Klartext statt Diplomatie: Warum Netanyahus UN-Rede für Israel so wichtig war

Mehr als hundert Delegierte verließen demonstrativ den Saal, noch bevor Ministerpräsident Benjamin Netanyahu am Donnerstag sein erstes Wort vor der UN-Vollversammlung gesprochen hatte. Netanyahu ließ sich davon nicht beirren: „Wenn noch andere moralische Feiglinge diesen Saal nicht verlassen haben, bitte tun Sie es jetzt“, sagte er zur Eröffnung. Von der Galerie antworteten seine Unterstützer mit dem hebräischen Ruf „Am Israel Chai“, das Volk Israel lebt. Bemerkenswert: Die Vereinigten Arabischen Emirate, einer der engsten arabischen Partner Israels, blieben im Saal.

Was folgte, war eine rund 40-minütige Rede, die in Israel live zur besten Sendezeit auf allen vier großen Fernsehsendern übertragen wurde. Nach einer Woche voller Anschuldigungen gegen Israel von eben diesem Podium aus, wie berichtet, lieferte sie eine deutliche Antwort. Netanyahu erinnerte zu Beginn an seine Rede vor 14 Jahren, in der er die Welt aufgefordert hatte, eine iranische Atombombe zu verhindern: „Genau das haben wir getan.“ Die Jahre seit dem 7. Oktober beschrieb er als Krieg an sieben Fronten.

Katar und die Türkei beim Namen genannt

Netanyahu nannte zwei Staaten ausdrücklich, die seit Jahren gegen Israel Stimmung machen. Katar gebe seit Jahren Milliarden für amerikanische Universitäten und den Sender Al Jazeera aus, um „junge Köpfe einer Gehirnwäsche zu unterziehen“, damit sie Israel, Amerika und den Westen hassen. Das Emirat beherbergt seit Jahren die politische Führung der Hamas. Doha wies die Vorwürfe umgehend zurück.

Noch deutlicher wurde er gegenüber dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der zwei Tage zuvor Gaza an derselben Stelle als „Konzentrationslager“ bezeichnet hatte. Erdoğan sei ein „Tyrann“, der ebenfalls Hamas-Führer beherberge, Tausende kurdische Zivilisten getötet habe, den Völkermord an den Armeniern leugne, Tausende Journalisten inhaftiert habe, Nordzypern illegal besetze und regelmäßig in griechisches Gebiet eindringe. „Er ruft fast jeden Tag zur Zerstörung Israels auf. Er sagt, er werde der Herrscher Jerusalems sein. Nein, mein Herr, das werden Sie nicht. Es ist unsere Stadt.“

„Israel hat einen Völkermord verhindert“

Dem Völkermordvorwurf, der in dieser Woche von mehreren Rednern erhoben worden war, trat Netanyahu entschieden entgegen. Er nannte ihn die „größte Lüge des Jahrhunderts“: „Israel hat keinen Völkermord begangen. Israel hat einen Völkermord verhindert.“ Genau das hätte die Hamas mit den Juden getan, hätte sie gekonnt. Er verwies auf Impfungen und Lebensmittel, die Israel nach Gaza gelassen habe, und würdigte die Soldaten der Armee, „Juden, Muslime, Christen, Drusen“, als „moralischste Armee der Welt“. An die Ankläger gewandt sagte er: „Schämen Sie sich.“

Den westeuropäischen Regierungen, die Sanktionen gegen Siedlungen vorantreiben, hielt er vor, vor „antisemitischen Mobs“ einzuknicken. Europa stehe vor der Wahl zwischen der „Bruderschaft der Demokratien“ und der Muslimbruderschaft.

Die Antwort an Macron

Besonders eindrücklich war Netanyahus Replik auf Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron, der in derselben Woche behauptet hatte, die Hamas sei in Judäa und Samaria nicht aktiv. Netanyahu erinnerte an Netanel Schakron, einen auch französischen Staatsbürger, der am Sonntag, Stunden vor Jom Kippur, bei einem Anschlag an der Ein-Riya-Quelle ermordet wurde, wie berichtet. Der Täter ist nach Ermittlungsangaben ein Hamas-Aktivist. Zugleich stellte Netanyahu klar, er werde Selbstjustiz radikaler Siedler nicht dulden und habe den Inlandsgeheimdienst Schin Bet darauf angesetzt.

Netanyahu sprach auch über den Reservisten Neria Leiter, Sohn von Israels Botschafter in Washington, Yechiel Leiter, der am Mittwoch beim Anschlag mit einem Fahrzeug am Maccabim-Checkpoint schwer verletzt wurde: „Er kämpft gerade in einem Jerusalemer Krankenhaus um sein Leben.“ Er zitierte einen Beitrag Nerias: „Wir haben kein anderes Land. Und es ist ein Privileg, es zu verteidigen.“

Mamdani und die Sicherheit der Juden in New York

Mehrere Passagen widmete Netanyahu dem New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani, der ihn als Kriegsverbrecher bezeichnet und im Wahlkampf seine Festnahme angekündigt hatte, wie berichtet. „Seit Sie zum Bürgermeister gewählt wurden, fühlen sich viele Juden in New York nicht mehr sicher“, sagte Netanyahu. Er warf Mamdani vor, einen palästinensischen Journalisten empfangen zu haben, der Aufnahmen von Hamas-Terroristen, die israelische Geiseln misshandelten, nach eigener Aussage zurückhielt, und verwies darauf, dass Mamdanis Ehefrau einen Beitrag mit „Gefällt mir“ markiert habe, der das Massaker vom 7. Oktober lobte. „Sie können mich nicht zum Schweigen bringen. Sie können die Wahrheit nicht zum Schweigen bringen.“ Mamdani wies die Vorwürfe zurück.

Wo waren die Demonstranten?

Den Demonstranten vor dem UN-Gebäude und weltweit hielt Netanyahu vor, zu schweigen, wenn es nicht um Israel geht: Wo seien sie gewesen, als das iranische Regime zu Jahresbeginn Zehntausende eigene Bürger bei Protesten tötete? Sie stünden auch nicht auf, wenn christliche Minderheiten aus dem Nahen Osten fliehen müssen, und hätten geschwiegen, als die christliche Bevölkerung Bethlehems nach der Übernahme durch die Palästinensische Autonomiebehörde in den 1990er-Jahren drastisch schrumpfte. In Israel dagegen, so Netanyahu, wachse die christliche Gemeinschaft.

Iran, Pager und Starlink

Wie gewohnt setzte Netanyahu auch auf Symbole. Er hielt einen Pager hoch, als Erinnerung an die Hisbollah an die Operation vom September 2024, und ein Starlink-Terminal, das er der iranischen Delegation überlassen wolle, damit ihre Mitglieder nach dem „unvermeidlichen Überlaufen“ ihre Geschichte erzählen könnten. „Die Macht des Volkes wird die Mächtigen besiegen“, sagte er über den Iran. Präsident Trump dankte er für seine „mutige Führung“: Israel und Amerika hätten gemeinsam gehandelt, „nicht nur um uns zu schützen, sondern um die Zivilisation zu retten“.

Nach innen richtete Netanyahu, gut einen Monat vor der Knesset-Wahl, einen Appell zur Einheit: Israelis seien „eine Nation, die für eine Zukunft kämpft“. Unterschiede gebe es, „aber in den entscheidenden Momenten stehen wir zusammen“.

Einordnung: Warum die Rede zählt

In einer Woche, in der Israel vom UN-Podium aus mit Begriffen wie „Völkermord“ und „Konzentrationslager“ überzogen wurde, war Netanyahus Auftritt die Stimme, die Israels Sicht ohne Abstriche vor der Weltgemeinschaft vertrat. Er benannte die Verantwortung der Hamas, die Rolle Katars und der Türkei und die Opfer des Terrors, Themen, die in vielen Reden der vergangenen Tage kaum vorkamen. Seinen Schluss widmete er der 3.000-jährigen Geschichte des jüdischen Volkes: „Über die Jahrhunderte sind die Tyranneien, die uns vernichten wollten, immer wieder gescheitert, und so Gott will, werden sie weiter scheitern.“

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