Wenn das Herz der Mutter mitleidet
von Alexandra
„Ich habe euch lieb und vermisse euch sehr, Mom.“
Mit diesen Worten beendet unsere Tochter jedes Telefonat. Ich lege auf, spreche noch ein kurzes Gebet und merke, wie mein Herz schwer wird.
Unsere zweitälteste Tochter dient seit einigen Monaten in der israelischen Armee. Eigentlich wollte sie nie dorthin. Sie identifiziert sich weder mit dem Land noch mit vielen Entwicklungen hier. Ihr Wunsch war ein anderer: Israel zu verlassen, zu studieren und Gott an einem anderen Ort zu dienen.
Doch das Leben verlief anders.
Sie durchlief das Auswahlverfahren mit hervorragenden Ergebnissen und erhielt eine verantwortungsvolle Position. Eigentlich etwas, worauf viele stolz wären. Doch die Verantwortung ist groß, der Druck enorm, und auch das Arbeits- und Lebensumfeld sind für sie alles andere als einfach. Rund um die Uhr ist sie von Menschen umgeben, mit denen sie sich kaum identifizieren kann.
Wenn sie anruft, höre ich oft ihre Erschöpfung. Sie erzählt von Konflikten, von Überforderung und davon, wie schwer ihr dieser Alltag fällt. Und jedes Mal spüre ich denselben Impuls: Ich möchte ihr die Last abnehmen. Ich möchte sie nach Hause holen. Ich möchte ihre Situation verändern.
Aber ich kann es nicht.
Vielleicht ist genau das eine der schwersten Lektionen des Elternseins.
Als unsere Kinder klein waren, konnten wir vieles für sie lösen. Wir verbanden aufgeschlagene Knie, schlichteten Streit und schützten sie vor mancher Enttäuschung. Das war unsere Aufgabe. Doch je älter unsere Kinder werden, desto mehr verändert sich diese Aufgabe. Wir sind nicht mehr diejenigen, die jedes Problem lösen. Wir werden zu Begleitern.
Das klingt einfacher, als es ist.
Denn Mitleid ist eine starke Kraft. Es verbindet uns mit dem Schmerz unserer Kinder. Doch wenn wir jeden Schmerz zu unserem eigenen machen, verlieren wir leicht den inneren Abstand, den wir brauchen, um ihnen wirklich helfen zu können. Aus Mitgefühl wird dann ein Mitleiden, das nicht nur unsere Kinder belastet, sondern auch uns selbst.
Ich merke das an mir. Nach jedem Telefonat kreisen meine Gedanken um ihre Situation. Ich suche nach Lösungen, die ich gar nicht herbeiführen kann. Ich würde ihre Last so gern tragen. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir bewusst: Das ist gar nicht meine Aufgabe.
Ich kann zuhören. Ich kann ihre Gefühle ernst nehmen. Ich kann ihr einen Rat geben, wenn sie ihn möchte. Ich kann sie ermutigen und für sie beten. Das ist nicht wenig – im Gegenteil. Aber ich kann ihre Entscheidungen nicht treffen und ihre Kämpfe nicht für sie kämpfen.
Gerade das muss ich als Mutter immer wieder neu lernen.
Loslassen ist kein passiver Vorgang. Es ist eine bewusste Entscheidung. Eine Entscheidung, meine Tochter Gott anzuvertrauen, obwohl mein Herz sie am liebsten vor allem bewahren würde. Es bedeutet, mitzufühlen, ohne ihren Schmerz zu meinem eigenen zu machen. Es bedeutet, an ihrer Seite zu bleiben, ohne ihr den Weg abzunehmen.
Ich glaube, das ist eine der schwierigsten Übungen des Elternseins. Nicht, weil wir unsere Kinder weniger lieben, sondern weil wir sie so sehr lieben.
Vielleicht beginnt genau hier Vertrauen: dort, wo meine Möglichkeiten enden. Ich werde auch morgen wieder mit meiner Tochter telefonieren, ihr zuhören, sie ermutigen, ihr einen Rat geben, wenn sie ihn möchte, und für sie beten. Mehr kann ich nicht tun.
Und vielleicht ist genau dieses „Mehr kann ich nicht tun“ gar kein Ausdruck von Hilflosigkeit, sondern von Vertrauen. Denn meine Tochter ist nicht nur in meinen Händen gewesen. Sie ist – auch wenn ich sie loslassen muss – immer noch in Gottes Händen.
Dabei hilft mir ein Vers, der mich in den letzten Tagen immer wieder begleitet:
„Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.“
Psalm 103,13
Gottes Erbarmen ist vollkommen. Er liebt seine Kinder unendlich, und doch nimmt er ihnen nicht jeden schweren Weg ab. Er begleitet sie, stärkt sie und bleibt an ihrer Seite. Vielleicht darf ich genau das von ihm lernen.
Mit offenem Herzen mitfühlen. Mit Weisheit begleiten. Rat geben, wenn er gefragt ist. Für sie beten, ohne aufzuhören. Und dort loslassen, wo ich nicht mehr festhalten kann.
Denn wahre Liebe hält nicht krampfhaft fest.
Sie vertraut.
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