Tel-Hai wird Universität: Mehr als 5.000 Studierende und fast 700 Millionen Schekel für den Norden

Mehr als 5.000 Studierende, neue Forschungsgebäude und eine staatliche Investition von fast 700 Millionen Schekel: Im äußersten Norden Israels hat Tel-Hai sein erstes Studienjahr als Universität begonnen. Nach 21 Jahren Planung soll die neue Hochschule in Kiryat Shmona nicht nur Forschung und Lehre stärken, sondern langfristig auch junge Menschen, Unternehmen und Arbeitsplätze nach Galiläa bringen.

Aus dem Tel-Hai Academic College ist die Tel-Hai University of Kiryat Shmona in the Galilee geworden. Am Dienstag wurde das neue akademische Jahr offiziell eröffnet, in Anwesenheit von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, Bildungsminister Yoav Kisch und Minister Ze’ev Elkin, der im Finanzministerium für den Wiederaufbau des Nordens zuständig ist. „Wir tun hier etwas Historisches“, sagte Netanyahu. Damit hat Israel seine elfte Universität und erstmals eine Universität nördlich von Haifa. Die Entscheidung dafür ist allerdings alles andere als neu. Bereits 2005 beschloss die Regierung unter Ariel Sharon, in Galiläa eine Universität aufzubauen. Im Januar dieses Jahres gab der Rat für Hochschulbildung schließlich grünes Licht.

Mehr als 5.000 Studierende

Zum ersten Studienjahr als Universität haben sich mehr als 5.000 Studierende eingeschrieben. Damit hat Tel-Hai wieder das Niveau vor dem Krieg erreicht. Im ersten Kriegsjahr mit Evakuierungen und Online-Unterricht war die Zahl auf etwa 4.400 Studierende zurückgegangen, im vergangenen Jahr waren es bereits wieder rund 4.700. Besonders interessant für die Region: Mehr als 70 Prozent der Studierenden kommen nicht aus dem östlichen Galiläa. Damit bringt die Universität jedes Jahr Tausende junge Menschen in eine Gegend, die seit Jahrzehnten darum kämpft, Studierende, gut ausgebildete Fachkräfte und junge Familien dauerhaft im Norden zu halten. Genau darin sehen die Verantwortlichen eine ihrer wichtigsten Aufgaben.

Nicht nur studieren, sondern bleiben

Eine Universität verändert eine Region nicht automatisch. Studierende können vier Jahre lernen und anschließend nach Tel Aviv, Haifa oder ins Zentrum des Landes ziehen. Tel-Hai will deshalb bewusst mehr sein als ein Ort, an dem Abschlüsse vergeben werden, und Forschung, Unternehmen und Industrie enger miteinander verbinden. Universitätspräsident Eliezer Shalev spricht von einer exzellenten Universität, die „als Anker für das Aufblühen der gesamten Region“ dienen soll.

Dafür beginnt nun eine fünfjährige Ausbauphase. In dieser Zeit soll die Zahl der Studierenden auf 8.000 steigen, die Zahl der Dozenten und Wissenschaftler soll sich von 150 auf 300 verdoppeln. Zugleich sollen neue Studiengänge hinzukommen und die Forschungsinfrastruktur deutlich erweitert werden.

Fast 700 Millionen Schekel für den Ausbau

Die Regierung begleitet die Entwicklung mit einer Investition von fast 700 Millionen Schekel. Das Geld soll unter anderem in neue akademische Programme, Forschungsinfrastruktur, Gebäude und den Ausbau des Lehrkörpers fließen. „Es gibt keinen anderen Weg, diese Region zu entwickeln, als Kiryat Shmona zu einer Universitätsstadt zu machen“, sagte Elkin.

Die Universität gliedert sich in vier große Bereiche: Sozial- und Geisteswissenschaften, Lebens- und Umweltwissenschaften, Bildung sowie Ingenieurwissenschaften und fortgeschrittene Informatik. Eine wichtige Rolle spielt dabei das mit Tel-Hai eng verbundene Forschungsinstitut MIGAL in Kiryat Shmona. Es forscht seit Jahrzehnten unter anderem zu Landwirtschaft, Biotechnologie, Ernährung und Umwelt. Die engere Verbindung soll helfen, wissenschaftliche Ergebnisse schneller in praktische Anwendungen und neue Unternehmen zu übertragen.

Neues Labor für Forschung im Norden

Erst in der vergangenen Woche kam ein weiteres Projekt hinzu. Der amerikanische Helmsley Charitable Trust stellt drei Millionen Dollar für ein neues Laborgebäude auf dem Campus in Kiryat Shmona bereit. Das dreistöckige Gebäude soll rund 3.500 Quadratmeter groß werden, bis 2028 fertig sein und Forschung in Biotechnologie, Landwirtschaft, Ingenieurwissenschaften, Ernährung und Umweltwissenschaften ermöglichen. Insgesamt hat die Stiftung Tel-Hai inzwischen mit mehr als 18 Millionen Dollar unterstützt.

Damit wird deutlich, wohin die Reise gehen soll. Tel-Hai will keine kleinere Kopie der Universitäten in Tel Aviv oder Jerusalem werden. Die Hochschule setzt vielmehr auf Themen, die eng mit der Region verbunden sind, etwa Ernährungssicherheit, nachhaltige Landwirtschaft, Ingenieurwesen und künstliche Intelligenz.

Universität als Wirtschaftsfaktor

Für Kiryat Shmona und die umliegenden Orte könnte genau das entscheidend sein. Eine Universität beschäftigt nicht nur Professoren. Sie benötigt Labortechniker, Verwaltung, IT, Handwerker, Gastronomie und zahlreiche weitere Dienstleistungen. Studierende brauchen Wohnungen, kaufen ein, gehen essen und verbringen ihre Freizeit in der Region. Wenn zusätzlich Unternehmen rund um Forschungsprojekte entstehen oder sich dort ansiedeln, kann daraus ein größerer Wirtschaftskreislauf werden.

Genau darauf setzt Tel-Hai. Die Universität will gezielt Wissenschaftler aus Israel und dem Ausland gewinnen. Nach eigenen Angaben wurden Dutzende neue Forscher eingestellt, die meisten kamen direkt von Postdoc-Stellen im Ausland zurück. „Wenn wir einen starken Lehrkörper holen, werden die Studierenden mit den Füßen abstimmen“, sagt Eyal Shimoni, stellvertretender Vizepräsident für Forschung und Entwicklung.

Ein Projekt, das 21 Jahre brauchte

Der Weg von einem regionalen College zur Universität war lang. Doch vielleicht passt gerade das zu dem Ort. Tel-Hai liegt weit entfernt von den großen akademischen Zentren des Landes, und der Norden hat drei Jahre Krieg, Raketenbeschuss und Evakuierungen hinter sich. Wer dort eine Universität aufbaut, tut das nicht, weil es der einfachste Standort ist. Die Hoffnung ist vielmehr, dass junge Menschen künftig nicht mehr automatisch ins Zentrum Israels ziehen müssen, wenn sie studieren, forschen oder ein Technologieunternehmen aufbauen wollen.

Mit mehr als 5.000 Studierenden steht im Obergaliläa nun nicht einfach ein College mit neuem Namen. Es ist der Versuch, Wissenschaft zum Motor für eine ganze Region zu machen.

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