach mit den Versammelten Gebete für die Sicherheit der Soldaten und der Sicherheitskräfte, für die Einheit des Volkes und für die Sicherheit Israels.
Zwei, die zurückkamen
Agam Berger war Aufklärungssoldatin auf dem Stützpunkt Nahal Oz, als die Hamas ihn am 7. Oktober 2023 überrannte. Über 50 Soldaten wurden dort getötet, zehn verschleppt. Sie verbrachte 482 Tage in Gefangenschaft und kam am 30. Januar 2025 frei.
Was sie in dieser Zeit tat, hat viele Israelis bewegt. Sie hielt den Schabbat und aß koscher, trotz Drucks und trotz Nahrungsmangel. Im Januar 2024 fanden die Geiseln unter zurückgelassener Ausrüstung israelischer Soldaten ein Gebetbuch.
Ihre erste Botschaft nach der Befreiung schrieb sie auf eine Tafel, im Hubschrauber auf dem Weg ins Krankenhaus: „Ich habe den Weg des Glaubens gewählt, und auf dem Weg des Glaubens bin ich zurückgekehrt. Danke an das ganze Volk Israel und an unsere heldenhaften Soldaten. Es gibt niemanden wie euch auf der Welt.“
Berger ist Geigerin. Ihr wurde eine 130 Jahre alte Violine geschenkt, die einem Opfer der Schoah gehört hatte. Auf ihr spielte sie beim Marsch der Lebenden in Auschwitz-Birkenau. An diesem Samstag wird sie 22 Jahre alt.
Bar Kupershtein stammt wie sie aus Cholon. Er war Kampfsoldat im 932. Bataillon der Nachal-Brigade und besuchte am 7. Oktober das Nova-Festival. Dort half er anderen Besuchern und leistete Erste Hilfe, bis er selbst verschleppt wurde. In der Gefangenschaft verschwieg er seinen Militärdienst, was ihm nach Einschätzung anderer Freigelassener das Leben rettete.
Er kam nach 738 Tagen frei, am 13. Oktober 2025. Verteidigungsminister Katz sagte er bei ihrer ersten Begegnung einen Satz, der alles enthält: „Ich habe mein Leben zurückbekommen.“
Auch seine Familie stützte sich während der Gefangenschaft auf Gebet. Sie las Psalmen, lernte Tora, und im Januar 2025 hielten die Oberrabbiner Israels an der Westmauer einen Gottesdienst für ihn ab.
Gut anderthalb Jahre später steht er an derselben Mauer und betet mit.
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