Ein General aus Eilat, der Netanyahu gefährlich wird
Zehn Wochen vor der Wahl führt in Israel ein Mann die Umfragen an, den bis vor einem Jahr kaum jemand auf der Liste hatte. Gadi Eisenkot, 66 Jahre alt, 41 Jahre Soldat, vier Jahre Generalstabschef, seit knapp einem Jahr Parteivorsitzender. Seine Partei Yashar liegt bei 23 bis 24 Mandaten, der Likud bei 21. In der Frage, wer besser als Ministerpräsident geeignet wäre, führt er zweistellig.
Wer ist dieser Mann, und was würde sich ändern, wenn er das Amt bekäme?
Ein Leben, das nicht ins Klischee passt
Eisenkot wurde 1960 in Tiberias geboren und wuchs in Eilat auf, in der Peripherie also, weit weg von den Eliten Tel Avivs. Seine Familie stammt aus Marokko. Er studierte zunächst Seefahrt, ging dann zur Golani-Brigade, jener Infanterieeinheit, die in Israel als Truppe der einfachen Leute gilt.
Von dort führte der Weg nach oben, Stufe für Stufe: Kommandeur der Golani-Brigade, Militärsekretär des Ministerpräsidenten, Kommandeur der Division Judäa und Samaria, Chef der Einsatzdirektion, Kommandeur des Nordkommandos, stellvertretender Generalstabschef und schließlich von 2015 bis 2019 der 21. Generalstabschef der IDF. Dazwischen Geschichtsstudium in Tel Aviv, Politikwissenschaft in Haifa, und die Kriege: Libanon 1982, die Jahre im Südlibanon, der Libanonkrieg 2006, die Gaza-Operationen.
Diese Biografie erklärt einen Teil seines politischen Reizes. Ein Mizrachi aus der Peripherie, der es bis an die Spitze der Armee brachte, spricht Wähler an, die traditionell dem Likud zugerechnet werden. Genau darin liegt für Netanyahu die Gefahr.
Der Verlust, der alles veränderte
Im Dezember 2023 fiel Eisenkots jüngster Sohn Gal im Gazastreifen, 25 Jahre alt. Wenige Tage zuvor war bereits sein Neffe Maor gefallen.
Eisenkot sagt selbst, der Verlust seines Sohnes habe ihn dazu gebracht, politisch zu handeln. Am Gedenktag im April dieses Jahres sprach er darüber: „Man muss Kraft sammeln, gute Gründe suchen, um ein normales Leben weiterzuführen. Ich verstehe, dass man die Uhr nicht zurückdrehen kann.“
Zum Zeitpunkt des Todes seines Sohnes saß er im Kriegskabinett. Im Oktober 2023 war er als Minister ohne Geschäftsbereich in die Notstandsregierung eingetreten, gemeinsam mit Benny Gantz. Im Juni 2024 traten beide zurück und warfen Netanyahu vor, keine Ausstiegsstrategie zu haben. Im Juni 2025 verließ Eisenkot auch Gantz‘ Partei und die Knesset, mit deutlicher Kritik daran, wie dort Kandidatenlisten zustande kommen. Im September 2025 gründete er Yashar.
Was er vorhat
Beim Wahlkampfauftakt Ende Juni in Hod Hascharon präsentierte er ein Programm, das von Fachleuten seiner Partei ausgearbeitet wurde. Die Kernpunkte:
Wehrdienst. Ein nationales Dienstgesetz soll Ultraorthodoxe und Araber in Armee oder Zivildienst einbinden. Hier ist Eisenkot am kompromisslosesten: „Ich treffe mich mit ultraorthodoxen Abgeordneten und sage ihnen, dass es eine Frage gibt, bei der es keinen Kompromiss geben wird, auch nicht um den Preis von Neuwahlen.“ Ausnahmen sollen nur drei Prozent eines Jahrgangs erhalten, herausragende Begabungen in Tora, Wissenschaft, Musik und Sport.
Reservedienst. Eine Obergrenze von 50 Tagen im Jahr. Nach fast drei Jahren Krieg, in denen Reservisten hunderte Tage dienten, zielt das auf jene Bevölkerungsgruppe, die die Hauptlast getragen hat.
Bildung. Der wohl weitreichendste Punkt. Eisenkot will binnen drei bis vier Jahren das gesamte Bildungswesen in das staatliche System überführen. „Die ultraorthodoxe Bildung wird in diesen Rahmen eintreten müssen.“ Das rührt an ein Fundament der israelischen Gesellschaftsordnung.
Untersuchungskommission. Sofort nach Amtsantritt eine staatliche Untersuchungskommission zum 7. Oktober. Genau das verhindert die amtierende Regierung seit fast drei Jahren.
Dazu: Wiederaufbau des Nordens und des Südens, Versorgung der körperlich und seelisch Verwundeten, Senkung der Lebenshaltungskosten, Rückkehr abgewanderter Fachkräfte.
Das größte Missverständnis
Hier ist eine Klarstellung nötig, gerade für Leser in Deutschland und der Schweiz. Eisenkot tritt gegen Netanyahu an, wird als Mitte-links eingeordnet und gilt manchen deshalb als Friedenskandidat. Das trifft nicht zu.
Eisenkot lehnt die Zweistaatenlösung ab und hat wiederholt erklärt, wer von einem raschen Frieden und zwei Staaten spreche, verstehe den Konflikt nicht. Er bekennt sich zur Besiedlung in Judäa und Samaria. Im April bereiste er Ortschaften im nördlichen Samaria, was ihm Kritik aus dem linken Lager eintrug.
Seine Position ist die der Trennung, nicht der Zweistaatenlösung: eine dauerhafte jüdische Mehrheit sichern, ohne einen palästinensischen Staat zu schaffen.
Die Bruchlinie zwischen Eisenkot und Netanyahu verläuft also nicht dort, wo europäische Beobachter sie vermuten. Sie verläuft im Inneren: Wehrpflicht, Bildung, Regierungsführung, Rechtsstaat, und der Umgang mit dem 7. Oktober.
Wer mit ihm käme
Aufschlussreich ist die Mannschaft, die er versammelt hat, denn sie sagt etwas über die geplante Regierung.
Shaul Meridor, früherer Leiter der Haushaltsabteilung im Finanzministerium, verantwortet Wirtschaft und Lebenshaltungskosten. Yoram Cohen, ehemaliger Chef des Schin Bet, die innere und äußere Sicherheit. Matan Kahana, religiöser Zionist und einst Religionsminister unter Bennett, das Bildungswesen. Orit Farkash-Hacohen, amtierende Abgeordnete, Einwanderung und Abwanderung. Inbar Harusch-Giti, die zuvor eine Behörde zur Eingliederung Ultraorthodoxer leitete, das Dienstgesetz.
Das ist kein Lager, sondern eine Zusammenstellung von Fachleuten aus verschiedenen Milieus. Eisenkot bestimmt die Kandidatenliste selbst, ohne Vorwahlen, was ihm Kritik einbringt, ihm aber die Zusammensetzung erlaubt, die er für sinnvoll hält.
Die schwierige Arithmetik
Und hier beginnt das eigentliche Problem. Umfragen sehen das Oppositionslager bei 57 bis 60 Sitzen, die Koalition bei 48 bis 51, die arabischen Parteien bei zehn bis elf. Zur Mehrheit von 61 fehlt beiden Lagern etwas.
Eine Regierung Eisenkot bräuchte mindestens Bennett und Lapid, dazu Liberman, die Demokraten und womöglich kleinere Listen. Rechnerisch reicht das knapp, wenn keine Splitterpartei an der Sperrklausel scheitert. Politisch bedeutet es Verhandlungen mit Partnern, die beim Wehrdienstgesetz härtere Positionen vertreten als er selbst. Bennett warf ihm vergangene Woche vor, mit Ausnahmen, Ausschüssen und Rahmenwerken zu beginnen: „Wir waren alle schon dort und wissen aus Erfahrung, wie das endet: mit nichts.“
Die zweite offene Frage betrifft die arabischen Parteien. Ohne sie wird eine Mehrheit schwierig, mit ihnen wird sie innenpolitisch angreifbar. Eisenkot hat sich hier noch nicht festgelegt.
Ein Umfrageergebnis zeigt allerdings, wie sehr sich die Stimmung gedreht hat: 83 Prozent der Wähler lehnen eine Beteiligung ultraorthodoxer Parteien an der nächsten Koalition ab, nur acht Prozent befürworten sie.
Was sich ändern würde
Sollte Eisenkot Ministerpräsident werden, wären drei Veränderungen unmittelbar spürbar.
Erstens der Ton. Sein Wahlkampfmotto lautet, er wolle „für alle Israelis regieren“. Über die amtierende Regierung sagte er: „Das ist eine Führung, der die Worte Verantwortung und persönliches Vorbild fremd sind. Es ist eine Führung, die lügt.“ Er verspricht, die Spaltung zu beenden, deren Bewirtschaftung er Netanyahu vorwirft.
Zweitens die Aufarbeitung. Eine staatliche Untersuchungskommission zum 7. Oktober würde erstmals unabhängig klären, wie das Massaker möglich wurde, mit allen Folgen für die politische und militärische Führung. Auch für Eisenkot selbst, der lange an der Spitze der Armee stand.
Drittens das Verhältnis zu den Ultraorthodoxen. Wehrdienst und staatliches Bildungssystem berühren einen Grundkonsens, der seit Ben-Gurion trägt. Eisenkot sagt, er sei bereit, dafür eine Regierung fallen zu lassen.
Was sich dagegen wenig ändern dürfte: die Haltung zu einem palästinensischen Staat, die Sicherheitsdoktrin gegenüber dem Iran, die Präsenz in Judäa und Samaria.
Am 27. Oktober wird gewählt. Zehn Wochen sind in der israelischen Politik eine lange Zeit, und Umfragen sind keine Ergebnisse. Aber zum ersten Mal seit Jahren gibt es einen Herausforderer, dessen Biografie genau jene Wähler erreicht, auf die Netanyahu sich immer verlassen konnte.
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