Von Fulda nach Jerusalem: Israel ehrt einen deutschen Quantenpionier und zwei israelische Spitzenmathematiker

Geboren in Fulda, aufgewachsen bei Schlüchtern und heute einer der führenden Quantenphysiker der Welt: Immanuel Bloch gehört zu den Trägern des israelischen Wolf-Preises 2026. Mit ihm werden internationale Spitzenforscher ausgezeichnet, darunter zwei Mathematiker der Hebräischen Universität Jerusalem und der Universität Tel Aviv.

Von Osthessen bis zu einem der angesehensten Wissenschaftspreise Israels ist es ein ungewöhnlicher Weg. Immanuel Bloch wurde 1972 in Fulda geboren und wuchs in einem kleinen Dorf bei Schlüchtern auf. Heute ist er Professor für Experimentalphysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Direktor am Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching. Die Wolf Foundation gab die Preisträger am 1. Oktober in der Residenz von Staatspräsident Isaac Herzog in Jerusalem bekannt. Bloch teilt sich den Wolf-Preis für Physik mit dem amerikanischen Physiker Jun Ye. Gewürdigt werden beide für ihre bahnbrechenden Fortschritte bei der Kontrolle ultrakalter Atome, mit denen sich Vorgänge der Quantenwelt mit bislang kaum erreichbarer Genauigkeit steuern lassen.

Atome fast bis zum Stillstand

Was Bloch erforscht, klingt zunächst weit entfernt vom Alltag. In seinen Experimenten werden Atome auf Temperaturen extrem nahe am absoluten Nullpunkt heruntergekühlt. Anschließend lassen sie sich mit Laserlicht gezielt anordnen und beobachten. Das Besondere daran: Auf diese Weise können Forscher komplizierte Quantensysteme im Labor nachbauen. Solche Systeme bestehen aus vielen Teilchen, die miteinander wechselwirken. Schon bei relativ wenigen Teilchen werden ihre Vorgänge derart komplex, dass selbst leistungsfähige klassische Computer schnell an Grenzen stoßen.

Blochs Ansatz besteht deshalb darin, die Natur gewissermaßen selbst rechnen zu lassen. Die ultrakalten Atome dienen als kontrollierbares Modell für andere Quantensysteme. Damit lassen sich beispielsweise Eigenschaften neuer Materialien oder grundlegende physikalische Prozesse untersuchen. Diese sogenannte Quantensimulation gehört heute zu den wichtigsten Forschungsfeldern der modernen Physik. Sein Mitpreisträger Jun Ye vom amerikanischen Forschungsinstitut JILA in Boulder hat auf derselben Grundlage optische Atomuhren von außergewöhnlicher Präzision entwickelt.

Angefangen hat alles bei Schlüchtern

Blochs Weg dorthin begann weit entfernt von großen internationalen Forschungszentren. Die Wolf Foundation beschreibt seine Kindheit in einem kleinen Ort bei Schlüchtern, an den sich Bloch selbst als einen Ort mit „mehr Kühen als Menschen“ erinnert. Sein Vater war Chemiker, seine Mutter Lehrerin. Schon früh interessierte er sich für Computer, Elektronik und Naturwissenschaften. Während eines Schülerjobs bei einem Unternehmen für Messtechnik entdeckte er, dass ihn besonders die Verbindung aus praktischem Experimentieren, Technik und grundlegenden wissenschaftlichen Fragen reizte. Die Physik bot ihm genau diese Mischung. Später führte sein Weg nach München zu Nobelpreisträger Theodor Hänsch, bei dem er promovierte. Heute zählt Bloch international zu den prägenden Köpfen der Quantensimulation.

Zwei große Namen der Mathematik aus Israel

Auch der diesjährige Wolf-Preis für Mathematik hat einen starken Israel-Bezug. Ausgezeichnet werden David Kazhdan von der Hebräischen Universität Jerusalem und Joseph Bernstein von der Universität Tel Aviv. Beide wurden Mitte der 1940er-Jahre in Moskau geboren und entwickelten sich zu international führenden Mathematikern, bevor sie schließlich in Israel ihre wissenschaftliche Heimat fanden.

Joseph Bernstein kam bereits als Jugendlicher mit der Welt der mathematischen Wettbewerbe in Berührung. Mit 17 Jahren gewann er eine Goldmedaille bei der Internationalen Mathematik-Olympiade, noch bevor er sein Studium an der Moskauer Staatsuniversität begann. Seine späteren Arbeiten prägten unter anderem die Darstellungstheorie, die Theorie der automorphen Formen und die algebraische Geometrie. Nach Jahren in den USA wanderte er 1993 nach Israel ein.

David Kazhdans Einstieg in die Mathematik war dagegen eher ungewöhnlich. Als Elfjähriger wollte er einen Tag pro Woche nicht zur Schule gehen. Seine Eltern verlangten dafür eine sinnvolle Beschäftigung. Schach überzeugte sie nicht, Mathematik dagegen schon. Er begann mit seinem Großvater zu lernen und machte schnell Fortschritte. Jahrzehnte später trägt ein grundlegendes mathematisches Werkzeug seinen Namen: die gemeinsam mit George Lusztig entwickelte Kazhdan-Lusztig-Theorie. Die Wolf Foundation würdigt Bernstein und Kazhdan für Arbeiten, die unterschiedliche Bereiche der modernen Mathematik miteinander verbunden und wesentlich zur Entwicklung der geometrischen Darstellungstheorie beigetragen haben.

Ein Preis aus Israel mit internationalem Gewicht

Der Wolf-Preis wird seit 1978 an herausragende Wissenschaftler und Künstler aus aller Welt verliehen. In den Naturwissenschaften umfasst er Physik, Chemie, Medizin, Mathematik und Landwirtschaft. Pro Fachgebiet ist er mit 100.000 US-Dollar dotiert, die bei mehreren Preisträgern geteilt werden. In diesem Jahr gehen die Auszeichnungen außerdem an drei Chemiker sowie an den Mediziner Charles Zuker von der Columbia University. Die Preisträger werden von internationalen Fachkommissionen ausgewählt, die feierliche Verleihung übernimmt traditionell der israelische Staatspräsident in der Knesset.

Damit verbindet der Preis zwei Dinge: internationale Spitzenforschung und Israel als Wissenschaftsstandort. In diesem Jahr wird diese Verbindung besonders sichtbar. Zwei der ausgezeichneten Mathematiker forschen an israelischen Universitäten, und der Weg eines der Physikpreisträger begann in Fulda und einem kleinen Ort bei Schlüchtern. Von dort führte Immanuel Bloch seine Begeisterung für Physik bis an die Spitze der internationalen Quantenforschung. Der nächste bedeutende Halt auf diesem Weg ist Jerusalem: Die Preise sollen im Juni 2027 in der Knesset überreicht werden.

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