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23 Jul 2026

Ohne Israel entschieden: Wie das Atomabkommen mit Saudi-Arabien Jerusalem an den Rand drängt

In Riad wird gefeiert, in Jerusalem schrillen die Alarmglocken. Während saudische Zeitungen das neue Nuklearabkommen mit den USA als „historisch“ bejubeln, eine 30-jährige Partnerschaft, die dem Königreich den Weg zur eigenen Urananreicherung öffnet, wächst in Israel eine Sorge, die über die technischen Details hinausreicht: die Sorge, bei einer Entscheidung übergangen worden zu sein, die die eigene Sicherheit auf Jahrzehnte prägt.

Ein Abkommen ohne Gegenleistung und ohne Schutzstandard

Das Abkommen selbst markiert einen Bruch mit bisheriger amerikanischer Politik. Es verzichtet auf den sogenannten Goldstandard, jene strikten Auflagen, die ein ziviles Nuklearprogramm von militärischer Nutzung fernhalten sollen und die zuvor etwa die Emirate akzeptiert hatten. Unter der Vorgängerregierung war saudische Nuklearkooperation stets an ein zweites Ziel gekoppelt: die Anerkennung Israels. Nach dem 7. Oktober rückte diese Aussicht in weite Ferne, und Präsident Trump entkoppelte beide Fragen endgültig. Saudi-Arabien bekommt sein Atomprogramm nun ohne Normalisierung mit Jerusalem.

Die Warnung des Fachmanns: „Der Uhrzeiger lässt sich nicht zurückdrehen“

Besonders eindringlich äußert sich der frühere hochrangige Sicherheitsbeamte und Nuklearexperte Avner Vilan. Sein zentraler Punkt: Anreicherungstechnologie sei grundsätzlich doppelt nutzbar. Dieselben Zentrifugen, die niedrig angereicherten Reaktorbrennstoff produzieren, könnten nach einer technischen Umstellung und einer politischen Entscheidung waffenfähiges Material liefern. Das bedeute nicht, dass Saudi-Arabien morgen eine Bombe baue, wohl aber, dass es sich künftig deutlich schneller das Wissen, die Infrastruktur und die Lieferketten dafür aneignen könne.

Die eigentliche Gefahr liege nicht darin, dass Riad über Nacht zum nuklearen Gegner werde, sondern darin, dass im Nahen Osten eine neue Legitimität für nukleare Schwellenfähigkeiten entstehe. Vilan erinnert daran, dass Nuklearpolitik nicht allein auf die Beziehung zum gegenwärtigen Machthaber gebaut werden dürfe: Anreicherungsfähigkeit bleibe über Jahrzehnte bestehen, während Regime, Bündnisse und Interessen wechselten. Ein weiterer Punkt trifft besonders wund: sein Hinweis auf den Iran. Es werde extrem schwer, von Teheran null Anreicherung zu verlangen, wenn Washington Riad einen legitimen Weg zur selben Technologie eröffne. Als Mindestsicherung fordert er die volle Anwendung des Zusatzprotokolls der Atomenergiebehörde, durchgehende Kontrolle des gesamten Brennstoffkreislaufs und einen amerikanischen Mechanismus, der Riad die eigenständige Kontrolle über die Technologie verwehrt. Doch selbst er räumt ein: Aufsicht könne warnen und Hindernisse schaffen, aber einmal erworbenes Wissen lösche sie nicht mehr. Ist die Infrastruktur erst da, lasse sich der Uhrzeiger nicht zurückdrehen.

Die Opposition, geeint in der Sache, gespalten im Ton

Selten fällt die israelische Oppositionsfront so einhellig aus. Naftali Bennett spricht von einem „gravierenden strategischen Fehler“, der Israels Sicherheit gefährde: Was der Nahe Osten brauche, seien weniger Zentrifugen, nicht mehr. Avigdor Liberman nennt das zivile Programm eine Vorstufe zur Atomwaffe und einen „wahnsinnigen Rüstungswettlauf“ und fordert eine israelische Kampagne im US-Kongress. Yair Lapid geht weiter: Er spricht von einem „Totalversagen“, verweist auf das Emirate-Abkommen als Beweis, dass zivile Atomkraft keine eigene Anreicherung brauche, und erinnert daran, dass seine frühere Regierung mit Bennett bereit gewesen sei, einen solchen Plan notfalls auch gegen Washington zu bekämpfen. Yair Golan wirft Netanyahu vor, Israel habe unter ihm „vollständig die Fähigkeit verloren, das eigene Schicksal zu beeinflussen“, man habe es bei Iran, bei Gaza, im Libanon gesehen, und jetzt wieder bei Saudi-Arabien. Selbst der frühere Ministerpräsident Ehud Barak liest im fehlenden Normalisierungs-Junktim ein Signal: einen Vertrauensverlust zwischen Netanyahu und Trump, der Washington zunehmend ohne Rücksicht auf Jerusalems Position handeln lasse.

Vilans Fazit fasst die eigentliche Frage zusammen, jenseits von Zustimmung oder Ablehnung zu Saudi-Arabien selbst: Ist es richtig, eine weitere Anreicherungsfähigkeit in die Region zu holen, ohne klaren strategischen Gegenwert, ohne ausreichende israelische Beteiligung und ohne Mechanismen, die verhindern, dass daraus eines Tages die Grundlage einer Atomwaffe wird. Die Antwort darauf trifft Washington. Tragen muss sie am Ende die Region.

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