Das Feuer hören, bevor es jemand sieht: Wie ein israelisches Start-up den Wettlauf gegen die Flammen gewinnen will
Vor wenigen Wochen brannte es in Havat Gilad, in Schimschit und in Kfar Vradim. Häuser, Fahrzeuge, Felder. In solchen Momenten zählt jede Minute, und genau da setzt ein israelisches Start-up an, das einen verblüffend einfachen Gedanken zu Ende gedacht hat: Man kann ein Feuer sehen, riechen und hören. Warum also nicht auf es hören?
Das Unternehmen heißt Firewave, sitzt in Tel Aviv und hat akustische Sensoren entwickelt, die den charakteristischen Klang brennenden Holzes erkennen, oft schon im Funkenstadium. Nach eigenen Angaben identifiziert das System ein Feuer von etwa einem Quadratmeter in zwei bis drei Minuten.
Eine Idee aus dem Familienurlaub
Entstanden ist sie nicht im Labor. Firmenchef Dr. Jenia Yurkovsky war 2021 mit seiner Familie in Griechenland und flog einen Tag vor jenem Großbrand nach Hause, der auf Euböa 30.000 Menschen zur Flucht zwang. „Ich sah diese Bilder und dachte: Es muss einen besseren Weg geben, von Waldbränden zu erfahren.“ Gemeinsam mit Eduard Grinberg, den er seit dem Physikstudium an der Universität Tel Aviv kennt, baute er ein Jahr lang abends und an Wochenenden einen Prototyp, neben dem Hauptberuf.
Der physikalische Kern der Idee: Schall breitet sich in alle Richtungen gleich schnell aus und braucht keine Sichtlinie. Kameras dagegen brauchen freie Sicht auf Rauch oder Hitze, im dichten Wald verstreichen darüber 20, 30, manchmal 60 Minuten. Satelliten sind für bereits laufende Großbrände gebaut, nicht für kleine Anfänge. Gassensoren müssen warten, bis sich genug Rauch angesammelt hat.
Ein Kasten am Baum, fünf Jahre wartungsfrei
Die Technik selbst ist unspektakulär und genau deshalb tauglich. Der Sensor hängt drei bis vier Meter hoch am Baum, enthält Mikrofone sowie Feuchtigkeits- und Temperaturmesser und läuft über ein Solarmodul. Bis zu fünf Jahre kommt er ohne Wartung aus. Die meiste Zeit schläft er, wacht je nach Jahreszeit alle ein bis zwei Minuten kurz auf und meldet sich nur, wenn er etwas hört. Ein Gerät kostet zwischen 100 und 200 Dollar und deckt einen Radius von rund 50 Metern ab, künftig sollen es 100 Meter werden.
Der eigentliche Wert liegt im Netz: Registrieren mehrere Sensoren dasselbe Feuer, lässt sich seine Ausbreitung in Echtzeit auf einer Übersichtskarte verfolgen. Die Einsatzkräfte erhalten Koordinaten, die schnellste Anfahrt und können sich sogar die Tonaufnahme anhören, um den Alarm zu prüfen.
Wie zuverlässig das funktioniert, ließ sich ein Fernsehteam vorführen. Um Punkt elf Uhr wurde ein kontrolliertes Feuer entzündet. Bis zur Meldung auf dem Dashboard vergingen keine zwei Minuten.
Von Kalifornien lernen, mit Zikaden
Die künstliche Intelligenz dahinter musste lernen, Feuergeräusche von Umgebungslärm zu trennen, und zwar überall. „Einer unserer Pilotversuche lief in Kalifornien, wo Zikaden zu den prägendsten Geräuschen gehören“, erzählt Yurkovsky. „Die kannten wir aus Israel nicht. Das System hat sie als Teil der Umgebung eingeordnet und ausgeblendet, um weiter nach Feuer zu suchen.“ Auch zwischen kontrollierten Bränden und echten Gefahren unterscheidet die Software.
In Israel laufen Pilotprojekte mit dem Jüdischen Nationalfonds KKL und der Natur- und Parkbehörde, rund 50 Sensoren hängen im Land. Für die kommende Saison sind Hunderte weitere in den USA und Kanada geplant. In Kalifornien kooperiert Firewave mit dem Drohnenhersteller Ember Flash Aerospace, der beim XPRIZE-Wettbewerb für Waldbrandbekämpfung im Halbfinale steht; das Preisgeld beträgt elf Millionen Dollar. Die Kombination ist naheliegend: Löschdrohnen tragen nur wenig Wasser. Wer den Brand nach zwei Minuten meldet, ermöglicht ein Löschen, solange er noch klein genug dafür ist.
Die unbequeme Zahl
Zum Schluss eine Statistik, die aufhorchen lässt: In Israel gehen nach Angaben des Unternehmens 99 Prozent aller Flächenbrände auf menschliches Handeln zurück, in den USA rund 85 Prozent, die meisten davon durch Unachtsamkeit. Feuer im öffentlichen Park zu entzünden ist in Israel verboten. Viele halten sich nicht daran.
Grinberg bringt die Rechnung auf den Punkt: Der Unterschied zwischen einer Entdeckung nach 20 Minuten und einer nach zwei Minuten sei der Unterschied zwischen einem beherrschbaren Vorfall und tausenden verlorenen Dunam, also hunderten Hektar. Nach den Bränden im Norden klingt das nicht nach Marketing.
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