Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Der Hass auf Juden wird zum Alltag
Kurz vor dem dritten Jahrestag des Hamas-Massakers schlägt Israel in Europa Alarm. Diasporaminister Amichai Chikli hat die französische Regierung in einem eindringlichen Brief aufgefordert, Synagogen, jüdische Schulen und Gemeindeeinrichtungen sofort stärker zu schützen. Die Warnung steht für eine Entwicklung, die weit über Frankreich hinausreicht: Seit dem 7. Oktober 2023 ist der Judenhass in vielen westlichen Ländern sprunghaft gestiegen und hat sich auf einem erschreckend hohen Niveau festgesetzt.
Chiklis Schreiben ging zu Wochenbeginn an Premierminister Sébastien Lecornu und Innenminister Laurent Nuñez, wie die Zeitung Israel Hayom berichtet. Grundlage seien Lagebeurteilungen seines Ministeriums, nach denen die Gefahr für Juden in Frankreich in diesen Tagen deutlich erhöht ist. Gewaltbereite Proteste und Gedenkveranstaltungen zum 7. Oktober fallen zeitlich zusammen.
Frankreich: Hakenkreuze bei Schülerprotesten
Besonders besorgt zeigt sich der Minister über die Proteste an französischen Gymnasien. In der vergangenen Woche seien sie zu offenen Bühnen für antisemitische Hetze geworden. Schüler schwenkten palästinensische Fahnen, skandierten Parolen gegen Israel, und an manchen Orten tauchten sogar Hakenkreuze auf. Studentenorganisationen rufen für den 6. Oktober zu einem landesweiten Aktionstag mit Blockaden von Schulen und Universitäten auf, den sie selbst als „Tag des Zorns“ bezeichnen. Am 7. Oktober sind in Frankreich und ganz Europa weitere Demonstrationen geplant. Einige davon, so Chikli, „feiern das Massaker offen“.
Als Beispiele nennt er zwei Vorfälle. Am 15. September wurde auf dem Pariser Bastille-Platz in einer Ausstellung von 196 Nationalflaggen ausgerechnet die israelische Fahne mit blutroter Farbe beschmiert. Zudem verlangten Aktivistengruppen von der Pariser Präfektur, eine für den 11. Oktober geplante Alija-Messe zu verbieten, auf der sich Juden über die Einwanderung nach Israel informieren können.
Die offiziellen Zahlen des französischen Innenministeriums sind eindeutig. Allein im ersten Halbjahr 2026 wurden 533 antisemitische Taten registriert. Das sind 46 Prozent aller religionsfeindlichen Taten im Land, obwohl Juden weniger als ein Prozent der Bevölkerung ausmachen. Chikli fordert, Kundgebungen zu verbieten, die das Massaker verherrlichen oder zu Gewalt gegen Juden aufrufen, und bietet an, Erkenntnisse seines Ministeriums zu teilen. „Die Sicherheit der jüdischen Gemeinschaft in den kommenden Tagen ist eine Prüfung für uns alle“, schreibt er.
Deutschland: 24 Vorfälle am Tag
Auch in Deutschland ist Antisemitismus längst Alltag. Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) zählte für das Jahr 2025 insgesamt 8.725 antisemitische Vorfälle. Das entspricht rund 24 Vorfällen pro Tag und mehr als dem Dreifachen des Jahres 2022, als noch 2.706 Fälle registriert worden waren. Gut zwei Drittel der Vorfälle hatten einen Bezug zu Israel. Erfasst wurden unter anderem Hunderte Bedrohungen, Sachbeschädigungen und Angriffe. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, sprach von einer „bedrückenden Realität in Deutschland“.
Die Polizeistatistik bestätigt den Trend. Nach einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage im Bundestag wurden allein im zweiten Quartal 2026 bundesweit 516 antisemitische Straftaten erfasst, fast die Hälfte davon Volksverhetzung.
Gewalt bis hin zu Mord
Besonders alarmierend ist, dass aus Worten immer häufiger Gewalt wird. Nach dem jährlichen Bericht der Universität Tel Aviv über weltweiten Antisemitismus wurden im Jahr 2025 weltweit 20 Menschen bei antisemitischen Angriffen getötet, so viele wie seit mehr als drei Jahrzehnten nicht. Dazu gehören der Anschlag auf eine Synagoge in Manchester an Jom Kippur 2025 mit zwei Toten und das Massaker bei einer Chanukka-Feier am Bondi Beach in Sydney im Dezember 2025 mit 15 Toten. Für Frankreich verzeichnet der Bericht einen Anstieg körperlicher Angriffe auf Juden von 43 im Jahr 2022 auf 126 im Jahr 2025.
Auch in diesem Jahr blieb es nicht bei Drohungen. Am Vorabend von Jom Kippur eröffnete ein Mann vor der Synagoge Sons of Jacob im kanadischen Belleville in der Provinz Ontario das Feuer auf Polizisten, die das Gotteshaus bewachten. Ein Beamter wurde schwer verletzt, der Angreifer starb später an seinen Verletzungen. Die Polizei geht von einer Hasstat aus. Der kanadische Premierminister Mark Carney erklärte, Juden müssten ihren Glauben sicher ausüben können.
Ein Jahrestag als Bewährungsprobe
Für jüdische Gemeinden in Europa wird der 7. Oktober damit zu einem Tag doppelter Last. Sie gedenken der Ermordeten und Verschleppten und müssen zugleich fürchten, selbst zur Zielscheibe zu werden. Synagogen, Schulen und sichtbar erkennbare Juden auf der Straße seien in diesem Klima besonders gefährdet, warnt Chikli. „Die jüdische Gemeinschaft in Frankreich ist ein untrennbarer Teil der Republik“, schreibt er. Dasselbe gilt für Deutschland und jedes andere Land, in dem Juden heute wieder Angst haben, ihren Glauben offen zu zeigen.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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