Wenn nach der Anspannung die Erschöpfung kommt
von Alexandra
Es gibt Zeiten im Leben, in denen wir selbst darüber erstaunt sind, wie viel wir eigentlich aushalten können. Wir stehen morgens auf, obwohl die Nacht zu kurz war, treffen Entscheidungen, obwohl wir längst müde sind, kümmern uns um Menschen, die uns brauchen, lösen Probleme und versuchen, den Alltag so normal wie möglich weiterzuführen, und irgendwie gelingt uns das auch.
Vielleicht nicht immer besonders gut und vielleicht auch nicht mit der Ruhe, die wir uns wünschen würden, aber wir funktionieren, weil es in diesem Moment keine andere Möglichkeit zu geben scheint.
Erstaunlicherweise ist es jedoch oft nicht diese Zeit selbst, in der wir die Erschöpfung am stärksten spüren. Manchmal kommt sie erst später, wenn das Schlimmste vorüber ist, eine Situation sich beruhigt oder wenigstens so weit verändert hat, dass wir nicht mehr ständig reagieren müssen. Eigentlich müsste jetzt die Erleichterung kommen, und vielleicht ist sie auch da, aber gleichzeitig geschieht etwas, womit wir nicht gerechnet haben: Die Kraft, die uns durch die vergangenen Wochen oder Monate getragen hat, scheint plötzlich verschwunden zu sein.
Auf einmal sind wir müde, und zwar nicht auf eine Weise, die sich mit einer guten Nacht beheben lässt. Dinge, die normalerweise selbstverständlich sind, kosten mehr Kraft, Entscheidungen fallen schwerer, manchmal fehlt sogar die Freude an Dingen, auf die wir uns sonst gefreut hätten, und während wir uns selbst dabei beobachten, entsteht schnell die Frage, warum wir ausgerechnet jetzt so erschöpft sind. Schließlich haben wir doch gerade die schwierigere Zeit überstanden.
Vielleicht liegt genau hier ein Missverständnis, das wir über Erschöpfung haben. Wir glauben, dass sie ein Zeichen dafür ist, dass unsere Kraft nicht ausgereicht hat, obwohl sie manchmal vielmehr davon erzählt, wie lange wir stark sein mussten.
Wenn der Körper irgendwann nachholt, was die Seele aufgeschoben hat
In angespannten Zeiten stellt sich unser ganzes Leben darauf ein, durchzukommen. Wir reagieren auf das, was gerade vor uns liegt, und manches, was wir fühlen, wird für eine Weile nach hinten geschoben, nicht weil es unwichtig wäre, sondern weil andere Dinge in diesem Moment dringender sind.
Das kann erstaunlich lange funktionieren.
Wenn die äußere Anspannung dann nachlässt, bedeutet das jedoch nicht automatisch, dass auch unser Inneres sofort zur Ruhe kommt. Der Körper kann still auf dem Sofa sitzen, während die Gedanken weiterhin auf Hochtouren laufen.
Deshalb ist eine Pause nicht immer dasselbe wie Ruhe.
Ich glaube, wir müssen manchmal tatsächlich wieder lernen, zur Ruhe zu kommen, und das kann erstaunlich anstrengend sein, wenn man über längere Zeit daran gewöhnt war, immer wachsam zu bleiben. Eine halbe Stunde nichts zu tun hilft wenig, wenn wir diese halbe Stunde damit verbringen, innerlich alle Probleme unseres Lebens zu sortieren. Ruhe kann deshalb bedeuten, sich ganz bewusst für eine gewisse Zeit aus diesem Gedankenstrom herauszunehmen, das Handy wegzulegen, nicht noch schnell etwas zu erledigen und auch nicht jede Sorge zu Ende denken zu müssen.
Das klingt einfacher, als es ist, denn gerade Sorgen haben die unangenehme Eigenschaft, immer wieder zurückzukommen. Wir spielen Möglichkeiten durch, führen imaginäre Gespräche und überlegen zum zehnten Mal, was passieren könnte, obwohl wir längst wissen, dass wir im Moment überhaupt nichts an der Situation ändern können.
Manchmal hilft es dann, einen Gedanken ganz bewusst zu unterbrechen und sich zu sagen: Darüber denke ich jetzt nicht weiter nach. Nicht weil das Problem verschwunden wäre und auch nicht, weil wir etwas verdrängen wollen, sondern weil nicht jeder Gedanke zu jeder Tageszeit unsere Aufmerksamkeit bekommen muss.
Wir dürfen uns erlauben, unseren Blick auf etwas anderes zu richten, nach draußen zu gehen, Musik zu hören, mit jemandem zusammenzusitzen, bei dem wir nichts erklären müssen, etwas zu tun, das uns Freude macht, oder uns bewusst daran zu erinnern, was trotz allem noch gut ist. Das Schwierige wird dadurch nicht weniger wahr, aber es bekommt auch nicht das Recht, alles andere zu überdecken.
Vielleicht ist gerade das etwas, das wir in belastenden Zeiten leicht verlieren: die Erlaubnis, Schönes wahrzunehmen, obwohl gleichzeitig Schweres da ist.
Wir sprechen heute viel über Selbstfürsorge, und trotzdem fällt sie vielen Menschen schwer, besonders denen, die es gewohnt sind, Verantwortung zu übernehmen. Solange noch jemand etwas braucht, solange irgendwo eine Aufgabe wartet oder wir wissen, dass andere Menschen ebenfalls Schwierigkeiten haben, scheint es beinahe egoistisch, sich selbst eine Pause zu erlauben.
Dabei muss es gar nichts Großes sein. Entscheidend ist vielleicht weniger, was wir tun, als die Frage, ob wir uns dabei tatsächlich erlauben, dass etwas einfach nur guttun darf.
Denn selbst aus Erholung können wir erstaunlich schnell wieder Leistung machen. Wir gehen nicht einfach spazieren, sondern müssen eine bestimmte Anzahl Schritte erreichen, wir laufen nicht, weil die Bewegung unserem Körper guttut, sondern brauchen plötzlich eine bessere Zeit, und aus etwas, das uns eigentlich entlasten sollte, entsteht unbemerkt die nächste Erwartung an uns selbst.
Vielleicht müssen wir deshalb nicht nur lernen, weniger zu tun, sondern auch wieder Dinge zu tun, die keinen anderen Zweck erfüllen, als dass sie uns guttun.
Eine Geschichte aus der Bibel beschäftigt mich in diesem Zusammenhang besonders, weil sie so wenig zu dem Bild passt, das wir manchmal von starken Glaubensmenschen haben.
In 1. Könige 18 erlebt Elia auf dem Berg Karmel einen der eindrucksvollsten Momente seines Lebens. Gott zeigt sich machtvoll, Elia erlebt Dinge, von denen andere Menschen wahrscheinlich ihr Leben lang erzählen würden, und eigentlich müsste man meinen, dass ein Mensch nach einer solchen Erfahrung kaum noch zu erschüttern ist.
Doch nur kurze Zeit später finden wir denselben Elia auf der Flucht.
Isebel bedroht sein Leben, er geht in die Wüste und setzt sich schließlich unter einen Ginsterstrauch. Dort kommt dieser Mann, der kurz zuvor noch so mutig vor einem ganzen Volk gestanden hat, an einen Punkt, an dem er nur noch sagen kann: „Es ist genug.“
Was mich an dieser Geschichte immer wieder berührt, ist nicht nur Elias Erschöpfung, sondern vor allem die Reaktion Gottes darauf.
Gott hält ihm nicht vor, was er gerade auf dem Karmel erlebt hat, und fragt ihn auch nicht, wie sein Glaube innerhalb so kurzer Zeit so klein werden konnte. Er erinnert ihn nicht daran, dass er als Prophet eigentlich stärker sein müsste, und er beginnt auch nicht sofort damit, ihm seinen nächsten Auftrag zu erklären.
Elia schläft, und als ein Engel ihn weckt, stehen Brot und Wasser für ihn bereit. Er isst, trinkt und legt sich anschließend wieder hin, und Gott lässt ihn schlafen, bevor die Geschichte weitergeht.
Ich finde diesen Teil fast ebenso wichtig wie das, was später zwischen Gott und Elia geschieht, denn Gott begegnet hier einem erschöpften Menschen zunächst in seinen ganz einfachen Bedürfnissen. Elia braucht in diesem Moment keine große theologische Erklärung. Er braucht Schlaf, Nahrung, Wasser und Zeit, um wieder Kraft zu bekommen.
Erst danach geht Gott mit ihm weiter.
Vielleicht fällt es uns gerade als gläubigen Menschen manchmal besonders schwer, Erschöpfung anzunehmen, weil wir nicht nur Erwartungen an uns selbst haben, sondern diese Erwartungen unbewusst auch mit unserem Glauben verbinden.
Wir möchten vertrauen, für andere da sein und unseren Glauben nicht nur mit Worten, sondern auch mit unserem Leben zeigen. Daran ist zunächst nichts falsch.
Problematisch wird es dort, wo wir beginnen zu glauben, dass Gott mit uns zufriedener ist, wenn wir funktionieren, und dass unsere Erschöpfung deshalb auch etwas über die Qualität unseres Glaubens aussagt.
Dann kommt zu der Müdigkeit noch das schlechte Gewissen hinzu. Eigentlich müsste ich mehr beten. Ich müsste Gott stärker vertrauen. Ich dürfte mir nicht so viele Sorgen machen. Andere schaffen schließlich auch viel. Vielleicht muss ich mich einfach ein bisschen mehr zusammenreißen.
Doch genau das sehe ich in der Geschichte Elias nicht.Gott verlangt von Elia nicht zuerst mehr Glauben, sondern gibt ihm, was er braucht.
Wir dürfen uns deshalb selbst die Frage stellen, ob wir Gott manchmal Eigenschaften zuschreiben, die viel mehr mit unserem eigenen Leistungsdenken zu tun haben als mit seinem Wesen. Glauben wir, dass wir ihm beweisen müssen, wie belastbar wir sind? Glauben wir, dass Ruhe erst dann erlaubt ist, wenn alles erledigt wurde? Oder können wir annehmen, dass Gott uns auch dann nahe ist, wenn wir gerade nichts vorzuweisen haben?
Jesus sagt in Matthäus 11,28: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“
Er spricht nicht zu Menschen, die ihre Last bereits erfolgreich getragen haben, sondern zu denen, die noch darunter stehen.
Wenn wir erschöpft sind, suchen wir oft nach einer großen Lösung, obwohl es manchmal sinnvoller wäre, zunächst zu den einfachen Dingen zurückzukehren. Wie schlafe ich eigentlich? Esse und trinke ich ausreichend? Bewege ich mich? Gibt es Zeiten, in denen mein Kopf nicht ständig mit Nachrichten, Sorgen und neuen Informationen gefüllt wird? Gibt es Menschen, denen gegenüber ich ehrlich sagen kann, dass es mir gerade zu viel ist?
Auch die Frage, womit wir unsere Gedanken füllen, gehört für mich dazu. Gerade wenn Sorgen immer wieder dieselben Wege in unserem Kopf gehen, kann es hilfreich sein, einige Bibelverse so gut zu kennen, dass sie uns auch dann einfallen, wenn wir selbst gerade keine großen Worte mehr finden. Nicht als schnelle Antwort auf jedes Problem und schon gar nicht als Versuch, schwierige Gefühle wegzubeten, sondern als Erinnerung daran, dass unsere momentane Wahrnehmung nicht die ganze Wirklichkeit ist.
Gott ist noch da, auch wenn ich ihn gerade nicht deutlich spüre. Meine Kraft entscheidet nicht darüber, ob er mich trägt, und meine Erschöpfung bedeutet nicht, dass ich meinen Glauben verloren habe.
Es ist kein Zufall, dass Ruhe in der Bibel nicht erst dort auftaucht, wo Menschen erschöpft zusammenbrechen. Der Schabbat gehört von Anfang an zu Gottes Ordnung für das Leben, und damit steht mitten in der Woche eine Unterbrechung, die dem Menschen sagt: Du sollst nicht ununterbrochen arbeiten, produzieren, lösen und tragen.
Das Faszinierende daran ist, dass Ruhe damit zu einer Form des Vertrauens wird.
Denn sobald ich aufhöre, bleibt etwas liegen. Eine Aufgabe ist noch nicht erledigt, eine Nachricht noch nicht beantwortet, ein Problem noch nicht gelöst, und trotzdem entscheide ich mich für einen Moment dafür, nicht weiterzumachen.
Möglicherweise fällt uns Ruhe deshalb so schwer, weil sie uns daran erinnert, dass wir nicht unentbehrlich sind. Die Welt dreht sich weiter, während wir schlafen, und Gott hört nicht auf zu handeln, nur weil wir aufhören.
Wir sollten deshalb nicht erschrecken, wenn nach einer langen Zeit der Anspannung plötzlich die Erschöpfung kommt. Und müssen wir sie auch nicht sofort bekämpfen oder möglichst schnell wieder loswerden, damit wir endlich wieder die Menschen sein können, die wir vorher waren.
Manchmal erzählt uns die Erschöpfung etwas.
Sie erzählt davon, dass die vergangenen Wochen oder Monate viel Kraft gekostet haben, auch wenn wir diese Kraft bereitwillig gegeben haben. Sie erinnert uns daran, dass unser Körper und unsere Seele Grenzen haben und dass diese Grenzen kein Fehler in Gottes Schöpfung sind.
Und vielleicht dürfen wir dann etwas von Elia lernen, der unter diesem Baum nicht stark sein musste, bevor Gott ihm begegnete.
Manchmal brauchen wir keine neue Aufgabe, keinen besseren Plan und auch keine besonders geistliche Antwort. Manchmal brauchen wir zunächst Schlaf, gutes Essen, Bewegung, Stille, einen Menschen an unserer Seite und die Erlaubnis, nicht alles heute lösen zu müssen.
Und es ist gerade in solchen Zeiten gut, sich daran zu erinnern, dass Gott nicht erst auf uns wartet, wenn wir wieder voller Kraft aufstehen.
Er ist auch für uns unter dem Ginsterstrauch.
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