Blog

28 Jun 2026

Neuer US-Kurs im Nahen Osten — verhandelt Washington zunehmend ohne Israel?

Die jüngsten Aussagen von US-Vizepräsident JD Vance werfen in Israel eine grundlegende Frage auf: Verfolgt Washington im Umgang mit dem Iran einen eigenen regionalen Kurs, bei dem Israel zwar informiert, aber nicht mehr automatisch eingebunden wird?

Vance erklärte in einem Interview, im Rahmen der neuen US-Iran-Gespräche werde ein direkter Deconfliction-Kanal eingerichtet. Vertreter der iranischen Revolutionsgarden und des US-Zentralkommandos CENTCOM sollen in Doha miteinander verbunden sein, um Zwischenfälle und Streitpunkte zu entschärfen. Brisant ist, dass die Revolutionsgarden in den USA offiziell als Terrororganisation eingestuft sind. Trotzdem werden sie nun als Gesprächspartner in einem militärischen Mechanismus akzeptiert.

Offen bleibt, ob der Kanal nur die Straße von Hormus betrifft oder auch den Libanon. Dort liegt die eigentliche politische Sprengkraft. In den vergangenen Tagen hatten die USA und der Iran einen Mechanismus zur Vermeidung militärischer Reibung im Libanon diskutiert, unter Beteiligung von Katar, Pakistan, dem Iran und dem Libanon. Israel wurde dabei nicht ausdrücklich genannt, obwohl die militärische Realität im Libanon vor allem den Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah betrifft.

Für Jerusalem entsteht damit ein heikler Eindruck: Die USA versuchen, den Iran in eine neue regionale Ordnung einzubinden, während Israel seine Sicherheitsinteressen nachträglich anmelden muss. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu kündigte deshalb an, eine Delegation nach Washington zu schicken, um Israels Position zur amerikanisch-iranischen Absichtserklärung und besonders zum Atomprogramm deutlich zu machen. Schon diese Ankündigung zeigt, dass Israel nicht Teil der eigentlichen Gespräche ist.

Auch die Golfstaaten sehen den neuen Kurs mit gemischten Gefühlen. Bei Gesprächen mit US-Außenminister Marco Rubio machten sie deutlich, ein dauerhaftes Abkommen mit dem Iran dürfe nicht nur das Atomprogramm behandeln. Auch Irans ballistische Raketen, Drohnen und die Unterstützung von Stellvertretern wie Hisbollah, Hamas, Huthi und irakischen Milizen müssten Teil einer endgültigen Lösung sein. Zudem fordern sie freie und uneingeschränkte Schifffahrt durch die Straße von Hormus, ohne Gebühren oder iranische Sonderrechte.

Damit treten zwei Linien der amerikanischen Politik hervor. Vance steht für den Versuch, mit Teheran direkte Kommunikationskanäle aufzubauen und Eskalationen pragmatisch zu managen. Rubio versucht zugleich, die traditionellen Partner der USA, Israel und die Golfstaaten, zu beruhigen und ihre Forderungen in den Prozess einzubringen.

Für Israel ist entscheidend, welche Linie sich durchsetzt. Behandelt Washington den Iran als notwendigen Ordnungspartner im Libanon, in Hormus und in der regionalen Sicherheitsarchitektur, verschiebt sich das Kräfteverhältnis. Dann geht es nicht mehr nur um technische Deconfliction, sondern um eine politische Neuordnung, bei der Israel nicht mehr überall am Tisch sitzt.

Noch ist das kein Bruch zwischen den USA und Israel, aber ein Warnsignal. Washington spricht mit Teheran, mit den Golfstaaten und mit Vermittlern aus Katar und Pakistan. Israel wird gehört, aber nicht zwingend beteiligt. Genau das könnte zum eigentlichen Streitpunkt der kommenden Wochen werden.

Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
Wenn du das schätzt, kannst du unsere Arbeit direkt unterstützen.
Einfach und sicher per via PayPal

Related Posts