Israelische Inhalationstherapie zeigt starke Ergebnisse bei schwerem Lungenversagen

Eine in Israel entwickelte Inhalationstherapie hat in einer klinischen Phase-2b-Studie bemerkenswerte Ergebnisse bei Patienten mit akutem Lungenversagen gezeigt. Nach sieben Tagen waren 85 Prozent der behandelten Patienten frei von respiratorischem Versagen, in der Placebogruppe waren es 33 Prozent. Auch bei Krankenhausaufenthalt und Sterblichkeit zeigten sich deutliche Unterschiede. Zugelassen ist die Therapie allerdings noch nicht, als nächster Schritt soll eine größere internationale Studie folgen.

Es beginnt häufig mit einer schweren Lungenentzündung, einer Sepsis oder einer anderen massiven Belastung des Körpers. Dann geraten die Lungen außer Kontrolle. Beim akuten Lungenversagen, in der Fachsprache Acute Respiratory Distress Syndrome oder kurz ARDS, entzündet sich das Lungengewebe so stark, dass der Körper nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Viele Patienten brauchen Intensivmedizin und künstliche Beatmung. Mehr als 80 Auslöser sind bekannt, von Infektionen über schwere Verletzungen bis zur akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung. Trotz intensivmedizinischer Behandlung stirbt nach Angaben des Unternehmens je nach Schweregrad ein Fünftel bis knapp die Hälfte der Betroffenen. Gezielte Medikamente gibt es bis heute kaum. Eine israelische Entwicklung könnte daran langfristig etwas ändern.

Neunzig Patienten, fünf Tage Behandlung

Das israelische Biotechnologieunternehmen Nano24 hat die Ergebnisse seiner Phase-2b-Studie mit dem Wirkstoff EXO-CD24 am Dienstag auf der Jahrestagung des American College of Chest Physicians in Phoenix vorgestellt. Präsentiert wurden sie von Mitgründerin und Forschungschefin Shiran Shapira. Insgesamt nahmen 90 Patienten mit ARDS unterschiedlicher Ursache und unterschiedlichen Schweregrades teil. Zwei Drittel von ihnen, also 60 Patienten, erhielten die neue Therapie, 30 ein Placebo. Die Behandlung klingt vergleichsweise einfach: Die Patienten inhalierten EXO-CD24 zweimal täglich über fünf Tage.

Die Studie war randomisiert und doppelblind. Weder Patienten noch behandelnde Ärzte wussten also, wer tatsächlich den Wirkstoff erhielt. Nach sieben Tagen waren 85 Prozent der behandelten Patienten frei von respiratorischem Versagen, gemessen an einem festgelegten Grenzwert für die Sauerstoffsättigung im Blut. In der Placebogruppe waren es 33,3 Prozent. Damit erreichte die Studie ihren vorher festgelegten primären Endpunkt.

Deutlich kürzer im Krankenhaus

Auch bei der Dauer des Klinikaufenthalts zeigte sich ein auffälliger Unterschied. Die mit EXO-CD24 behandelten Patienten verbrachten in den ersten 28 Tagen im Durchschnitt 6,5 Tage im Krankenhaus, in der Placebogruppe waren es 14,4 Tage. Gerade bei einer Erkrankung, die häufig eine aufwendige intensivmedizinische Versorgung erfordert, wäre ein solcher Unterschied medizinisch und wirtschaftlich erheblich, sofern er sich in größeren Studien bestätigt.

Auch bei der Sterblichkeit zeigten die Daten ein positives Signal. Nach 28 Tagen lag das Sterberisiko in der Behandlungsgruppe nach einer statistischen Auswertung um 72 Prozent niedriger als unter Placebo, allerdings mit einer großen statistischen Unsicherheit. Nach sechs Monaten waren 13,3 Prozent der behandelten Patienten gestorben, in der Placebogruppe 43,3 Prozent. Schwere Nebenwirkungen, die auf den Wirkstoff zurückgingen, traten nach Unternehmensangaben nicht auf. „ARDS bleibt eine ernste klinische Herausforderung, und die Patienten brauchen zusätzliche Behandlungsmöglichkeiten“, sagte der Lungen- und Intensivmediziner Matthew Baldwin von der Columbia University in New York. Die Ergebnisse nannte er „ermutigend“.

Was steckt hinter EXO-CD24?

Die Therapie basiert auf sogenannten Exosomen. Dabei handelt es sich um winzige Bläschen, die Körperzellen ganz natürlich nutzen, um Informationen und Moleküle auszutauschen. Nano24 verwendet speziell entwickelte Exosomen, um das Protein CD24 direkt in die Lunge zu bringen. Die Idee dahinter: Bei ARDS richtet nicht nur der ursprüngliche Auslöser Schaden an. Ein Teil des Problems entsteht, weil das Immunsystem extrem stark reagiert und dabei zusätzlich gesundes Gewebe schädigt. EXO-CD24 soll diese überschießende Entzündungsreaktion gezielt abschwächen, ohne die normale Immunabwehr komplett zu unterdrücken. Weil der Wirkstoff inhaliert wird, gelangt er direkt dorthin, wo er gebraucht wird.

Die Idee entstand in Tel Aviv

Die Technologie stammt aus dem Tel Aviv Sourasky Medical Center, besser bekannt als Ichilov-Krankenhaus. Dort entwickelten der Gastroenterologe Nadir Arber und die Forscherin Shiran Shapira den Wirkstoff, Nano24 wurde gegründet, um ihn zur Marktreife zu bringen. Bekannt wurde EXO-CD24 erstmals in der Corona-Pandemie, als erste Ergebnisse bei schwer erkrankten Covid-Patienten weltweit Aufmerksamkeit erregten. Inzwischen ist auch ein international bekannter Name beteiligt: Der MIT-Professor und Moderna-Mitgründer Robert Langer leitet den wissenschaftlichen Beirat des Unternehmens. Nach Unternehmensangaben haben bislang mehr als 260 Patienten den Wirkstoff in Studien und im Rahmen von Heilversuchen erhalten.

Noch keine neue Standardtherapie

So beeindruckend die Zahlen wirken: Von einer etablierten Therapie kann noch nicht die Rede sein. Mit 90 Teilnehmern ist die Studie vergleichsweise klein, seltene Nebenwirkungen können bei einer solchen Gruppengröße leicht übersehen werden. Auch eine frühere Studie mit Covid-Patienten in Athen war deutlich weniger aussagekräftig, weil sie keine Placebogruppe hatte. Die jetzt vorgestellten Daten stammen aus einer Unternehmensmitteilung und einer Kurzpräsentation auf einem Fachkongress, eine vollständige wissenschaftliche Veröffentlichung mit Begutachtung durch unabhängige Fachleute steht noch aus. Und ein positives Ergebnis in Phase 2 bedeutet nicht automatisch, dass eine große Studie ebenso erfolgreich ausfällt.

Nano24 plant deshalb eine internationale Phase-3-Studie mit deutlich mehr Patienten. Einen Starttermin nannte das Unternehmen noch nicht. Erst wenn sich die Ergebnisse dort bestätigen und die Behörden Sicherheit und Wirksamkeit ausreichend belegt sehen, könnte eine Zulassung folgen.

Ein ungewöhnlich starkes Signal

Trotz dieser Einschränkungen sind die Daten bemerkenswert. Bei ARDS können Ärzte bislang vor allem den Körper unterstützen, während die eigentliche Ursache behandelt wird. Eine inhalierbare Therapie, die direkt in der entzündeten Lunge die überschießende Immunreaktion bremst, wäre ein neuer Ansatz. Ob EXO-CD24 diesen Anspruch erfüllen kann, muss die nächste Studienphase zeigen. Nach den jetzt präsentierten Ergebnissen gibt es aber gute Gründe, sehr genau hinzuschauen.

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