Gespräche am Tag, Raketen in der Nacht: Wie brüchig die Feuerpause wirklich ist
Während in Washington über ein Ende des Krieges gesprochen wurde, brannte die Region. Der Dienstag begann mit Diplomatie und endete mit ballistischen Raketen, Drohnen und einem gemeinsamen amerikanisch-saudischen Luftschlag im Irak. Die Chronologie eines Tages und einer Nacht, die zeigen, wie brüchig die sogenannte Feuerpause ist.
Kurz vor elf Uhr: Netanyahu im Weißen Haus
Ministerpräsident Benjamin Netanyahu traf am Dienstagvormittag im Weißen Haus ein. Rund 90 Minuten dauerte das Gespräch mit Präsident Donald Trump, hinter verschlossenen Türen. Ungewöhnlich: Trump öffnete die Begegnung nicht einmal für wenige Minuten der Presse, ebenso wenig zuvor sein Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj. Am Tisch saßen Vizepräsident JD Vance, Außenminister Marco Rubio, Verteidigungsminister Pete Hegseth und Sondergesandter Steve Witkoff, auf israelischer Seite Botschafter Yechiel Leiter, Büroleiter Ido Norden und Militärsekretär Generalmajor Guy Markizeno.
Es war die erste Begegnung beider seit dem gemeinsamen Kriegsbeginn gegen den Iran, und sie fiel in eine Phase spürbarer Spannungen. Auf der Tagesordnung standen der Iran, das Rahmenabkommen mit dem Libanon und die Erweiterung der Abraham-Abkommen. Netanyahu brachte Geheimdienstmaterial mit, das den Ausbau der Nuklearanlage im „Pickaxe Mountain“ belegen soll.
Die Bewertungen fielen betont freundlich aus. Das Weiße Haus nannte das Treffen „positiv und produktiv“. Eine hochrangige israelische Quelle sprach von einer „ausgezeichneten und umfassenden Diskussion“, vor allem zum Iran: Beide Staatsmänner hätten ihre „eiserne Verpflichtung“ bekräftigt, dass der Iran niemals Atomwaffen erhalte, „weder durch ein Abkommen noch auf anderem Weg“. Endgültige Vereinbarungen gab es nicht. Am Nachmittag nahm Netanyahu an der Trauerfeier für Senator Lindsey Graham in der National Cathedral teil.
In der Nacht: Ballistische Raketen auf Jordanien
Wenige Stunden später endete die diplomatische Ruhe. Die Revolutionsgarden feuerten nach Angaben des US-Zentralkommandos mehrere ballistische Raketen auf amerikanische Stützpunkte in der Region, CENTCOM sprach von einem „versuchten Überraschungsangriff“. Ein US-Vertreter bezifferte gegenüber der Jerusalem Post die Zahl der auf eine Basis in Jordanien gerichteten Geschosse auf mindestens vier und nannte es „einen schweren Angriff“. Jordaniens Luftabwehr schoss nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur insgesamt fünf Raketen ab. Die Revolutionsgarden erklärten in iranischen Staatsmedien, man habe US-Luftwaffenbasen und das Zentralkommando-Zentrum in Jordanien beschossen.
Kurz zuvor hatte der iranische Unterhändler Seyed Mohammad Marandi auf X erklärt, sein Land sei „vollständig auf einen totalen Krieg vorbereitet“.
Parallel griffen aus dem Irak gestartete Drohnen Ölanlagen in der saudischen Ostprovinz an. Die Luftabwehr des Königreichs fing sie ab. Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Turki al-Maliki, machte vom Iran unterstützte Milizen verantwortlich und behielt sich eine Antwort „zur geeigneten Zeit am geeigneten Ort“ vor.
Am Mittwoch: Amerikaner und Saudis fliegen gemeinsam Angriffe im Irak
Die Antwort kam schneller als erwartet, und sie kam gemeinsam. Amerikanische und saudische Kampfflugzeuge griffen am Mittwoch mehrere Logistik- und Waffenlager im Osten des Irak an. CENTCOM erklärte, man habe dem Iran nahestehende Terroristen getroffen, die die Revolutionsgarden zu Angriffen auf US-Kräfte und saudische Energieinfrastruktur angeleitet hätten. Es sei eine „starke Antwort“ auf mehr als 30 von den Revolutionsgarden gesteuerte Drohnenangriffe binnen 72 Stunden. Arabische Medien meldeten zuvor unerklärte Explosionen auf einem Stützpunkt der Volksmobilisierungskräfte, jenes Dachverbands von rund 67 vom Iran unterstützten Milizen. Das saudische Verteidigungsministerium erklärte, die Schläge bekräftigten das legitime Recht des Königreichs auf Selbstverteidigung; man suche keine Eskalation, werde aber auf jede Aggression reagieren.
Neu an dieser Konstellation ist die Gemeinsamkeit: Saudi-Arabien und die USA fliegen erstmals in dieser Runde Seite an Seite Angriffe gegen iranische Stellvertreter.
Und auf See
Auch die Seewege blieben nicht ruhig. Die Houthis erklärten, sie hätten am Mittwochmorgen ballistische Raketen auf einen saudischen Öltanker im Roten Meer abgefeuert; das Schiff habe ihre neu verkündete Seeblockade gegen Saudi-Arabien verletzt. Die britische Seefahrtsbehörde UKMTO meldete kurz zuvor, ein Tanker habe eine Explosion wahrgenommen. Die Revolutionsgarden wiederum teilten mit, drei Öltanker seien in der Straße von Hormus „getroffen und gestoppt“ worden, nachdem sie Warnungen ignoriert hätten.
Wie eng das amerikanische Netz auf See geknüpft ist, machte CENTCOM mit eigenen Zahlen deutlich: Mehr als 20 Kriegsschiffe operieren in der Region, im Rahmen der Blockade gegen den Iran wurden mit Stand 28. Juli 18 Handelsschiffe umgeleitet, zwei manövrierunfähig geschossen und zwei geentert.
Was von der Pause bleibt
Die USA hatten vom 8. bis 24. Juli jede Nacht Ziele im Iran bombardiert und die Kampagne dann ausgesetzt, um Verhandlungen über die Wiederöffnung der Straße von Hormus zu ermöglichen. „Wir führen sehr tiefgehende Gespräche mit dem Iran“, sagte Trump am Montag. „Wenn sie nicht funktionieren, kehren wir zu sehr starkem militärischem Handeln zurück.“ Entweder gehe es schnell, oder gar nicht.
Aus Teheran klingt es ähnlich reserviert. Stoppten die amerikanischen Angriffe, werde auch der Iran seine Operationen einstellen, sagte eine ranghohe iranische Quelle Reuters. Und fügte hinzu, es gebe mehr Skepsis als Optimismus: Die vorherrschende Ansicht sei, die Pause sei taktisch, nicht ernst gemeint.
Nach dieser Nacht spricht wenig dagegen.
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