06 Oct 2026

Militärpolizei zieht ab, die Menge feiert: In Modiin scheitert die Festnahme eines Wehrdienstentziehers

Es sollte eine gewöhnliche Festnahme werden. Am Ende mussten Soldaten der Militärpolizei unter Polizeischutz aus einem Wohnhaus in Modiin gebracht werden, während Hunderte ultraorthodoxe Demonstranten den jungen Mann feierten, den sie eigentlich mitnehmen sollten. Der Vorfall in der Nacht zum Dienstag zeigt, wie wenig der Staat die Wehrpflicht bei strengreligiösen Männern derzeit durchsetzen kann, drei Wochen vor einer Wahl, in der genau diese Frage eine zentrale Rolle spielt.

Die Militärpolizei war in die Stadt Modiin-Makkabim-Re’ut zwischen Jerusalem und Tel Aviv gekommen, um einen Jeschiwa-Studenten festzunehmen, der seiner Einberufung nicht gefolgt war und deshalb als Deserteur geführt wird. Doch kaum waren die Soldaten vor Ort, strömten Hunderte Ultraorthodoxe zu dem Gebäude. Sie drangen in das Haus ein, einige gelangten bis in die Wohnung des Gesuchten. Im elften Stock standen sich Dutzende Demonstranten und Sicherheitskräfte auf engstem Raum gegenüber, am Eingang des Gebäudes kam es zu heftigen Auseinandersetzungen.

Die Polizei teilte mit, zahlreiche Einsatzkräfte seien im Einsatz, „um die Soldaten herauszuholen und die öffentliche Ordnung wiederherzustellen“. Nach Berichten des Senders i24NEWS war der junge Mann zunächst bereits in Gewahrsam, wurde auf Empfehlung der Polizei aber wieder freigelassen, um die Lage zu beruhigen. Am Ende zogen Militärpolizei und Polizei ohne ihn ab. Wenig später ließ sich der Gesuchte auf dem Dach eines Autos von der Menge feiern und bekam Süßigkeiten zugesteckt.

Ein Notruf für Deserteure

Mobilisiert wurde die Menge über eine Telefonhotline mit dem Namen „Code Schwarz“. Betrieben wird sie von der sogenannten Jerusalemer Fraktion, einer radikalen Strömung innerhalb der ultraorthodoxen Gemeinschaft, die jeden Dienst in der Armee strikt ablehnt. Die Hotline entstand im vergangenen Jahr, als die Armee begann, gegen Wehrpflichtige vorzugehen, die sich nicht zum Dienst gemeldet hatten. Ihr Prinzip erklären die Aktivisten offen: Wer festgenommen werden soll, ruft an, dann werden Demonstranten geschickt. „Wenn Demonstranten kommen, geht die Armee.“ Nach dem Einsatz in Modiin rühmte sich die Hotline, die Polizei habe dank der „Unterstützung der Massen“ das Haus des Jeschiwa-Studenten verlassen, es werde ausgelassen getanzt.

Tatsächlich geht diese Rechnung bislang weitgehend auf. Nach übereinstimmenden Berichten führen Armee und Polizei kaum noch gezielte Festnahmen von ultraorthodoxen Wehrdienstentziehern durch. Der Sender Kan berichtete, sie seien von Massenprotesten abgeschreckt, die immer wieder ganze Straßenzüge lahmlegten. Fast alle der derzeit einige Dutzend inhaftierten Deserteure sind Anhänger der Breslower Chassidim, die bei der Rückkehr von Pilgerreisen zum Grab von Rabbi Nachman im ukrainischen Uman am Flughafen Ben Gurion aufgegriffen wurden.

Armee und Polizei schieben sich die Verantwortung gegenseitig zu. In der Armee heißt es, ohne die Polizei könne die Militärpolizei im zivilen Raum nicht handeln. Die Polizei erklärt dagegen, die Aufgabe liege bei der Militärpolizei. Dabei hatte das Oberste Gericht bereits im Frühjahr verlangt, die Wehrpflicht gleichberechtigt durchzusetzen. Ein Gesetz der Regierung, das Jeschiwa-Studenten pauschal vom Dienst befreien sollte, hat das Gericht im Sommer vorerst gestoppt.

„Feindliche Armee“ und Geld für Deserteure

Wie tief der Graben ist, zeigte sich bereits vergangene Woche in Jerusalem. Tausende Ultraorthodoxe zogen in einem Solidaritätsmarsch für inhaftierte Deserteure durch die Stadt. Auf Plakaten wurde die israelische Armee unter anderem als „feindliche Armee“ bezeichnet. Bei der Abschlusskundgebung verteilte ein Rabbiner der bekannten Jerusalemer Jeschiwa Porat Josef an die anwesenden Deserteure Umschläge mit je 1.000 Schekel. Das Geld stammt nach Angaben der Veranstalter aus Spenden aus dem Ausland. Aus der Regierungskoalition gab es dazu bislang keine Stellungnahme.

Empörung über Parteigrenzen hinweg

Die Bilder aus Modiin lösten scharfe Reaktionen aus, auch aus den Reihen der Ultraorthodoxen selbst. Moti Leitner, Vorsitzender der Partei „Die ultraorthodoxe Öffentlichkeit“, forderte, diese „Wilden“ gehörten hinter Gitter. Er verlangte von den Führern der großen ultraorthodoxen Parteien, Arie Deri, Jaakov Ascher und Jitzchak Goldknopf, die Gewalt gegen Soldaten öffentlich zu verurteilen. „Wir Ultraorthodoxe sind die ersten Leidtragenden dieser gewalttätigen Bande“, sagte er.

Die Opposition nutzte den Vorfall für Angriffe auf die Regierung. Gadi Eisenkot, Vorsitzender der Partei Yashar, erklärte, ein Staat, der seine besten Söhne und Töchter in den Kampf schicke, könne keinen „Staat im Staat“ hinnehmen. Naftali Bennett sprach von einem „Moment vor der nächsten Katastrophe“: Soldaten und Polizisten hätten mit Randalierern wie mit einer kriminellen Bande über ihren sicheren Abzug verhandeln müssen. Avigdor Liberman zeigte sich empört, dass Soldaten, die nach seinen Worten von der Menge als „Nazis“ beschimpft wurden, in einer israelischen Stadt unter schwerem Polizeischutz abziehen mussten, „als wären sie in Dschenin und nicht in Modiin“. Jair Golan, Vorsitzender der Demokraten, nannte die Regierung eine konkrete Gefahr für die Sicherheit Israels.

Der Vorfall dürfte die Debatte über die Wehrpflicht im Wahlkampf weiter verschärfen. Für die vielen Familien, deren Söhne und Töchter seit drei Jahren Reservedienst leisten, ist die Frage längst keine theoretische mehr, sondern eine der Gerechtigkeit.

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